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Wie redet man mit Impfskeptikern?

Sozialpsychologin Pia Lamberty über Impfskepsis, Verschwörungserzählungen und wie man sein Gegenüber überzeugen kann.

Wenn jemand stark an Verschwörungen glaubt, sieht er den Staat als Teil der Verschwörung.
Wenn jemand stark an Verschwörungen glaubt, sieht er den Staat als Teil der Verschwörung. © Boris Roessler/dpa

Die Impfbereitschaft sinkt. Oft stecken nicht nur Ängste, sondern auch Verschwörungserzählungen dahinter. Sächsische.de sprach darüber mit Sozialpsychologin Pia Lamberty, die mit Katharina Nocun das Buch schrieb: „True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“.

Frau Lamberty, welchen Einfluss haben Verschwörungserzählungen auf die Impfbereitschaft?

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Wenn man sich die neuesten Zahlen des Covid-19 Snapshot Monitoring anschaut, sieht man Zustimmungsraten von 22 Prozent zu der Aussage, dass Corona nur ein Schwindel sei oder von Experten erfunden wurde. Damit geht nachgewiesenermaßen eine schwindende Bereitschaft zur Impfung einher. Nicht jeder darunter ist ein überzeugter Verschwörungsideologe, aber es gibt ein Potenzial in der Gesellschaft.

Selbst Menschen, die erst mal keine Affinität zum Verschwörungsglauben haben, sind weniger bereit, sich impfen zu lassen, wenn sie mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Viele Menschen glauben nicht das ganze Paket. Es bleibt aber oft ein ungutes Bauchgefühl. Viele haben die Tendenz zu glauben, dass ein bisschen schon was dran sein wird und suchen nach dem wahren Kern der Verschwörungserzählung.

Lassen sich Menschen, die fest an eine Verschwörung glauben, noch aus ihrem Glaubenssystem herausholen?

Wenn jemand fest überzeugt ist, dass die Impfung das Böse und Teil einer Verschwörung ist, kommt man bei demjenigen oft nicht weiter. Sobald es sich um eine Ideologie handelt, sind diese Menschen relativ faktenresistent. Es gibt zwar Ansätze, wie man versuchen kann, sie aus dem Verschwörungsumfeld herauszuziehen. Das ist aber langwierig und oft fraglich, ob man die Ideologie so beendet. In diesen Fällen würde ich Angehörigen empfehlen, zu einer Beratungsstelle zu gehen.

Pia Lamberty (37) ist Sozialpsychologin und Geschäftsführerin des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie.
Pia Lamberty (37) ist Sozialpsychologin und Geschäftsführerin des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie. © Daniel Pasche/CeMAS

Unter den Nichtgeimpften gibt es aber auch viele zögernde Menschen, die lediglich Ängste haben.

Diese Menschen kann man erreichen, indem man bürokratische Hürden abbaut und versucht, mit Informationen und in Gesprächen mit den Ärzten die Ängste zu nehmen. Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle: Neuere Studien zeigen, dass ein unterstützendes Umfeld positive Auswirkungen hat. Zum Beispiel, wenn Angehörige anbieten, einen Impftermin auszumachen, mit zur Impfung gehen und da sind, wenn es zu einer Impfreaktion kommt. Das kann helfen.

Wie soll man vorgehen, wenn man sich auf eine Impfdiskussion einlässt?

Das Erste ist, sich zu vergewissern, wie ideologisch verhaftet mein Gegenüber ist. Das Thema Impfen ist etwas sehr Emotionales. Man weiß, was daran hängt und welche Konsequenzen das für den Pandemieverlauf hat. Man muss genau schauen: Hat mein Onkel gerade eine Sprachnachricht mit Desinformationen zur Impfung gehört und ist verunsichert oder glaubt er wirklich ganz stark an Verschwörungen. Mit dem Wissen kann man sich eher überlegen, wie man mit jemandem umgeht.

Gibt es für Sie einen Punkt, an dem man das Gespräch beenden sollte?

Eine Grenze ziehen sollte man, wenn es rassistisch und antisemitisch wird oder es Bedrohungen gegenüber konkreten Personen, wie Virologen und Politikern, gibt. Auf dieser Ebene sollte man nicht diskutieren. Insgesamt kommt es aber auch darauf an, wie nah ich einer Person bin. Den Schaffner im Zug oder den Supermarktmitarbeiter werde ich wahrscheinlich nicht überzeugen können. Wenn es eine Person ist, die mir vertraut, habe ich größere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, da ich eine vertrauenswürdige Quelle sein kann.

Man sollte sich auch fragen: Wie viele Ressourcen habe ich selber? Bin ich überfordert oder bereit, Zeit zu investieren? Denn jemanden zu überzeugen dauert. Eine Ideologie bildet sich nicht von heute auf morgen zurück, und ein gutes Argument reicht oft nicht. Es ist wichtig, sich Pausen zu gönnen. Wenn man nur diskutiert, ist die Beziehung irgendwann so vergiftet, dass man nicht mehr weiterkommt. Auch die Regierung wirbt seit Monaten mit der Kampagne „Ärmel hoch“ für das Impfen. 60 Prozent der Bevölkerung kennen laut des Covid-19 Snapshot Monitoring die Kampagne.

Hilft das für den Impffortschritt?

Wenn jemand stark an Verschwörungen glaubt, sieht er den Staat als Teil der Verschwörung. Dann ist der Staat kein vertrauenswürdiger Sender von Informationen. Da braucht es eher die eigene Community: Die Dorfgemeinschaft, den Kirchenkreis, den Chef – jemanden, dem man vertraut.

Derzeit wird viel über kostenpflichtige Tests und Zugangsmöglichkeiten nur für Geimpfte diskutiert. Helfen solche Schlechterstellungen von Ungeimpften als Impfanreiz?

Ich würde mir wünschen, dass man erst mal alles andere versucht, um Menschen zum Impfen zu motivieren. Ich habe das Gefühl, dass das noch relativ schleppend läuft. Es gibt Studien und Erfahrungen aus anderen Ländern, die zeigen, dass Impfanreize und der Abbau von bürokratischen Hürden durchaus funktionieren können.

Viele Unsicherheiten entstehen durch die Mischung aus richtigen Fakten, Gerüchten, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen, gerade in den sozialen Medien. Wie können wir uns gegen „Infodemien“ schützen?

Man muss zwischen Falschinformationen, Desinformationen und Verschwörungserzählungen unterscheiden. Falschinformationen sind Dinge, die falsch sind und aus einem Informationsdefizit kommen. Da ist wichtig, dass keine Informationslücken entstehen und die Politik Änderungen im Wissen über die Pandemie klar und transparent kommuniziert. Bei Desinformationen geht es hingegen darum, dass sie gesteuert sind von Leuten, die ein politisches oder auch finanzielles Interesse haben. Eine Studie im englischsprachigen Raum zeigt, dass 65 Prozent der Desinformationen über Impfungen von zwölf Accounts kommen. Man muss diese Dynamiken frühzeitig erkennen und verstehen, dass das keine zufälligen Strukturen sind.

Sie schlagen ein sogenanntes Fakten-Sandwich vor, um Fehlinformationen zu entkräften. Was ist das?

Das ist eine Möglichkeit, um mit falschen Informationen umzugehen. Man kann zuerst die richtige Information nennen, im zweiten Schritt warnen, dass nun eine Fehlinformation kommt, dann kurz die Fehlinformation nennen und erklären, was daran falsch ist und dann in einem dritten Schritt noch mal die richtige Information wiederholen. Durch diese Einbettung entkräftet man Fehlinformationen. Macht man das nicht und gibt die Fehlinformation nur wieder und entkräftet sie danach, bleibt oft leider mehr die Fehlinformation hängen, weil diese oft viel emotionaler und dramatischer ist.

Werden Verschwörungserzählungen mit Pandemieende und zurückgegebenen Freiheiten wieder weniger?

Der Glaube an Verschwörungen war schon vor der Pandemie präsent. Wir haben uns nur weniger damit beschäftigt. Schon vor der Pandemie hatten wir es mit einem Drittel der Bevölkerung zu tun, die eine gewisse Affinität zu Verschwörungserzählungen hat. Wir hatten nur unterschiedliche Themen. Unter der Pandemie haben sich diese Themen auf einmal vereint, und der Handlungsdruck wurde stärker.

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Ich kann mir vorstellen, dass die Bewegung auf der Straße für eine Zeit lang weniger wird. Sobald es Themen gibt, die sich zum Mobilisieren eignen, wird das aber wieder aufkommen. Diese Menschen sind ja nach wie vor da. Auch im Kontext des Klimawandels werden wir einschränkende Maßnahmen und Konflikte erleben. Das wird von der Szene wieder neu instrumentalisiert werden. Dementsprechend würde ich mir wünschen, dass man sich Konzepte erarbeitet, wie man etwa mit Infodemien umgeht.

Das Gespräch führte Patrick Siebenrock.

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