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Wie Corona Studenten in die Existenznot trieb

Cottbus schmückt sich gerne mit internationalen Studierenden. Doch die Pandemie hat etliche von ihnen in Verschuldung und Depressionen getrieben.

Küchenschluss. Wo essen Studenten, wenn die Mensen geschlossen sind – und von welchem Geld, wenn es keine Studentenjobs gibt? Viele verheimlichen ihre Bedürftigkeit aus Angst vor Ausweisung.
Küchenschluss. Wo essen Studenten, wenn die Mensen geschlossen sind – und von welchem Geld, wenn es keine Studentenjobs gibt? Viele verheimlichen ihre Bedürftigkeit aus Angst vor Ausweisung. © imago

Von Deike Diening

Irgendwann, wenn sie endlich die internationalen, mehrsprachigen Experten sein werden, zu denen sie hier in Cottbus an der Universität ausgebildet werden, die Ingenieurinnen, Klimawissenschaftler und Konservatorinnen, werden sie ihren Kindern aus ihrer aufregenden Studentenzeit erzählen: Wie sie einmal in einem der reichsten Industrieländer der Erde bald verhungert wären.

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Wie sie dort während der Corona-Pandemie monatelang angestanden haben für Zehn-Euro-Essensgutscheine der Caritas. Aufgebrochen als Hoffnungsträger ihrer Familien, sind sie in Deutschland zu Bittstellern geworden. Erpressbar von windigen Arbeitgebern, manche abhängig von Bekannten, die ihnen eine Couch zum Schlafen anboten. Kinder, was für ein Abenteuer!

Es ist noch nicht klar, ob sie dann erzählen werden, dass offiziell beschämend niemand für ihre Not zuständig war – oder aber wie großartig die Caritas, die evangelische Kirche, Unternehmen und sogar die Cottbusser Bürger sie unterstützt und gerettet haben.

Zwischen einem katholischen Kindergarten und der Christuskirche, zehn Minuten vom Bahnhof entfernt, liegt der Eingang zum Caritas-Projekt „Faire Integration“, das Susanne Riepe mit der besonderen Fähigkeit leitet, die Bedürfnisse anderer mit ihrer Lust am Netzwerken zu verbinden. Es ist eine Beratung für ausländische Arbeitnehmer, die hier ihre Verträge überprüfen lassen können.

Überschuldung, Depressionen, Abhängigkeit

Doch ab März 2020 tauchten plötzlich internationale Studierende bei ihr auf, die ihre Jobs verloren hatten. Sie hatten in Geschäften, Hotels und im „Tropical Island“ gearbeitet, die nun alle dicht waren. Fehlende Sprachkenntnisse, sagt Riepe, seien das größte Problem in den fragilen Arbeitsverhältnissen. Die Leute, die ihre Beratung suchen, wissen oft nicht, was sie im guten Glauben unterschrieben haben: „Aufhebungsverträge!“, stellte sie fest. Oder Lohnverzicht.

Und bei vielen wuchs sich in den Monaten der Pandemie ein einfacher Jobverlust zu völlig unvorhersehbaren Notlagen aus. Und manchmal zu richtigem Leid: Überschuldung, Depressionen, Abhängigkeitsverhältnisse, einige entgingen knapp der Obdachlosigkeit.

Cottbus ist ein begehrter Ort für internationale Studierende.
Cottbus ist ein begehrter Ort für internationale Studierende. © dpa

Cottbus ist ein begehrter Ort für internationale Studierende. Die BTU, die Brandenburgische Technische Universität, hat einen hervorragenden Ruf für ihre Studiengänge, viele in der Lehrsprache Englisch. Aber der Teufel steckt immer im Detail.

Und die Details haben sich gegeneinander verschworen: Wenn internationale Studierende in Armut geraten, geraten sie zugleich automatisch an die Grenze zur Illegalität. Denn ihr Aufenthaltsstatus ist an ihre Solvenz gekoppelt: Zur Einschreibung müssen Studierende aus Nicht-EU-Ländern in der Regel nachweisen, dass auf einem so genannten Sperrkonto 10.332 Euro liegen, sie also im Notfall aus eigenen Mitteln ihren Unterhalt sichern können.

Plötzlich stehen körperliche Gegenleistungen im Raum

„Nach einem halben Jahr oder Jahr des Studiums ist oftmals nur ein einfacher Nachweis nötig und führt dazu, dass das Geld dort nur kurz liegt“, sagt Riepe, manchmal ist es zusammengeliehen einzig für den Nachweis. Dann gehen viele davon aus, sich durch Studentenjobs finanzieren zu können, was in normalen Zeiten selten ein Problem ist.

Um Hilfen zu beantragen, müssen sie jedoch ihre Not nachweisen. Nun haben sie Angst, dass nachweisbare Not ihren Aufenthaltsstatus bedroht. Deshalb, sagt Heike Petersen, die sich bei der Caritas als Hypnosystemische Beraterin um die seelischen Probleme kümmert, suchten viele lange keine Hilfe: „Viele sind in vorauseilendem Gehorsam ausgezogen aus ihren Studentenzimmern, um nicht bei ihrer Uni negativ aufzufallen.“

Ihnen blieb noch „Couchsurfing“. Manche hätten das länger als ein halbes Jahr gemacht, sogar mit Kindern. Und weil nicht immer der reinen Menschlichkeit begegnet, wer mit Couchsurfing um Haaresbreite an der Obdachlosigkeit vorbeischrammt, von Bekanntem zu Bekanntem, stehen plötzlich körperliche Gegenleistungen im Raum.

Einige haben ein Jahr verloren. Andere „nur“ Geld. Und manche ihre Würde. Offizielle Stellen waren plötzlich nur noch telefonisch erreichbar, viele kämpften mit dem hartleibigen Amtsdeutsch. Einige kommen aus Ländern, sagt Petersen, in denen staatliche Organe schlimme Dinge tun, da werde manchmal ein Trauma getriggert, „und dann können sie gleich zu mir kommen“. Wenn Traumata hochkommen, „da machen wir Menschen komische Dinge: Wir öffnen Post nicht, sprechen nicht mehr. Und haben Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen“.

Anastasiia Pastushenko putzte nachts Messestände. Dann kam die Pandemie.
Anastasiia Pastushenko putzte nachts Messestände. Dann kam die Pandemie. © Deike Diening

Anastasiia Pastushenko, von zupackender Ausstrahlung, kam 2018 aus Kiew nach Cottbus. Sie wollte in eine kleine Stadt mit weniger Luftverschmutzung, wo sie an der Uni keine Nummer sein würde. Eine Stadt, in der sie zum Mittagessen schnell nach Hause gehen kann.

„In Cottbus ist man mit dem Fahrrad gleich draußen in der Natur, trotzdem gibt es Festivals.“ Sie liebt diese Mischung, wo man Gelegenheit hat, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen und das Semesterticket des Verkehrsverbunds bis Berlin reicht. Dort lassen sich auch Jobs finden, für die zunächst Englisch genügt.

Ende ihres ersten Semesters begann Anastasiia in Berlin bei der Messe zu arbeiten: Nach anderthalb Stunden Zugfahrt putzte sie dort nachts die Stände. In drei bis fünf Nächten verdiente sie dort recht viel Geld auf einmal, dann in der Früh wie betäubt im Zug zurück nach Cottbus. Sie studiert den internationalen Studiengang „Environmental Ressource Management“ – und auf ihre eigenen Ressourcen musste sie nun auch achten.

Als sie frei hatte, sah sie sich Frankfurt, Nürnberg, München und Starnberg an. Seit Mai 2019 arbeitete sie im Tropical Island, wie viele Studierende. Dorthin war es nur eine halbe Stunde Zugfahrt. Bis im März des letzten Jahres auch die Tropische Insel schloss. Plötzlich war ihr Arbeitsvertrag nichts mehr wert.

Anstehen für Essensgutscheine

So ist auch sie bei der Beratung der Caritas gelandet. Ein paar Ersparnisse besaß sie noch. Dann bekam sie einige Monate Überbrückungshilfe und über den Jahreswechsel arbeitete sie vier Wochen in einem Lager von Amazon. Dieses Geld beruhigte sie etwas. Doch schließlich war auch sie einige Wochen auf Essensgutscheine angewiesen.

Bei der Caritas hatten Susanne Riepe und ihre Mitstreiter längst bemerkt, dass hinter jedem einzelnen, der bei ihnen im Hof für einen Gutschein anstand, ein Mensch mit viel komplizierteren Problemen stand, die mit zehn Euro für Lebensmittel gar nicht zu lösen waren.

In der Tat fallen internationale Studierenden oft durch das Raster der Hilfen. Existenzielle Notlagen beträfen in Cottbus etwa zehn Prozent der 3.000 internationalen Studierenden, schätzt Riepe, 300 Menschen. Auch den Bundesverband ausländischer Studierender (BAS) erreichen seit Monaten Hilferufe aus dem ganzen Land, Studierende können ihre existenziellsten Bedürfnisse nicht mehr decken.

„Was hier passiert, ist ein Leuchtturm-Beispiel. Keine Dauerlösung“, sagt Susanne Riepe. In Cottbus haben sich unbürokratisch die Stadtverwaltung, die Caritas, die Diakonie, der Studentenpfarrer und der Vorsitzende des Sozialausschusses zusammengesetzt und jenseits der Cottbusser Haushaltssperre Spenden organisiert. Im Februar kamen nach einem Spendenaufruf über 40.000 Euro von Privatleuten und Unternehmern zusammen.

Auch als Spargelstecher versucht

Ebenfalls im Februar haben sie zusätzlich zur Verteilung der Gutscheine das Counselling-Projekt aus der Taufe gehoben: Ein Team von psychologisch Geschulten, Studenten und Betroffenen bildet ein Hilfenetzwerk mit Zugang zu den Kirchen, zur Stadt und verschiedenen Stiftungen. Ihre Lieblingsfrage an die Betroffenen: Was braucht es? Sie können das fragen auf Französisch, Arabisch, Englisch, Russisch und Türkisch. Meist braucht es einen Antrag.

Anastasiia Pastushenko, 25 Jahre alt, hat inzwischen selbst bei dem Hilfsprojekt zu arbeiten begonnen, zunächst als Freie beim Übersetzen. Mittlerweile versorgt sie hunderte Leute mit Gutscheinen und versucht herauszufinden, für welche Probleme die Abhängigkeit von Essensgutscheinen das Symptom ist. Sie zückt ihre Visitenkarte der Caritas: „Sprach- und Kulturmittlerin“ steht darauf.

Man kann in diesen Räumen einen fertig studierten Ingenieur aus Usbekistan treffen, der sich mit Starkstromnetzen auskennt und schon in Versorgungswerken gearbeitet hat. Nun jobbt er als Komparse am Film, bis er eine Arbeit findet.

Man kann mit einem Studenten aus Bangladesh reden, der in der Druckerei der Lausitzer Rundschau jobbt. Viele hätten sich im ersten Lockdown als Spargelstecher versucht. Es gab ein Probestechen, und nur, wer die beste Qualität gestochen hatte, durfte bleiben. Aber so gut wie die Rumänen wurden sie nie. Der Pfarrer sagt: „Für Akademiker ist das ungeeignet.“

Cottbus ist jetzt ein Fall für die Entwicklungshilfe

Studentenpfarrer Steffen Tuschling, 52 Jahre alt, hört jetzt öfter den Satz: „Chaplain, I need your help.“ Und auch Tuschling von der evangelischen Kirche kann tatsächlich Nothilfen bewilligen. In normalen Zeiten erreichen ihn sechs Anfragen im Monat. Nun hat er zehn in der Woche. Zum Glück hat er für die härtesten Fälle noch Mittel aus Spenden für „Brot für die Welt“.

Cottbus ist jetzt ein Fall für Entwicklungshilfe, die eigentlich für den globalen Süden bestimmt ist. Einiges fließe nun ins Inland, sagt Tuschling, denn ein Teil der Elite der betroffenen Länder werde eben gerade hier ausgebildet. Also unterstütze man damit mittelbar eben auch: den globalen Süden. 350 Euro ist die Maximalsumme, die Tuschling bewilligen darf, maximal fünf Mal hintereinander.

„Kennen Sie Biafra?“ fragt Florence, schnittige Turnschuhe, strahlend gelbes Kleid, kindliche Unschuld auf dem Schoß und hier ohne Nachnamen. Na klar, die Bilder von hungernden Kindern aus dem Biafra-Krieg gingen Ende der 60er um die Welt! Sie gaben das Ur-Bild des hungernden, afrikanischen Kindes mit aufgedunsenem Bauch.

Studentin Florence trug sich zeitweise mit Selbstmordgedanken.
Studentin Florence trug sich zeitweise mit Selbstmordgedanken. © Deike Diening

Aus diesem Teil Nigerias kam Florence 2018 nach Cottbus, um ihren Master in „Environmental Ressource Management“ zu machen. Zuvor hatte sie Biochemie studiert.

Jetzt sitzt sie in den Räumen der Caritas und schiebt ihrer einjährigen Tochter Kuchen und Weintrauben in den Mund. Die Essensgutscheine, die sie brauchte, waren nur das kleinste Element ihres zunehmend prekären Lebens.

Am 6. März 2020, just vor dem ersten Lockdown, kam ihre erste Tochter per Kaiserschnitt in die virusgebeutelte Welt. Kaum war Corona da, sagte ihr die Hebamme ab. Dann wurde auch alles andere immer weniger. Sie hatte zuvor in einer Parfümerie gearbeitet. Nun schlug ihr aufs Gemüt, dass sie im Lockdown nicht raus konnte, alleinerziehend mit der kleinen Tochter, von einem Vater ist nie die Rede. Sie häufte Schulden bei der Krankenkasse an. Als es eng wurde, kam sie samt Kind bei Bekannten in Berlin unter.

Amt wertete Retouren-Gutschriften als Einkommen

Ihr Deutsch ist noch nicht gewaltig, aber sie kennt das Wort „proaktiv“. Es bezeichnet die Art, wie man mit deutschen Behörden umgehen soll. Als alleinerziehende Mutter im Urlaubssemester hat sie anders als Frauen, die nur studieren, Anspruch auf Geld für das Kind. Und Florence war gut, sie arbeitete mit Übersetzern, schrieb von sich aus E-Mails. Trotzdem lernte sie schnell auch das Wort „Ablehnungsbescheid“.

Weil sie sich von Bekannten Geld geliehen hatte, um ihre Schulden zu bezahlen, erkannte das Job-Center in Berlin ihre Mittellosigkeit nicht an: Da sei doch Geld! – Auch, wenn es nicht ihres war. Als sie im Dezember nach Cottbus kam, wurde sie aufgefordert, eine Zweitwohnungssteuer zu bezahlen. Im Februar starb ihr Vater in Nigeria, zu dessen Beerdigung sie nicht fahren konnte. Sie kümmerte sich um ihre Tochter. Zwischendurch: Selbstmordgedanken.

Erst als sie hier bei der Ausgabe der Essensgutscheine Anastasiia kennenlernte, wurde alles besser. Jemand sagte ihr, dass es nicht in Ordnung ist, wenn das Job-Center die Retourengutschriften von Amazon auf ihrem Konto als Einkommen rechnet. Dass es keinesfalls verboten sei, auf dem Amt Englisch zu sprechen, wie man ihr hatte weismachen wollen.

Das Geld vom Job-Center wurde ihr schließlich doch noch ausgezahlt. Und zum 15. Juni hat sie eine eigene Wohnung gefunden: drei Zimmer, teilmöbliert.

„Das sind doch hoch begehrte Menschen, die Fachkräfte von morgen“, sagt Susanne Riepe. Als solche würden sie später aufwendig umworben. Doch sei es nicht viel einfacher, die internationalen Studierenden zum Bleiben zu bewegen?

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