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Wie sächsische Galerien Corona trotzen

Wer nicht ausstellt, verkauft auch nichts: Wie bringen Galerien in Dresden und Leipzig ihre Künstler durch die Krise? Wir werfen Blicke hinter die Kulissen.

Präsenz zeigen die Dresdner Gebrüder Lehmann auch, wenn ihre Galerie geschlossen ist: Das Licht in der aktuellen Ausstellung von Tilman Hornig bleibt an.
Präsenz zeigen die Dresdner Gebrüder Lehmann auch, wenn ihre Galerie geschlossen ist: Das Licht in der aktuellen Ausstellung von Tilman Hornig bleibt an. © Ronald Bonß

Von Birgit Grimm und Sarah Alberti

Wer angesichts geschlossener Museen nicht auf den Besuch einer Ausstellung verzichten wollte, dem blieb zuletzt der Gang in eine der 700 deutschen Galerien. Dank ihres offiziellen Status als Einzelhandel konnten sie im Herbst ihre Räume geöffnet lassen.

Ein Tropfen auf den heißen Stein: Galerien erwarten für das Jahr 2020 mehr als 40 Prozent Verlust. Nahezu alle Kunstmessen wurden abgesagt. Deutsche Galerien erzielten dort 2019 im Schnitt 45 Prozent ihrer Umsätze. Manche befürchten einen Zusammenbruch ihres Geschäfts, ermittelte die „Galerienstudie 2020“, die das Institut für Strategieentwicklung im November vorgelegt hat.

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Dabei sei der Frühjahrslockdown noch nicht das große Problem gewesen, sagt die Dresdner Kunsthändlerin Sophia-Therese Schmidt-Kühl. „Wir hatten einige vorverhandelte Verkäufe, die wir auch abwickeln konnten. Schwierig wurde es danach.“ Als die Kunsthandlung Kühl wieder öffnete, blieben die Besucher aus. „Es gab ein bis zwei Anrufe am Tag von älteren Damen, die fragten, ob wir geöffnet haben. Die sind dann auch zu uns gekommen, um sich die Gemälde von Christine Schlegel anzusehen.“

Auch die Dresdner Galeristin Sophia-Therese Schmidt-Kühl musste staatliche Hilfe annehmen - zum ersten Mal in der fast 100-jährigen Geschichte ihrer Galerie.
Auch die Dresdner Galeristin Sophia-Therese Schmidt-Kühl musste staatliche Hilfe annehmen - zum ersten Mal in der fast 100-jährigen Geschichte ihrer Galerie. © Galerie Kühl

Auf der Suche nach Seelennahrung

Vor allem im November, als die Museen wieder schließen mussten, holten viele Kunstfreunde sich ihre „Seelennahrung“ in Galerien. Doch die Unsicherheit lässt sie auch zögerlich agieren. Frau Schmidt-Kühl sagt: „Unter unseren Kunden sind nur wenige Großsammler, aber viele Menschen, die sich ein Kunstwerk gönnen, weil es ihnen gefällt.“ Ratenzahlungen sind üblich.

2019 erzielten Galerien in Deutschland 890 Millionen Euro Umsatz. Die Hälfte davon geht auf das Konto von fünf Prozent der Galerien. Entsprechend divers sind die Auswirkungen der Pandemie: Etwa ein Drittel hat im Frühjahr Kurzarbeit eingeführt, zehn Prozent der Arbeitsplätze fielen weg. Mehr als die Hälfte hat Corona-Soforthilfe und etwa fünf Prozent einen KfW-Kredit beantragt. Auch Frau Schmidt-Kühl bekam staatliche Hilfe: „Es war das erste Mal in 96 Jahren Kunstausstellung Kühl.“

Künstler und Galerie als Biotop

In Leipzig betreibt Arne Linde die Galerie ASPN mit zwei freien Mitarbeiterinnen. Zu Beginn der Krise erreichten sie ermunternde Durchhalte-Mails, Angebote, ihr Geld zu leihen, Kunstwerke zu kaufen oder anzuzahlen. Die letzten Monate haben ihr lokales Netzwerk gestärkt und gezeigt: Sammler schätzen den exklusiven Austausch im kleinsten Kreis. „Unsere Kunden wissen, dass Künstler und Galerie als Biotop funktionieren.“ Im November, als die Galerie eine Ausstellung von Margret Hoppe mit Fotografien zu Preisen von 1.600 bis 9.000 Euro eröffnete, kamen nur wenige.

Es ist ein Trugschluss, dass es die Hauptfunktion einer Galerie sei, Kunstwerke für einige Wochen an weiße Wände zu hängen, um sie reichen Menschen für Büro oder Wohnzimmer zu verkaufen. Die zeitgenössische Szene ist ohne Kunsthändler kaum vorstellbar: Es sind vor allem Galerien, die junge Künstler und Künstlerinnen professionell begleiten. Sie tragen die Produktionskosten für neue Werke und organisieren Transporte. Sie bringen ihre Künstler durch Krisen und gehen neue Wege künstlerischer Entwicklung mit, auch wenn dies Umsatzeinbußen bedeutet. Was heute in den Galerien hängt, schreibt bestenfalls vielleicht Kunstgeschichte.

2014 gründete Arne Linde (l.) die Leipziger Galerie ASPN. Heute leitet sie ihre Räume zusammen mit Co–Direktorin Carolin Nitsch. Die Krise hat ihrem Geschäft geschadet, aber ihr Netzwerk gestärkt.
2014 gründete Arne Linde (l.) die Leipziger Galerie ASPN. Heute leitet sie ihre Räume zusammen mit Co–Direktorin Carolin Nitsch. Die Krise hat ihrem Geschäft geschadet, aber ihr Netzwerk gestärkt. © Arthur Zalewski

"Kunst ist gut fürs Immunsystem"

Nicht geringer ist der Anspruch der Dresdner Galerie Gebr. Lehmann, die schon so manchen Absolventen der Dresdner Hochschule für Bildende Künste auf die internationale Bühne und in wichtige Museen brachte. Ihr langjähriges gutes Verhältnis zu Künstlern und Sammlern trägt auch in schwierigen Zeiten. „Die Galerie wird es auch in zehn Jahren noch geben“, verspricht Frank Lehmann, der die Galerie mit seinem Bruder Ralf und drei Mitarbeitern betreibt. 2020 waren sie immerhin auf der Messe in Kopenhagen präsent, ein wichtiges, ein gutes Erlebnis sei das gewesen.

Genug zu tun gibt es, und der Lockdown war auch eine Möglichkeit, Dinge zu tun, die lange liegengeblieben sind, wie ein Buchprojekt über den Tattoo-Künstler Herbert Hoffmann. „Aber momentan fehlt es mir sehr, dass ich keine spontanen Atelierbesuche machen kann.“ Präsenz zeigen die Lehmänner auch, wenn die Galerie geschlossen ist: Das Licht in der aktuellen Ausstellung von Tilman Hornig bleibt an. „Das hinterlässt ein gutes Gefühl bei den Passanten“, sagt Frank Lehmann. Kunst bietet keinen Ausweg aus der Pandemie, aber Konzepte, wie man mit Krisen umgehen kann: „Kunst zu betrachten, darüber zu reden und gemeinsam mit anderen darüber nachzudenken, eröffnet neue Dimensionen. Insofern ist Kunst gut fürs Immunsystem.“

Der Vorteil einer Zwitterexistenz

Galerien sind – vergleichbar kleinen unabhängigen Verlagen – Wirtschaftsbetriebe und Kultureinrichtungen. So vielfältig Galerien sind, gemeinsam formulieren sie eine Forderung: Zurück zur ermäßigten Umsatzsteuer! 2014 wurde die abgeschafft, während der reduzierte Satz für Künstler oder auch den Buchmarkt weiterhin gilt. Die hohe Umsatzsteuer trifft vor allem die kleineren Galerien, während große sie durch Verkäufe in ihren Filialen im Ausland umgehen können.

Die Zwitterexistenz hat immerhin dazu geführt, dass von der Kulturstaatsministerin ein spezifisches Förderprogramm aufgelegt wurde: 5.000 bis 35.000 Euro können Galerien für eine Ausstellung im Jahr 2021 beantragen, 10 Prozent Eigenanteil sind erforderlich. Beworben hat sich auch Arne Linde aus Leipzig. Die Ausstellung des Malers Jochen Plogsties im kommenden Frühjahr soll von einer Publikation begleitet werden. Online-Angebote können das physische Erlebnis mit Kunst nur bedingt ersetzen: „Je mehr und je öfter ich digitale Formate von anderen Galerien gemailt bekommen habe, desto mehr schwand meine Lust, sie zu konsumieren.“ Ein gut gestalteter Katalog sei da das schönste Alternativformat.

Aufgeben ist für den Dresdner Künstler und Galeristen Holger John trotz Corona-Flaute "keine Option". Er nutzt die Kontaktsperre „zum Arbeiten und zum Luftholen“ und zum Zeichnen.
Aufgeben ist für den Dresdner Künstler und Galeristen Holger John trotz Corona-Flaute "keine Option". Er nutzt die Kontaktsperre „zum Arbeiten und zum Luftholen“ und zum Zeichnen. © Sven Ellger

Bald kommt die „Seuchenedition“

Umsätze schwanken immer – es gibt gute Monate und schlechte Monate, gute und schlechte Jahre: „Die Differenzen betragen bei mir bis zu 30 Prozent“, erklärt Arne Linde. Sie kam gut durch die Monate, auch weil einige seit teilweise über einem Jahr angebahnte Ankäufe realisiert wurden. Mit dem Frühjahrsrundgang der Leipziger Galerien und der Art Brüssel sähe die Bilanz 2020 viel besser aus.

Wirtschaftlich war dieses Jahr für den Dresdner Galeristen und Künstler Holger John „eine Katastrophe“. Doch Aufgeben ist für ihn keine Option. Er nutzt die Kontaktsperre „zum Arbeiten und zum Luftholen“. Seine Galerie im Barockviertel der Landeshauptstadt sei „Bildungswerkstatt, therapeutischer Treffpunkt, Wohlfühloase“.

Künstler, Sammler, Kunstfreunde und Neugierige gehen bei John gern ein und aus, auch weil er sich Zeit nimmt für sie: „Viele suchen Zuspruch. Kunst ist die beste Medizin, vor allem jetzt, da alles geschlossen ist, wo man sich Energie holen könnte.“ Im Lockdown findet er Zeit und Muße zum Zeichnen. So Corona ihn lässt, will er Ende des Winters seine „Seuchenedition“ in der Galerie zeigen: „Künstler mit Maske und Hut“, kündigt er an. Dazu stellt er aktuelle Fotografien aus Venedig. Die Lagunenstadt ohne Karneval. Welche Masken werden die Venezianer im Februar wohl tragen? Es sind Arbeiten von Mirko Glaser, Betreiber der Jazzkneipe Blue Note in der Dresdner Neustadt, für die Holger John seine Galerie öffnet. Das ist mehr als eine Geste der Solidarität mit dem Gastronomen.

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