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Wie man den Winter-Lockdown bewältigt

Am Dienstag werden die Corona-Einschränkungen verlängert. Das verlangt allen viel ab. Doch es gibt Möglichkeiten, den Winter-Lockdown zu meistern.

Der Lockdown setzt allen zu. Aber mit etwas Hilfe lässt sich auch das schaffen.
Der Lockdown setzt allen zu. Aber mit etwas Hilfe lässt sich auch das schaffen. © www.pixabay.com

Von Inga Barthels, Elisabeth Binder, Cordula Eubel, Felix Hackenbruch und Sinan Recber

An diesem Dienstag berät Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten in einer Videokonferenz über die weiteren Corona-Maßnahmen. Sicher ist: der Lockdown wird verlängert. Auf Eltern und Schüler, auf Alleinstehende und Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, kommen weitere harte Wochen zu. Doch es gibt Möglichkeiten, den Winter-Lockdown zu meistern.

Welche Hilfen gibt es für Eltern mit Kleinkindern?

Zu Hause zu arbeiten und sich gleichzeitig um kleine Kinder zu kümmern, ist eigentlich unmöglich. Wer das trotzdem tun muss, kann bei der Organisation des Alltags Abstriche machen, sagt die Kleinkindpädagogin, Autorin und Bloggerin Susanne Mierau. „Es darf ruhig etwas unordentlicher aussehen als sonst.“ Und am Wochenende könnten Eltern Essen vorkochen, das dann den Rest der Woche erwärmt wird.

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„Wir sollten in dieser Zeit lockerlassen mit den pädagogischen Ansprüchen“, sagt Mierau. Sicher, zu viel Medienkonsum ist gerade für kleine Kinder auf Dauer nicht gut. „Gerade sind wir aber nicht im Alltag, sondern in einer Extremsituation.“ Wichtig dabei: das Kind nicht mit den Medien allein lassen, sondern in der Nähe sein und später idealerweise besprechen, was das Kind geschaut oder gehört hat. „Man sollte sich den Tag gut strukturieren und Medienzeiten festlegen“, sagt Mierau. Diese Zeit können Eltern nutzen, um Arbeiten zu erledigen, für die sie eine stärkere Konzentration brauchen oder telefonieren müssen. Für Kleinkinder seien auch matschige Materialien wie Knete gut dafür geeignet, sie lange zu beschäftigen. „Gleichzeitig ist es wichtig, gemeinsame Spielphasen einzubauen, in denen man sich ganz auf das Kind einlässt.“

Wichtig sei es außerdem, dass Kinder den Kontakt zur Kita aufrechterhalten, etwa mit Videobotschaften. Denn besonders kleine Kinder, die sich gerade erst an die Erzieherin oder den Erzieher gewöhnt haben, können unter der plötzlichen Trennung leiden.

Trotz aller guten Ratschläge: Gerade für Alleinerziehende oder Menschen mit sehr kleinem Wohnraum kann die Situation überfordernd sein. „Niemand muss sich dafür schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Mierau. Die gibt es zum Beispiel bei Familienberatungsstellen, viele Therapeuten und Therapeutinnen bieten Online-Sprechstunden an. Auf Portalen wie nebenan.de finden sich Menschen, die für andere einkaufen und ihnen Essen vor die Tür stellen.

Was können Eltern mit Schulkindern tun?

Im Lockdown müssen Kinder und Jugendlichen weitgehend ohne Kontakte zu Hause eigenständig lernen. Oliver Fina, Sozialpädagoge und Familientherapeut in Köln, rät Eltern in dieser Ausnahmesituation: „Erst mal sollte man mit dem Kind das Gespräch suchen und fragen, wie es ihm geht.“ Häufig neigten Eltern dazu, ihre eigenen Gefühle über das Kind zu stülpen, das die Isolation aber auch als erträglich wahrnehmen könnte.

„Wenn das Kind sich aber wirklich einsam fühlt, sollte man gemeinsam schauen, welche Möglichkeiten es gibt, mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen.“ Dazu zählen laut Fina auch Videoanrufe oder das Chatten über soziale Medien. „Auf jeden Fall sollte man dem Kind nicht sein Handy wegnehmen, denn es ist häufig das einzige Kommunikationsmittel, das es zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern noch hat.“

Wenn die Eltern nun ständig im Homeoffice arbeiten, müssten sich auch die Regeln des Zusammenlebens ändern: „Häufig gehen Eltern davon aus, dass ihre Kinder die neue Situation verstehen und sich rücksichtsvoll verhalten.“ Doch das Kind komme zum Beispiel nicht von selbst darauf, dass ihre Eltern wegen der Arbeit vormittags nicht ansprechbar seien, sagt Fina.

Der Lockdown verlangt Schulkindern zu Hause derzeit viel ab.
Der Lockdown verlangt Schulkindern zu Hause derzeit viel ab. © dpa

Auf der anderen Seite beschweren sich laut dem Sozialpädagogen viele Jugendliche in Therapiesitzungen über Eltern, die einfach in ihr Zimmer platzen: „Die Kinder brauchen weiterhin Rückzugsräume und Privatsphäre, wenn die Eltern zu Hause arbeiten.“ Ein einfaches Klopfen an der Zimmertür oder das Respektieren des Rückzugs ins eigene Zimmer könne hier helfen.

Was die Schulleistungen im Lockdown angeht, sagt Fina: „Auch bei einer Fünf in Mathe sind weder Strafen noch Druck sinnvoll.“ Das Kind ärgere sich häufig am meisten über die schlechte Note. Für Kinder und Jugendliche gibt es ansonsten bei Problemen die „Nummer gegen Kummer“ – erreichbar unter 116111.

Welche Unterstützung gibt es für Alleinlebende?

Für Benjamin Ochel ist „kein Problem zu klein“. Der Sozialpädagoge beim Berliner Krisendienst registriert eine gleichbleibend hohe Nachfrage von alleinstehenden Hilfesuchenden während des Lockdowns. Vielen sei nicht bekannt, dass soziale Einrichtungen, wie Tagesstätten oder Stadtteilzentren, telefonische oder digitale Alternativangebote geschaffen haben, sagt er.

Die Caritas hat die bundesweite Online-Beratung „sehr stark ausgebaut“, wie eine Sprecherin berichtet. Bei den Anfragen gehe es oft um Schulden, um Suchtprobleme und um die Sorgen Alleinerziehender. Die Ratsuchenden geben ihre Postleitzahl ein, sodass ein Berater in der Nähe gefunden werden kann, mit dem man sich in besonderen Fällen auch mal persönlich treffen kann (caritas.de/onlineberatung). „Erste Hilfe für die Seele“ bietet das Diakonische Werk im Zusammenwirken mit anderen Institutionen gratis und anonym an. Bei der Kirchlichen Telefonseelsorge gibt es Trost und Ermutigung von erfahrenen Ehrenamtlichen.

Alleinlebende wissen, dass ihre Lebensform ein hohes Maß an Organisation verlangt. Die üblichen Tipps helfen derzeit nur in Maßen. Es ist keine gute Zeit, die bislang unbekannten Nachbarn spontan zum Kaffee einzuladen. Telefongespräche können dagegen bereichernd wirken. Allein die Stimme eines Freundes vermittelt eine physische Nähe, die keine Kurzmitteilung je erreichen kann. Wer im Homeoffice sitzt, kann die für den Weg zur Arbeit gesparte Zeit nutzen, um sich mit einem feinen Abendessen aufzuheitern.

Wo erhalten Menschen Hilfe, die Angehörige pflegen?

„Angehörige sind der größte Pflegedienst unseres Landes“, sagt Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Auf fast fünf Millionen schätzt ihr Ministerium die Zahl der pflegenden Angehörigen in Deutschland, davon ist die Hälfte selbst berufstätig. In Berlin sollen es mehr als 200.000 sein. Seit Beginn der Pandemie sind sie besonders belastet, müssen sich verstärkt und häufig allein um die Angehörigen kümmern – immer in Sorge, sie mit dem Virus anzustecken. Viele Hoffnungen ruhen daher auf den neuen Impfstoffen – doch bis wann die zu Pflegenden und ihre Angehörigen geimpft werden können, weiß das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) offenbar noch nicht.

Zur Unterstützung hat der Bundestag kurz vor Weihnachten immerhin seine Corona-Akuthilfen bis zum 31. März verlängert. Wer coronabedingt Angehörige pflegt und erwerbstätig ist, erhält das Recht, bis zu 20 Tage der Arbeit fernzubleiben. Gleichzeitig wurde das Pflegeunterstützungsgeld verlängert, das den Beschäftigten für diese 20 Tage als Lohnersatz gelten soll. Wer langfristig Einkommensausfälle während der Pflegezeit und Familienpflegezeit verbucht, kann die mit einem zinslosen Darlehen abfedern. Das kann beim Bundesamt für zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragt werden. Für alle Fragen zum Thema hat das BMFSFJ das Portal „Wege zur Pflege“ (wege-zur-Pflege.de/corona) eingerichtet.

Welche Rechte hat man als Arbeitnehmer?

Einen Rechtsanspruch, von zu Hause zu arbeiten, gibt es nicht – auch wenn die Bundesregierung während der Pandemie grundsätzlich an Unternehmen appelliert, mehr Homeoffice möglich zu machen. In manchen Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen sind entsprechende Regelungen vorgesehen. Wenn nicht, können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer individuell das Gespräch mit ihrem Arbeitgeber suchen. Umgekehrt gilt aber auch: Arbeitgeber können ihre Angestellten nicht zum Homeoffice verpflichten.

Für Eltern, die im Lockdown Kita- oder Schulkinder betreuen müssen, war vor Weihnachten unbezahlter Sonderurlaub im Gespräch. Ob es diesen tatsächlich geben wird, ist aber ungewiss. Wenn die Kinder jünger als zwölf Jahre sind, sieht das Infektionsschutzgesetz außerdem die Möglichkeit einer „Entschädigungszahlung“ vor. Pro Elternteil erstattet der Staat bis zu zehn Wochen lang bis zu 67 Prozent des Nettogehalts (maximal 2016 Euro im Monat).

Wer im Homeoffice ist und die Kinderbetreuung organisieren muss, steht vor großen Herausforderungen.
Wer im Homeoffice ist und die Kinderbetreuung organisieren muss, steht vor großen Herausforderungen. © dpa

Grundsätzlich steht diese Entschädigung Arbeitnehmern und Selbstständigen offen – doch es handelt sich um einen sogenannten nachrangigen Anspruch: Das heißt, Eltern werden aufgefordert, zunächst ihre Urlaubsansprüche aus dem Vorjahr aufzubrauchen oder Überstunden oder freie Tage abzubauen.

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Der Anspruch besteht außerdem nicht, wenn Arbeit im Homeoffice als zumutbar gilt. Doch was ist zumutbar? Dies sei „im Einzelfall“ zu bewerten, heißt es beim Gesundheitsministerium: Eine Betreuung im Homeoffice sei möglicherweise dann nicht leistbar, wenn „mehrere (kleine) Kinder oder ein Kind mit hohem Betreuungsbedarf (zum Beispiel ein Kind mit Behinderungen)“ zu betreuen seien.

Für die Frage, ob ein Antrag Sinn macht oder eher nicht, empfiehlt es sich, das Gespräch mit dem Betriebsrat oder der Personalabteilung zu suchen. Weitere Informationen dazu gibt es unter ifsg-online.de

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