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Wie Corona Heimbewohnern geschadet hat

Die Isolation sollte die Menschen schützen – zu einem sehr hohen Preis, wie der neue Pflegereport der AOK jetzt zeigt.

Geschützt, aber einsam: Eine Seniorin in der Corona-Zeit in einem Pflegeheim.
Geschützt, aber einsam: Eine Seniorin in der Corona-Zeit in einem Pflegeheim. © 123rf

Nur ein Winken durch die Fensterscheibe statt eine tröstende Umarmung. Nur ein kurzes Telefonat statt des persönlichen Besuchs bei dem Menschen, der einem nahesteht: Zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus mussten Bewohner von Pflegeheimen viele Monate abgeschottet von ihrem Angehörigen und der Außenwelt leben.

Was gut gemeint war, hatte jedoch weitreichende negative Folgen. Zu diesem Ergebnis kommt der Pflegereport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO), der am Dienstag vorgestellt wurde. Demnach führten Maßnahmen wie das Besuchsverbot, die die hochbetagten Menschen vor einer Ansteckung schützen sollten, zu erheblichen Einschnitten in der Versorgung sowie in der Folge zu starker sozialer Isolation und einer Zunahme psychischer Belastungen.

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Mehr noch: „Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie reichten nicht aus, um die im Heim lebenden pflegebedürftigen Menschen ausreichend zu schützen“, sagte Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WidO und Mitherausgeberin des Pflege-Reports. Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick:

Hohe Infektions- und Sterberate

Analysiert wurde unter anderem, wie sich die Sterblichkeit der Pflegeheimbewohner im vergangenen Jahr entwickelt hat. Basis dafür waren die Versichertendaten der AOK-Pflege- und Krankenkassen, die als repräsentativ für ganz Deutschland gelten dürfen. Die Ergebnisse sind Teil des Forschungsprojekts „Covid-Heim“, das die Charité-Universitätsmedizin Berlin zusammen mit dem WIdO durchführt. Ort und Ursache des Versterbens spielten dabei keine Rolle. Die Zahlen zeigen: Die Sterblichkeit ist in den ersten zwei Pandemiewellen drastisch angestiegen.

Vor der ersten Corona-Welle war die Letalität von vollstationär Pflegebedürftigen geringer als in den Vorjahren 2015, 2017 und 2018 mit ihren ausgeprägten Grippewellen. Doch dann wendete sich das Blatt. Bereits rund drei Wochen nach Start des ersten Lockdowns lag die Sterblichkeit in Pflegeheimen um 20 Prozent höher als im Schnitt der Vorjahre. Von Oktober bis Dezember 2020 verstarben im Schnitt neun von 1.000 Bewohnern, was eine Übersterblichkeit von 30 Prozent im Vergleich bedeutet. Im Dezember lag der Wert sogar um 81 Prozent höher.

Die Analyse weist auch auf erhöhte Sterberaten unabhängig von Covid-19 in den Jahren zuvor hin. „Die naheliegenden Ursachen – Grippe- und Hitzewellen – gilt es gleichfalls weiter zu untersuchen“, sagte Schwinger.

Zieht man die medizinischen Daten aller AOK-Versicherten während der ersten Welle mit hinzu, wird das Ausmaß für die Pflegeeinrichtungen besonders deutlich. So betraf von April bis Juni 2020 jede dritte Covid-19-Diagnose bei über 60-Jährigen einen Heimbewohner. Und von den Versicherten, die wegen einer Corona-Erkrankung in einer Klinik behandelt wurden, war jeder Dritte vollstationär in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Ob die Infektion der Auslöser der Krankenhauseinweisung war oder erst während des Aufenthalts erworben wurde, kann auf Grundlage der Daten nicht differenziert werden.

Außerdem zeigt sich: Während 36 Prozent der 60- bis 64-jährigen Pflegeheimbewohner verstarben, wenn sie mit Covid-19 im Krankenhaus waren, lag die Rate bei den Nicht-Pflegeheimbewohnern bei nur neun Prozent. Die Sterbewahrscheinlichkeit der beiden Gruppen nähert sich erst mit steigendem Alter an. Schwinger: „Heimbewohner dürften aufgrund ihrer hohen Multimorbidität deutlich eher als andere Personengruppen gleichen Alters verstorben sein, wenn sie an Covid-19 erkrankten.“

Mangel an sozialen Kontakten

Wie drastisch die Einschränkungen in der sozialen Teilhabe für die Pflegebedürftigen waren, zeigt eine Befragung von knapp 1.000 Angehörigen für den Wido-Report. Demnach berichteten 43 Prozent der Bezugspersonen, dass zwischen März und Mai 2020 die Möglichkeit zu einem persönlichen Kontakt, auch unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen, gar nicht gegeben war. Für ein knappes Drittel war ein Besuch nur selten möglich. Zudem hatten nach Angaben der Befragten 36 Prozent der pflegebedürftigen Personen, die vor der Pandemie täglich oder mehrmals in der Woche das Zimmer verlassen haben, diese Möglichkeit während des ersten Lockdowns gar nicht oder nur selten.

Eine weitere Erkenntnis: Die Angehörigen haben während des selben Zeitraums deutliche negative Veränderungen des körperlichen, geistigen und psychischen Zustands der pflegebedürftigen Person beobachtet. Mehr als 70 Prozent berichteten über häufigere Gefühle von Einsamkeit und Alleinsein seitens der pflegebedürftigen Person, häufigere Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit (68 Prozent), Verschlechterungen der geistigen Fitness (61 Prozent) sowie verringerte Beweglichkeit beim Gehen, Aufstehen oder Treppensteigen (56 Prozent). „Die scharfen Isolationsmaßnahmen in den Pflegeheimen in der ersten Pandemiewelle haben dramatische Auswirkungen für die Pflegebedürftigen, und zwar physisch und psychisch“, schätzt Schwinger ein.

Befragt wurden die Angehörigen auch zur ärztlichen Versorgung während des ersten Lockdowns. Demnach waren bei mehr als jeder fünften pflegebedürftigen Person alle bereits vereinbarten Termine mit dem Hausarzt ausgefallen. Von den Bewohnern mit vereinbarter fachärztlicher Versorgung konnte nur knapp ein Viertel die Termine wahrnehmen. Parallel gingen in den ersten März-Wochen die Krankenhausaufnahmen von Heimbewohnern um rund ein Drittel zurück. Das könnte auf eine mögliche gesundheitliche Unterversorgung hindeuten, heißt es im Pflege-Report.

Forderung nach Konsequenzen

Nach Ansicht der Wissenschaftler deckt die Corona-Krise die Schwächen des stationären Pflegesystems auf Kosten der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und des Personals auf. „Wir haben eine Katastrophe erlebt“, sagt Professor Dr. Adelheid Kuhlmey vom Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité. Solch eine Situation dürfe sich nicht wiederholen. „Es muss untersucht werden, wie Isolation, Kontaktsperren zu Angehörigen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit das Leben der Bewohner beeinflussten und welche technischen, baulichen, rechtlichen und personellen Veränderungen und Ressourcen benötigt werden, um das zu vermeiden“, so Schwinger.

Was auf keinen Fall noch einmal herangezogen werden dürfe, sei die generelle Isolierung der hochbetagten Frauen und Männer. „Wir sollten die Pandemie zum Anlass für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs nehmen, was uns eine menschenwürdige Versorgung im Alter als Gesellschaft wert ist“, sagt Schwinger. Die jüngste Pflegereform im Zuge des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetzes könne diesen Anspruch jedenfalls nicht erfüllen.

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Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert angesichts der Ergebnisse schnelles Handeln. „Für eine vierte Infektionswelle müssen jetzt die nötigen Vorbereitungen getroffen werden“, sagt Vorstandschef Eugen Brysch. „Es gilt, Corona schon vor der Tür zu stoppen und weiter ungeimpfte Mitarbeiter und Besucher vor dem Einlass zu testen. Ebenso notwendig bleiben Hygienekonzepte.“ Zudem müsse geklärt werden, wann das dritte Impfangebot Menschen in der Altenpflege erreicht. Darüber erst im Herbst zu entscheiden, sei viel zu spät.

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