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Muss ich mir als Geimpfter jetzt Sorgen machen?

Das Coronavirus breitet sich in Sachsen rasant aus – zu allermeist unter Menschen ohne Impfschutz. Es gibt aber Ausnahmen. Die Fakten und Zahlen im Überblick.

Von Steffen Klameth
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Eine Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer wird vorbereitet.
Eine Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer wird vorbereitet. © Michael Reichel/dpa (Symbolbild)

Die Krankenhäuser schlagen Alarm: Seit einigen Tagen müssen deutlich mehr Patienten mit einer Corona-Infektion behandelt werden als erwartet. Unter den Betroffenen befinden sich zunehmend auch Menschen, die bereits zweifach geimpft sind. Wie kann das sein? War die ganze Impfkampagne womöglich umsonst? Das sind die Zahlen und Fakten.

Wie viele geimpfte Sachsen haben sich mit dem Coronavirus angesteckt?

Die sächsischen Gesundheitsämter melden kontinuierlich alle sogenannten Impfdurchbrüche an die Landesuntersuchungsanstalt. Dort waren bis diesen Montag landesweit insgesamt 4.506 Fälle erfasst, wie das Sächsische Sozialministerium auf Anfrage der SZ mitteilte. Die Anzahl vollständig geimpfter Menschen im Freistaat beträgt aktuell 2,293 Millionen. Die ersten beiden Fälle wurden bereits im Februar, also kurz nach Beginn der Impfkampagne, registriert. Seit Juli nehmen – parallel zur Zahl der Geimpften – die Impfdurchbrüche stetig zu. Allein in den ersten drei Oktoberwochen wurden 2.306 Fälle gemeldet.

Welche Menschen sind besonders betroffen?

Die meisten Impfdurchbrüche traten in Sachsen in der Altersgruppe zwischen 50 und 59 Jahren auf (860), gefolgt von den 40- bis 49-Jährigen (830) und 30- bis 39-Jährigen (781). Allerdings musste nur ein kleiner Teil von ihnen ins Krankenhaus. Das Risiko einer stationären Behandlung steigt mit dem Alter stetig an, ebenso die Wahrscheinlichkeit, auf eine Intensivstation zu kommen oder gar zu versterben. 56 Menschen sind in Sachsen trotz Impfung an oder mit Corona gestorben, 44 waren 80 Jahre oder älter.

Wie ist die Situation deutschlandweit?

Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht wöchentlich Zahlen für die gesamte Bundesrepublik. Im letzten Bericht wurden insgesamt 95.487 wahrscheinliche Impfdurchbrüche genannt, berücksichtigt sind alle Fälle bis Mitte Oktober. Die Erkenntnisse zur Schwere der Fälle decken sich mit denen in Sachsen. Nach Angaben des RKI waren unter den insgesamt 943 verstorbenen Covid-Patienten mit Impfdurchbrüchen 74 Prozent 80 Jahre und älter. Das spiegele das generell höhere Sterberisiko − unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe − für diese Altersgruppe wider.

Was wird eigentlich als Impfdurchbruch gewertet?

„Ein wahrscheinlicher Impfdurchbruch ist definiert als Sars-Cov-2-Infektion mit klinischer Symptomatik, die bei einer vollständig geimpften Person mittels PCR oder Erregerisolierung diagnostiziert wurde“, heißt es beim RKI. Ein vollständiger Impfschutz wird angenommen, wenn nach einer abgeschlossenen Impfserie mindestens zwei Wochen vergangen sind. Angaben zu Infektionen von vollständig Geimpften, die keine Symptome aufweisen, fließen also nicht in die Statistik ein. Das RKI geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Impfdurchbrüche größer ist. Begründung: Für einen Teil der Covid-19-Fälle sind die Angaben zum Impfstatus unvollständig. Seit 30. September 2021 würden für die Berechnung der Impfeffektivität deshalb nur noch jene Fälle berücksichtigt, für die eine Angabe zum Impfstatus vorliegt.

Sind bestimmte Impfstoffe effektiver als andere?

Deutschlandweit erkrankten bis Mitte Oktober laut RKI 63.236 Menschen nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Comirnaty (Biontech/Pfizer), 13.272 mit Janssen (Johnson & Johnson), 7.320 mit Vaxzevria (Astrazeneca) und 4.520 mit Spikevax (Moderna). Weitere 4.439 Betroffene hatten eine Kombination aus Vaxzevria und Comirnaty sowie 767 eine Kombination aus Vaxzevria und Spikevax erhalten. In 1.933 Fällen war keine Zuordnung zu einem Impfstoff möglich. Um die Effektivität der Impfstoffe zu bestimmen, müssen die Infektionszahlen ins Verhältnis zu denen der geimpften Menschen gesetzt werden. Dabei zeigt sich, dass der Impfstoff von Johnson & Johnson weniger wirksam ist. Das RKI hat zudem die Wirksamkeit für Altersgruppen geschätzt. So lag die Impfeffektivität bei den 18- bis 59-Jährigen bei 83 und bei Menschen ab 60 Jahren bei 81 Prozent. Betrachtet man die letzten vier Wochen, sank die Impfeffektivität auf 76 bzw. 75 Prozent.

Warum sinkt der Impfschutz?

Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht – das war bereits bei der Zulassung der verschiedenen Impfstoffe klar. Die Zunahme an Impfdurchbrüchen erklären Wissenschaftler unter anderem mit der jetzt vorherrschenden Delta-Variante des Coronavirus. Studien zeigen, dass die Impfstoffe Comirnaty, Spikevax und Vaxzevria gegen die Delta-Variante um zehn bis 20 Prozent weniger effektiv sind als gegen die Alpha-Variante und die Wirkung zudem schneller abnimmt. Übrigens: Weil die Delta-Variante deutlich aggressiver ist, kommt es jetzt zu der rasanten Ausbreitung vor allem unter Ungeimpften.

Kommen jetzt die Auffrischungsimpfungen?

Die Impfkommissionen empfehlen Auffrischungs- bzw. Boosterimpfungen mit einem mRNA-Impfstoff (Comirnaty, Spikevax) für alle Menschen ab 70 und/oder mit einer Immunschwäche, ebenso für alle Menschen, die mit Janssen geimpft wurden. Die Gesundheitsminister der Länder erweiterten die Empfehlung auf medizinisches und Pflegepersonal, das „regelmäßig in Kontakt mit infektiösen Menschen steht.“ Auch Menschen, die ausschließlich den Impfstoff von Astrazeneca erhalten haben, sollten eine Boosterimpfung mit einem mRNA-Impfstoff erhalten. Die Sächsische Impfkommission will am nächsten Montag neue Empfehlungen zu Boosterimpfungen veröffentlichen.