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Wie sicher ist die Corona-Impfung?

Viele haben Angst vor Nebenwirkungen. Ein Arzt und Wissenschaftler kennt die Studien und nennt Vor- und Nachteile.

Ab Mitte Dezember sollen die Corona-Impfzentren in Deutschland einsatzfähig sein.
Ab Mitte Dezember sollen die Corona-Impfzentren in Deutschland einsatzfähig sein. © dpa

Ab Mitte Dezember sollen die Impfzentren in Deutschland einsatzfähig sein. Auch die ersten Impfstoffe sind bereits in der Zulassung. Angesichts dieses Tempos haben nicht wenige Menschen ein mulmiges Gefühl: Sind die Impfstoffe wirklich sicher? Und wie steht es um die Nebenwirkungen?

Sächsische.de hat darüber mir Professor Herwig Kollaritsch aus Wien gesprochen. Der Arzt und Wissenschaftler ist Mitglied im nationalen Impfgremium Österreichs und hat in einem Buch Pro und Contra zur Coronaimpfung zusammengetragen. Sein Credo: Die Menschen sollen ihre Impfentscheidung nicht auf emotionaler, sondern auf sachlicher Ebene treffen.

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Herr Professor Kollaritsch, die rasante Impfstoffentwicklung und der Wettlauf der Hersteller hat vielen Angst gemacht. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich habe ich dafür Verständnis, schließlich geht es um die Anwendung von Medizinprodukten an völlig gesunden Menschen, die mit Recht erwarten, dass das so bleibt. Doch Impfstoffe sind heutzutage sehr sicher, so viel vorweg. Die Zulassungsschritte sind gesetzlich aufs Strengste geregelt, da kann man nicht einfach einen Schritt übergehen.

Auch nicht, wenn es jetzt so schnell gehen musste?

Die derzeit vier großen Hersteller haben ihre Impfstoffe an jeweils 30.000 bis 40.000 Probanden getestet. Das sind viel mehr als bei anderen Impfungen. Um zeitnah einen Impfstoff zu erhalten, hat man aber nicht wie sonst alle Phasen in Ruhe nacheinander ablaufen lassen und ausgewertet, sondern bereits bei den ersten erfolgversprechenden Hinweisen die nächste Phase geplant. So lief vieles überlappend und damit schneller. Allein der Hersteller Biontech/Pfizer hat für die Testung weltweit 150 Impfzentren rekrutiert. Das allein sagt schon viel über die Sicherheit.

Die Hersteller wollen viele Menschen mit ihrem Impfstoff schützen – natürlich auch, um Geld zu verdienen. Besteht da nicht die Gefahr, dass nennenswerte Nachteile verschwiegen werden?

Das ist heute nicht mehr möglich. Gerade beim Coronaimpfstoff waren die Behörden vom ersten Schritt an eingeschaltet. Jede Studie wird auditiert. Die Arzneimittelbehörden fahren in die Zentren und prüfen diese Studienergebnisse. Ich habe selbst solche Kontrollen miterlebt. Sie sind bei den Firmen gefürchtet, garantieren aber höchstmögliche Sicherheit.

Prof. Herwig Kollaritsch (links) hat selbst eine RNA-Impfung mitentwickelt und bisher 400 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Impfen publiziert.
Prof. Herwig Kollaritsch (links) hat selbst eine RNA-Impfung mitentwickelt und bisher 400 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Impfen publiziert. © dpa

Es gibt zwei Gruppen von Corona-Impfstoffen. Die sogenannten Vektor- und die RNA-Impfstoffe. Wie funktionieren sie?

Bei den Vektor-Impfstoffen, zum Beispiel vom Hersteller Astra-Zeneca, werden für den Menschen unschädliche Adenoviren gentechnisch so verändert, dass sie wie Coronaviren aussehen. Sie machen nicht krank, lösen aber die gleiche Immunreaktion im Körper aus wie das richtige Coronavirus. Beim RNA-Impfstoff, zum Beispiel von Biontech/Pfizer oder Moderna, wird lediglich die Bauanleitung – die RNA – für einen Bestandteil des Covid-19-Erregers gespritzt. Der Mensch stellt daraus selbst ein Eiweiß dieses Virus her – es ist das sogenannte Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus. Das Virus wird in schematischen Darstellungen deshalb immer als stachelige Kugel gezeigt. Ein Impfstoff dieser Bauart kann aber selbst keine Erkrankung auslösen.

Welcher der beiden Impfstoffe ist besser?

Es gibt kein besser und schlechter – alle schützen den Betroffenen mit einer Wahrscheinlichkeit etwa 90 Prozent vor einer mitunter schweren Erkrankung, vor allem aber vor den Komplikationen der Erkrankung. Unklar ist noch , ob einer der Impfstoffe Vorteile in Bezug auf eine Langzeitwirkung besitzt.

RNA-Impfstoffe sind relativ neu. Wie groß ist das Risiko, dass sie in das Erbgut eingreifen?

Das ist ein beliebtes Missverständnis. RNA ist nicht das Gleiche wie DNA – nur DNA könnte zufällig das Erbgut im Genom verändern. Fremde RNA wird üblicherweise sogar auf dem Weg zur Zelle abgebaut und vom Körper zerstört. Die Wissenschaft hat jahrelang geforscht, diesen Prozess zu verhindern und die RNA entsprechend zu verpacken, dass sie funktionsfähig in die Zelle kommt.

Kann der Prozess auch aus dem Ruder laufen, indem ungebremst Virus-Eiweiße entstehen?

Nein. Hat die RNA ihre Information, also den Bauplan abgeliefert, wird sie von zelleigenen Enzymen sofort zerstört. Denn es handelt sich um nicht replizierende RNA – sie vermehrt sich nicht.

Wie stark sind die Nebenwirkungen der Impfstoffe?

RNA-Impfstoffe erzeugen eine sehr solide Immunantwort, bei der es verstärkt zur Ausschüttung von immunologischen Botenstoffen kommt. Aber eine bessere Immunantwort hat nicht nur Vorteile. So führt sie zum Beispiel zu einer etwas stärkeren Impfreaktion. Diese Nebenwirkungen beeinträchtigen aber nicht die Gesundheit, sondern lediglich das Wohlbefinden – und das auch nur vorübergehend.

Ältere Menschen scheinen die Impfung nach den jetzt vorliegenden Erkenntnissen besser zu vertragen. Ihr Immunsystem ist gealtert und damit nicht mehr so stark reaktiv wie bei Jungen. Nebenwirkungen, die häufiger genannt wurden, waren Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber, Müdigkeit oder Kopfschmerzen, die maximal drei Tage andauerten. Ein Schmerz- und Fiebermittel könnte die Nebenwirkungen minimieren. Im Studiendesign war das nicht möglich.

Welches Risiko ist größer: das der Nebenwirkungen oder das der Erkrankung?

Seit fast einem Jahr werden die Komplikationen der Erkrankung beobachtet. Wir kennen das sehr reale Erkrankungs- und Sterberisiko. Wer sie durchgemacht hat, bildet Antikörper. Im Moment wissen wir nicht genau, wie lange die Immunität nach der Erkrankung anhält, sicher aber einige Monate. Dann kann der Mensch theoretisch erneut erkranken, mit den entsprechenden Risiken. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, sich vor einer Erkrankung zu schützen. Ohne sie stehen wir dem Virus nackt gegenüber. Das Virus verschwindet auch nicht einfach, es ist gekommen, um zu bleiben.

Warum werden Kinder nicht geimpft?

Impfstudien an Kindern sind noch viel umfangreicher und kostenintensiver als an Erwachsenen. Da die Kinder derzeit nicht als Hauptüberträger gelten und auch nicht vorrangig und schwer erkranken, wird die Zulassung nur für Jugendliche und Erwachsene beantragt. Möglicherweise führen die Hersteller später auch Studien an Kindern durch, aber im Moment ist das kein Thema.

Was ist über das Ansteckungsrisiko geimpfter Menschen bekannt?

Darüber weiß die Wissenschaft noch sehr wenig. Es ist möglich, dass ein Geimpfter das Virus, obwohl er selbst vor der Erkrankung geschützt ist, weitergeben kann. Deshalb wäre es umso wichtiger, dass sich möglichst viele impfen lassen. Wir nehmen derzeit an, dass Geimpfte weniger lange als Überträger in Betracht kommen und eine geringere Viruslast haben. Den Beweis können aber erst die Beobachtungen in der Zukunft liefern.

Um Vor- und Nachteile der Corona-Impfstoffe geht es in dem Buch von Professor Herwig Kollaritsch, das am 12. Dezember erscheint. Preis: 18 Euro
Um Vor- und Nachteile der Corona-Impfstoffe geht es in dem Buch von Professor Herwig Kollaritsch, das am 12. Dezember erscheint. Preis: 18 Euro © PR

Wie lange hält die Immunität nach der Impfung? Mutiert das Coronavirus wie die Erreger der Grippe, wo jedes Jahr eine Impfung nötig ist?

Auch dazu haben wir noch keine Langzeiterfahrungen – woher auch. Bis jetzt haben wir einen wissenschaftlichen Vorlauf von drei Monaten. Drei Monate nach der Impfung waren bei den Probanden – zumindest bei einem Impfstoff – noch genügend Antikörper vorhanden. Mutationen sind bei diesen Spike-Viren fast unmöglich. Wir haben ganz geringfügige Veränderungen im Laufe der Zeit festgestellt, die aber nicht relevant für den Impfschutz waren. Die Labore führen ständig Gen-Sequenzierungen durch, um solche Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Überraschungen dürfte es also nicht geben, zumal die Impfwirkung und die Viren auf der ganzen Welt beobachtet werden.

Wer sollte sich jetzt impfen lassen – auch Menschen, die bereits Antikörper haben?

Das hängt vom Impfstoffangebot ab. Zuerst wird man die diejenigen impfen, die ein unmittelbares Interesse daran haben, weil sie im Fall der Fälle besonders schwer erkranken oder für die Pflege Erkrankter ausfallen. In zweiter Linie könnten Menschen geimpft werden, die zwar kein unmittelbares Risiko haben, aber zur Verbesserung der epidemiologischen Situation, aus gesellschaftlicher Solidarität, geschützt werden sollten. Das könnte etwa im zweiten Quartal 2021 der Fall sein. Wer bereits Antikörper hat, kann sich ebenso impfen lassen. Das schadet ihm nicht. Die Prioritäten legen die jeweiligen Impfkommissionen fest.

Stimmt es, dass die Hersteller nicht für Impfschäden haftbar gemacht werden können?

Von Haftungsfreistellungen ist mir nichts bekannt. Im Falle eines vermuteten Impfschadens muss die Firma nachweisen, dass sie alle Regeln und Sicherheitsvorkehrungen eingehalten hat und dieses Problem nach menschlichem Ermessen nicht vorhersehbar war. Hat sie alles Menschenmögliche zur Sicherheit getan, wird sie vermutlich auch nicht verurteilt. Die Impfschadensgesetze sind ohnehin so, dass in solchen Fällen immer der Staat für die Entschädigung der Opfer aufkommt. Außerdem wird die Zulassung zunächst befristet. Es folgen jahrelange Nachbeobachtungen, bis sie endgültig erteilt wird.

Können wir nach der Impfung die Masken wegwerfen?

Nein. Sie werden uns wohl noch eine Weile begleiten. Denn wir wissen wie gesagt noch nichts über die Verbreitung der Viren durch Geimpfte.

Wann werden wir wieder zu einem normalen Leben zurückkehren können?

Je eher die Zahl der Neuinfektionen auch durch eine steigende Zahl Geimpfter zurückgeht, umso eher kann man die Maßnahmen zurücknehmen. Dann sind gefährdete Bevölkerungsgruppen und unser Gesundheitssystem nicht mehr bedroht. Das wird vielleicht bei einer Impfquote von mehr als 50 Prozent der Fall sein.

Ist das nicht sehr viel Druck auf Menschen, die Angst vor der Impfung haben?

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Das Gespräch führte Stephanie Wesely.

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