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Was verraten die Impfzahlen wirklich?

Um im Herbst neue Corona-Ausbrüche in Dresden zu verhindern, müsste klar sein, wie viele Menschen geimpft sind, sagen Experten. Das ist allerdings schwierig.

Jede verimpfte Dosis in Dresden wird dokumentiert. Doch ein entscheidendes Detail fehlt.
Jede verimpfte Dosis in Dresden wird dokumentiert. Doch ein entscheidendes Detail fehlt. © dpa/Friso Gentsch (Symbolfoto)

Dresden. Wie hoch ist die Gefahr einer vierten Corona-Welle? Dass sich das Virus im Herbst wieder flächendeckend ausbreitet, ist unwahrscheinlich. Denn ein Großteil der Deutschen wird bis dahin geimpft sein. Aber wie sieht es auf lokaler Ebene aus? Sind größere Ausbrüche in einer Stadt wie Dresden möglich? Experten schließen das zumindest nicht aus. Um es tatsächlich einschätzen zu können, müsste man wissen, wie viele Menschen vor Ort geimpft sind. Genau das ist aber das Problem.

Natürlich wird jede verabreichte Impfdosis dokumentiert, auch auf lokaler Ebene. So lässt sich mit Sicherheit sagen, dass im Dresdner Impfzentrum sowie über die dazugehörigen mobilen Teams schon 118.899 Menschen geimpft wurden, 71.063 von ihnen bereits ein zweites Mal. Diese Zahlen nennt das Sächsische Sozialministerium. Darin enthalten sind alle Alten- und Pflegeheim-Bewohner, die sich für eine Corona-Schutzimpfung entschieden haben.

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Mehr als 200.000 Erstimpfungen in Dresden

Auch bekannt ist, dass die Dresdner Hausarztpraxen laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KVS) bislang 78.000 Menschen mindestens einmal geimpft haben. Und dann wären da noch die Krankenhäuser, die ihr Personal in eigener Regie impfen dürfen, sofern genug Dosen vorhanden sind. Die beiden größten Krankenhäuser Dresdens, das Uniklinikum und das Städtische Klinikum, hatten bereits im März zusammen über 6.500 Mitarbeitende vollständig geimpft.

Zählt man nun die verabreichten Impfdosen zusammen, kommt man auf reichlich 200.000 Erstimpfungen und mehr als 100.000 Zweitimpfungen in der Stadt. Etwa ein Drittel der Dresdner hätte einen Teilschutz, fast jeder fünfte gälte als vollständig geimpft. Doch diese Rechnung geht nicht auf.

Denn im Dresdner Impfzentrum werden auch Menschen von außerhalb geimpft. In Sachsen steht es jedem Einwohner frei, welches Zentrum er sich aussucht. Das heißt, auch Dresdner lassen sich woanders impfen, in Pirna und Löbau zum Beispiel. Viele entscheiden ganz pragmatisch danach, wo sie am schnellsten einen Termin bekommen. In den Krankenhäusern ergibt sich ein ähnliches Bild. Nicht wenige Pfleger und Ärzte arbeiten zwar in Dresden, leben aber in einem anderen Landkreis. Wer also kann sagen, wie viele Dresdner eine Impfung erhalten haben?

KVS-Chef: Impfungen gehen vor Statistik

Niemand, sagt KVS-Vorstand Klaus Heckemann. Am Beispiel der Hausärzte erklärt er: "Wir können nur sagen, wie viele Menschen geimpft wurden. Woher sie kommen, ist nicht erfasst." Theoretisch könnte man anhand der Kostenabrechnung der Ärzte sehen, wer sich impfen lassen hat und woher er kommt. Doch einerseits erfolgen diese Abrechnungen nur quartalsweise. Auf der anderen Seite wäre der Aufwand enorm, alle Unterlagen durchzusehen und die Impfungen Kommunen zuzuordnen.

"Ich glaube nicht, dass sich jemand diese Mühe machen wird", so Heckemann zur SZ. Sicherlich wäre solch eine Statistik "nice to have", also schön, zu haben . "Aber im Vordergrund steht, mit aller Kraft weiter zu impfen." Immerhin, schätzt Heckemann, dürfte ein Großteil der Menschen, die bei niedergelassenen Ärzten in Dresden geimpft werden, auch aus Dresden stammen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bemängelt das Fehlen lokaler Impfdaten und befürchtet, dass es örtlich neue Corona-Wellen geben könnte. "Wir erheben nicht ausreichend gut, wo die Menschen leben, die geimpft werden", sagte er im ARD-Politmagazin "Report Mainz". So könne man nicht erkennen, wo genügend Menschen geimpft seien und wo nicht. Dort, wo die Impfquote nicht hoch genug sei, drohten im Herbst Ausbrüche und lokale vierte Wellen. Lauterbach und der Epidemiologe Oliver Razum von der Universität Bielefeld fordern daher Zahlen zum Impffortschritt auf lokaler Ebene, um Impflücken zu erkennen. Dann könne man dort gezielt Impfangebote schaffen, erklärte Lauterbach.

Impfpriorisierung soll am Montag aufgehoben werden

Währenddessen wird am Montag die nächste Stufe der Impfkampagne initiiert. Am 7. Juni soll die Priorisierung aufgehoben werden, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigt. Sprich: Jeder dürfte sich dann um einen Impftermin bemühen - im Impfzentrum, beim Hausarzt oder beim Betriebsarzt. Wie groß das Interesse in den sächsischen Unternehmen ist, lässt sich aktuell noch nicht beziffern. Bisher habe es rund 50 Anfragen zum Prozedere bei der KVS gegeben, so Heckemann. Die Betriebsmediziner dürfen zunächst bei den Apotheken Impfstoff bestellen. Dann können sie beginnen, die Vakzine zu verabreichen. Eine Registrierung bei der KVS ist eher Formsache und könne nach dem Impfstart erfolgen, so Heckemann.

Sich in den Impfzentren anderer Bundesländer impfen zu lassen, ist übrigens nicht ohne Weiteres möglich. Wer allerdings einen niedergelassenen Mediziner in einem anderen Land findet, darf sich dort impfen lassen, erklärt die Techniker-Krankenkasse (TK) die Regeln. (mit dpa)

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