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Wie Hausärzte im Kreis mehr impfen wollen

90 Minuten lang sprachen ihre Vertreter am Donnerstag mit Ministerpräsident Michael Kretschmer. Ihre Erwartungen sind ganz eindeutig.

Das Ziel ist klar: Schnell impfen wollen alle Hausärzte, sie hoffen jetzt auf verlässliche und mengenmäßig höhere Lieferungen der Impfstoffe.
Das Ziel ist klar: Schnell impfen wollen alle Hausärzte, sie hoffen jetzt auf verlässliche und mengenmäßig höhere Lieferungen der Impfstoffe. © Symbolfoto: Steffen Unger

Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte im Landkreis Görlitz unterstützt die Fortführung des Löbauer Impfzentrums bis mindestens 31. Juli. Das wurde bei einer Videoschalte von Vertretern der Ärzteschaft und des Görlitzer Landratsamtes mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am Donnerstagmittag deutlich.

"Ich empfinde die Verlängerung als ausgesprochen positiv", äußerte der Nieskyer Allgemeinmediziner Volker Höynck. Und der Gefäßmediziner Dr. Lutz Buschmann aus Weißwasser hat gleich einen Vorschlag. Mindestens das dritte Quartal über sollte das Impfzentrum aufbleiben. Zugleich machten die Mediziner bei dem fast 90-minütigen Austausch deutlich, woran die Impfkampagne noch krankt.

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Wie kommt mehr Impfstoff planbar zu den Hausärzten?

Dr. Gottfried Hanzl aus Oderwitz erinnert das Bestellen des Impfstoffs an die weihnachtlichen Wunschlisten der Enkelkinder. Montags bestelle er den Impfstoff bei der Apotheke, am nächsten Montag erfahre er, ob und welchen Impfstoff er erhalte und erst an dem Tag darauf könne er die Patienten informieren und Termine vereinbaren. "Man kann sich derzeit auf die Lieferungen nicht verlassen", klagt er und seine Berufskollegen stimmen ausnahmslos zu. Das müsse sich ändern. Verlässlich müssten die Mengen an Impfstoff zu den Hausärzten ausgeliefert werden, wie sie sie auch bestellt haben. Dann könnten sie mehr Patienten impfen. Auf 20.000 Impfdosen beziffert Markus Cording, Projektkoordinator für die medizinische Versorgung im Landkreis, den wöchentlichen Bedarf.

Das war in den vergangenen Wochen schwierig, weil noch zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht. Das Bundesgesundheitsministerium kündigte vor wenigen Tagen aber an, dass ab Ende Mai mindestens 3,4 Millionen Impfdosen allein von dem mRNA-Impfstoff von Biontech für die Hausarztpraxen deutschlandweit zur Verfügung stehen, hinzu kämen Lieferungen anderer Anbieter. Das sind 500.000 Impfdosen mehr als momentan. Zudem erhalten die sächsischen Impfzentren wöchentlich stabil 120.000 bis 130.000 Impfdosen verschiedener Anbieter. Die Zahlen können sich aber noch verändern, wenn die Produzenten ihre Lieferangabe präzisieren.

Können die Hausärzte so viel verimpfen?

Derzeit impfen nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung 134 niedergelassene Ärzte, darunter 114 Hausärzte und eine Kinderärztin. Im gesamten Landkreis sind 170 Hausärzte tätig sowie weitere 297 niedergelassene Fachärzte - darunter auch die Kinderärzte. Ute Taube aus Berthelsdorf, Vorsitzende der Kreisärztekammer, denkt an einen Aufruf der Kreisärztekammer an die Kollegen, sich an der Impfkampagne zu beteiligen. Nach ihren Worten liegt der Anteil der impfenden Ärzte im südlichen Kreisgebiet höher als im Norden oder in der Stadt Görlitz. Auch der Weißwasseraner Allgemeinmediziner Dr. Karl-Heinz Dreier appelliert an seinen Berufsstand: "Corona-Pandemie ist die Herausforderung unserer Berufslaufbahn. Das kommt in den nächsten 50 Jahren nicht mehr vor." Auch gegenseitige Hospitationen könnten helfen. "Selbst aus Hoyerswerda hat eine gynäkologische Kollegin bei mir in der Praxis geschaut, wie es geht", sagt Lutz Bachmann.

Was sind Gründe, warum manche Hausärzte noch zögern?

Neben der gegenwärtig noch nicht garantieren Lieferung von Impfstoff gibt es mindestens zwei Hauptgründe, warum Haus- oder andere niedergelassene Ärzte gegenwärtig nicht impfen. Als einen wichtigen Grund nennt der impferfahrene Hausarzt Volker Höynck die Bürokratie. Erst müssten die Patienten sich die fünf Blätter, die sie ausfüllen müssen, sich in der Praxis holen kommen, sofern sie diese sich nicht selbst ausdrucken können. Dann kommen sie ein zweites Mal in die Praxis zum Impfen - und dann ist der falsche Impfstoff geliefert und die Impfung kann nicht durchgeführt werden. Höynck hat bereits viel mit den mobilen Impfteams geimpft, in der Praxis aber nicht. "Wenn ich da beginne, will ich durchstarten", sagt er.

Das zweite große Problem: Im ländlichen Raum hat mancher Arzt nicht die Voraussetzungen in der Praxis, um neben dem normalen Betrieb noch gegen das Coronavirus zu impfen. Da will der Kreis helfen, sagt Markus Cording. So könnten in Gemeinden wieder lokale Impfzentren für einen oder zwei Tage eingerichtet werden, wo dann die Hausärzte ihre Patienten impfen können. Das sei möglich, sagt auch Regierungschef Kretschmer.

Gibt es Probleme mit der Akzeptanz von Astra-Zeneca?

Die niedergelassenen Ärzte beobachten, dass sie einen hohen Informationsbedarf bei Astra-Zeneca haben, der Görlitzer Arzt Dr. Leonhard Großmann spricht "von viel Überzeugungsarbeit", aber dann lassen sich die Patienten durchaus auch mit diesem Vakzin impfen. Ute Taube aus Berthelsdorf erkennt gerade in den letzten Tagen eine steigende Akzeptanz: Viele wollen sich nun doch impfen lassen, um im Sommer reisen und zu einem normalen Leben zurückkehren zu können.

Gibt es jetzt eine Konkurrenz zum Löbauer Impfzentrum?

Nein, sagen die niedergelassenen Ärzte. Zumal, wenn tatsächlich Kinder ab Sommer ebenfalls geimpft werden sollen, braucht es das Impfzentrum noch länger. Deswegen äußert Matthias Reuter vom Landratsamt auch den Vorschlag, dass im Impfzentrum bis zum letzten Tag Erstimpfungen sowohl mit Biontech als auch Astra-Zeneca stattfinden. "Die Zweitimpfungen können dann in den Hausarztpraxen geschehen." Diese Erwartung hatte bereits der Görlitzer Landrat Bernd Lange am Montag an den Freistaat gerichtet, weil ansonsten das Impftempo in dem Zentrum spätestens Mitte Juli praktisch zum Erliegen kommt, weil dann gar keine Erstimpfungen mehr vorgenommen werden - da zum Zeitpunkt der Zweitimpfung das Zentrum bereits geschlossen hat.

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