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"Werden auf Mallorca das neue Ischgl erleben"

Meistgelesen: Die Zeit bis Ostern wird über Kontrolle oder Kollaps entscheiden, sagt der Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Was jetzt eigentlich getan werden müsste.

Professor Michael Albrecht ist der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Dresden. Er mahnt: Noch können wir in Sachsen beeinflussen, wie heftig die dritte Corona-Welle ausfallen wird.
Professor Michael Albrecht ist der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Dresden. Er mahnt: Noch können wir in Sachsen beeinflussen, wie heftig die dritte Corona-Welle ausfallen wird. © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Genau 133 neue Corona-Fälle hat das Dresdner Gesundheitsamt am Donnerstag gemeldet. Allem Anschein nach baut sich eine dritte Infektionswelle auf. Bis Ostern werden nicht nur die Fallzahlen weiter steigen, sondern auch die Dresdner Intensivstationen wieder voller, sagt Professor Dr. Michael Albrecht, der medizinische Vorstand des Dresdner Universitätsklinikums.

Im SZ-Gespräch erklärt er, warum er dennoch Chancen sieht, einen zweiten Kollaps in Sachsens Kliniken zu verhindern, welche Rolle die Osterferien dabei spielen, und weshalb ein erneuter, strenger Lockdown die Schulen und Kitas einschließen müsste.

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Herr Professor Dr. Albrecht, ist eine dritte, für die Krankenhäuser noch heftigere Corona-Welle unausweichlich?

Dass die Pandemie nicht zu Ende ist und erst zu Ende sein wird, wenn alle geimpft sind, wissen wir. Die Frage ist daher, wie lange es dauern wird, bis sich eine neue Infektionswelle aufgebaut hat und wie hoch sie wird. Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Wenn man Herrn Lauterbach hört, fällt die dritte Welle noch schlimmer aus als die zweite. Ich sehe das ein bisschen anders.

Warum?

Ich habe die Hoffnung, dass die neue Welle schon deshalb geringer wird, weil wir mehrere Risikogruppen bereits geimpft haben. Mit den geschützten Altenheimen ist eine große Ansteckungsquelle saniert. Darüber hinaus haben wir in Sachsen einen Großteil des medizinischen Personals geimpft, das durch den direkten Kontakt zu Infizierten immer gefährdet war. Deshalb glaube ich, dass die Fallzahlen zunächst kontinuierlich weiter steigen, wir die Entwicklung vom Dezember aber nicht überschreiten werden. Aber ja, das ist spekulativ.

Weniger spekulativ ist die Entwicklung der nächsten zwei bis drei Wochen. Sie arbeiten mit berechneten Vorhersagen, die in den vergangenen Monaten recht genau waren. Wie sieht die Prognose der Corona-Patienten bis Ostern aus?

Für den 25. März werden 1.080 stationäre Patienten in ganz Sachsen vorhergesagt. Am 1. April, das wäre noch vor Ostern, hätten wir 1.190 Patienten. Wobei das unsere moderate, mittlere Prognose ist. Wir erstellen auch immer eine pessimistische Vorhersage, wo wir zum Beispiel von einer höheren Infektiosität ausgehen. Nach dieser wären es am 1. April 1.470 Corona-Patienten in den Krankenhäusern. Und es gibt eine optimistische Prognose, der eine langsamere Ausbreitung zugrunde liegt. Nach dieser wären es 889. Das sind die nackten Zahlen. Diese liefere ich jeden Morgen dem Ministerpräsidenten, der Sozialministerin, der Ärztekammer und den Gesundheitsämtern. Wir haben mit der moderaten Prognose bisher ziemlich exakt vorhersagen können, was dann wirklich eingetreten ist.

Wie genau funktioniert denn diese Vorhersage?

In unserem Prognose-Tool erfassen wir jeden Morgen die Zahl der Covid-Patienten, die sich in den Krankenhäusern befinden. Des Weiteren nehmen wir die Anzahl aller neuen Corona-Befunde der Gesundheitsämter sowie die positiven Testergebnisse der Landesuntersuchungsanstalt hinzu. Diese Zahlen fließen in einen Rechenalgorithmus ein, der auf unseren bisherigen Erfahrungswerten basiert. Darin gehen wir beispielsweise davon aus, dass etwa fünf Prozent der Infizierten eine stationäre Behandlung benötigen. Von diesen Patienten werden dann 20 Prozent einen schweren Verlauf haben. Mit diesen Annahmen kalkulieren wir täglich die Entwicklung der kommenden sieben und vierzehn Tage.

Was bedeuten 1.080 Patienten? Ist das für die Krankenhäuser schon kritisch?

Wir haben 1.300 Patienten als kritische Marke festgelegt. Wie kommen wir darauf? Im Dezember und Anfang Januar standen die sächsischen Krankenhäuser mit etwa 3.600 stationären Covid-19-Patienten vor dem Kollaps. Bei dieser Auslastung bricht unser System an einzelnen Punkten zusammen. Wir haben damals nachts gesessen, Hubschrauber organisiert, um Patienten zum Beispiel aus Zittau oder Chemnitz ausfliegen zu lassen. Über 60 Erkrankte sind nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen gebracht worden. Wir hatten es in dieser Situation nicht mehr geschafft, die Patienten innerhalb Sachsens zu verteilen. Deshalb nehmen wir die 1.300 – etwas mehr als 30 Prozent dieses Höchstwertes – als Grenze und sagen: An dem Tag, an dem 1.300 Covid-Patienten erreicht werden, können wir davon ausgehen, dass die Kapazitäten der Krankenhäuser in den kommenden zwei, drei Wochen in den kritischen Bereich kommen.

Es ist also noch nicht zu spät, einen zweiten Kollaps zu verhindern?

Wir haben in den vergangenen Monaten gelernt, wie lange es vom Beginn eines Lockdowns bis zum Sinken der Patientenzahlen dauert. Im November begann der Teillockdown. Vier bis sechs Wochen später hatten wir diese heftige Welle, die einige Kliniken an den Rand eines Kollapses führte. Über Weihnachten haben wir uns dann alle eisenhart an die Regeln des Lockdowns gehalten. Erst danach, in der zweiten Januarwoche, gingen die Zahlen wieder nach unten. Wenn wir jetzt ein Drittel unter der Kollapsgrenze liegen, kann ein Lockdown die neue Welle meiner Meinung nach wieder abfangen.

Muss der Lockdown dann auch für Kitas und Schulen gelten?

Ich vertrete den Standpunkt, dass Kinder nicht so stark gefährdet und möglicherweise auch nicht so infektiös sind wie Erwachsene. Aber immerhin sind da Lehrer und Erzieher, Eltern und Großeltern, die angesteckt werden können. Außerdem gibt es bei geöffneten Schulen und Kindergärten ständig Bewegung. Eltern fahren mit ihren Kindern herum und treffen andere Eltern und ähnliche Dinge.

Das heißt?

Im Oktober und November wurde bereits mit einem "bisschen" Lockdown experimentiert. Und das Ergebnis im Dezember war der Kollaps von Teilen unseres Versorgungssystems. Solche Lockerungen können wir uns nur erlauben, wenn parallel so viele Menschen wie möglich geimpft und getestet werden. Und dabei nutzt es nichts, nur einmal in der Woche zu testen, um beispielsweise die Kontrolle in den Schulen zu behalten. Minimum müssen zwei Tests sein, noch besser wären Tests an jedem zweiten Tag. Doch solche Öffnungen unter kontrollierten Bedingungen lassen sich doch nur machen, wenn es dafür auch die notwendigen Tests und deren Finanzierung gibt.

Was heißt das für Ostern – verreisen Sie?

Mir geht es wie allen. Ich war ein Jahr lang nicht im Urlaub. Ich schiebe einen Besuch bei meiner Schwester in München vor mir her, die schwer coronakrank war. Ich hätte wahnsinnig Lust, bei diesem Mistwetter in die Sonne zu fahren. Wer hat das nicht.

Aber: Auf der einen Seite diskutieren wir wieder über einen härteren Lockdown, auf der anderen Seite werden Mallorca-Urlaube gebucht. Das finde ich nicht okay. Ja, den Menschen auf der Insel geht es wirtschaftlich schlecht. Aber deshalb zu sagen, uns ist jetzt alles egal, geht auch nicht. Ich sage jetzt schon voraus, dass wir nach den Osterferien aufgrund einer unkontrollierten Verbreitung auf Mallorca das neue Ischgl erleben werden. Wir sollten lieber warten. Wir befinden uns gerade jetzt in einer Phase, in der sich entscheidet, ob die Zahl der Infektionen ins exponentielle Wachstum übergeht oder wir das Niveau halten können. Und wenn es uns gelingt, das Niveau zu halten, hätten wir etwas ganz Großes erreicht und könnten auf den Impferfolg hoffen.

Dabei spielen auch die neuen Virusvarianten eine Rolle. Erkranken Infizierte schwerer?

Wir im Dresdner Universitätsklinikum untersuchen jeden Patienten, der positiv getestet wird, auf Virusvarianten. Bei 70 bis 80 Prozent der aktuell Infizierten haben wir jetzt die britische Variante gefunden. In zwei Wochen sehen wir nur noch diese Variante, die dann die klassische verdrängt haben wird. Diese britische Mutante ist viel infektiöser. Wir haben bei uns aber nicht den Eindruck, dass Patienten schwerer daran erkranken.

Wie alt sind die Patienten auf der Corona-Intensivstation?

In der ersten Welle hatten wir hauptsächlich Patienten im Alter von 75 Jahren und aufwärts. Diese sehen wir jetzt weniger, wahrscheinlich auch aufgrund der Impfungen in den Altenheimen. Wenn die Infektionszahlen nun dennoch nach oben gehen – sei es, weil die Mutanten ansteckender sind oder wir selbst zu nachlässig mit den Kontaktbeschränkungen umgehen – dann infizieren sich folgerichtig mehr Jüngere.

Im Uniklinikum stellt sich das so dar: Die meisten Patienten auf unserer Corona-Intensivstation sind aktuell zwischen 60 und 70 Jahre alt. Da auch ein paar noch Jüngere dabei sind, liegt der Altersdurchschnitt derzeit bei 60 Jahren. Kinder sind extrem selten darunter. Ich denke auch nicht, dass es durch die Mutanten hier zu einer großen Verschiebung kommen wird.

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