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Wie weihnachtet es ohne Striezelmarkt?

Rings um den Altmarkt versuchen sich die Menschen in Weihnachtsstimmung zu bringen. Ein Besuch zum ersten Advent.

Am Sonntagabend erstrahlte der Altmarkt auch ohne Striezelmarkt zum ersten Mal im Lichterglanz.
Am Sonntagabend erstrahlte der Altmarkt auch ohne Striezelmarkt zum ersten Mal im Lichterglanz. © Ronald Bonß

Dresden. Der Weihnachtsmann ist gekommen. Mit dabei hat er einen leuchtenden Schlitten auf Rädern, der mit Plätzchen, Schokolade und Glühwein beladen ist. An diesem ersten Advent ist es kalt und ungemütlich.

Dennoch wird der Mann mit dem roten Mantel, der seinen Namen nicht nennen möchte, auf dem Altmarkt schnell von anderen Menschen umringt. Aus einem mobilen Lautsprecher erklingt „Driving Home for Christmas“. „Das ist unser kleiner Ersatz-Striezelmarkt“, sagt der Weihnachtsmann.

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Vergangene Woche hätte an dieser Stelle der echte 586. Striezelmarkt eröffnet werden sollen, doch in diesem Jahr steht das große Schwibbogen-Eingangstor einsam am Rand des Marktes. Als es dunkel wird an diesem Sonntag, gehen erstmals die Lichter an. „Beleuchtungsprobe“, heißt es offiziell.

Erst erstrahlen die Lichterketten rings um den Markt, dann nacheinander Schwibbogen, Pyramide und schließlich auch der Baum. „Ahhhhs“ und Ohhhhs“ sind zu hören. Manchmal muss man auch mit wenig zufrieden sein.

Ein bisschen Weihnachtsstimmung: Fanny, Kai, Luis und Anton wärmen sich mit Glühwein und Kinderpunsch am Rande des Dresdner Altmarktes auf.
Ein bisschen Weihnachtsstimmung: Fanny, Kai, Luis und Anton wärmen sich mit Glühwein und Kinderpunsch am Rande des Dresdner Altmarktes auf. © Christian Juppe

Von nun an soll der Altmarkt täglich von 16 bis 23 Uhr leuchten. „Die Lichter stehen symbolisch für den Advent“, sagt Robert Franke, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung. „Gerade in diesen besonderen Zeiten wollen wir damit auch ein Zeichen der Hoffnung setzen.“

Schon am Samstag war der Altmarkt gut besucht – wenngleich natürlich nicht vergleichbar mit dem sonst üblichen Striezelmarkt-Trubel. Die Mehrheit trägt Maske, aber viele haben sie auch in der Tasche oder gleich zu Hause gelassen.

„Hallo, Papa“, ruft oben vom Schwibbogen aus ein kleines Kind, das von seiner Mama hochgehalten wird. Papa fotografiert von unten. Überhaupt ist auch der leere Platz eine beliebte Fotokulisse für Dresdner und Touristen. So etwas bekommt man ja im Advent in Dresden sonst nicht zu sehen.

Recht einsam bemüht sich am Samstagnachmittag Petr, der Seifenblasenkünstler aus Tschechien, um ein bisschen Aufmerksamkeit. Gefühlvoll zieht er seine Stäbe durch die Luft, doch die meisten der großen Blasen zerplatzen auf dem Pflaster wie die Träume der Striezelmarkthändler, statt wie sonst von kreischenden Kindern eingefangen zu werden.

Wo sich eigentlich Tausende Striezelmarktbesucher drängen sollten, kämpft ein einsamer Seifenblasenkünstler um Aufmerksamkeit.
Wo sich eigentlich Tausende Striezelmarktbesucher drängen sollten, kämpft ein einsamer Seifenblasenkünstler um Aufmerksamkeit. © Christian Juppe

Auf den Steinen quer über den Altmarkt leuchten noch gelb die Markierungen für die Stände, die in diesem Jahr fehlen. Dafür prangt über den Eingängen zur Altmarktgalerie ein großer Schriftzug in Quietschgrün: „Burger to go“. Unten werden Waffeln an Passanten verkauft. Dazu läuft „Christmas Time“ von Bryan Adams. Aber wie weihnachtlich kann es dieses Jahr in Dresden überhaupt werden – so ganz ohne Weihnachtsmärkte?

„Es ist schon ein bisschen gruselig“, sagt Fanny, die sich am Samstag mit ihrem Mann Kai und ihren Söhnen Luis und Anton bei Glühwein und Kinderpunsch aufwärmt. „Der Striezelmarkt hat doch so eine lange Tradition. Ich kann das noch gar nicht glauben.“ Ihr Mann wirft ein, dass es schade sei, dass in der Krise keine anderen Konzepte gefunden werden konnten. Vor allem für die Händler. Hier, zwischen den Ständen direkt am Eingang zur Altmarktgalerie, funktioniere es doch auch.

Tatsächlich wirkt der Bereich wie ein kleiner Weihnachtsmarkt, der an diesem Samstag immerhin schon so voll ist, dass die Menschen wiederholt gebeten werden, doch bitte weiterzugehen.

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Weit weniger stressig ist es für Alexander, den Wächter des Weihnachtsbaumes auf dem Altmarkt. Er arbeitet für eine Security-Firma und passt mit seinen beiden Kollegen Tag und Nacht am Altmarkt auf Baum, Schwibbogen und Pyramide auf. „Bitte nicht auf das Geländer stellen, das ist ein bisschen wackelig“, weist er einen jungen Mann am Fuße des Baumes zurecht. Zu tun habe es bisher eigentlich nur nachts gegeben, sagt er, wenn die Leute einen Becher Glühwein zu viel getrunken hätten.

Auch Andrea und Frank sind ins Zentrum gekommen, um sich ein Bild vom fehlenden Striezelmarkt zu machen. Die beiden 60- und 61-Jährigen werden Weihnachten wohl zu zweit verbringen, sagen sie. Ihre Kinder leben in Amerika und Südostasien, seit mehr als einem Jahr hätten sie sich nicht mehr gesehen.

Normalerweise käme der Nachwuchs zu Weihnachten nach Hause oder man treffe sich irgendwo in der Mitte. In diesem Jahr müsse allerdings ein kurzer Anruf genügen. „Da will man am liebsten gar nicht drüber nachdenken oder dran erinnert werden“, sagt Andrea sichtlich gerührt.

"Bis dahin ist die Bratwurst kalt"

Andere sehen die Sache pragmatischer: Am Bratwurststand der Fleischerei Schulze gleich um die Ecke auf der Seestraße stehen die Leute schon am Freitag Schlange. Die meisten mit Maske. Wer lange warten muss, bekommt einen Glühwein umsonst. Ein Schild weist hier darauf hin, dass „laut Bundesregierung essen im Umfeld von 50 Metern“ verboten sei. Die Hungrigen mümmeln ihre Bratwurst trotzdem direkt vor dem Stand. „Die 50 Meter kann man unmöglich einhalten, bis dahin ist ja die Bratwurst kalt“, sagt ein Verkäufer. „Wir sagen es den Leuten, aber das heißt ja noch nicht, dass sie sich auch daran halten.“

Weihnachtsstimmung light also. Doch nicht bei allen will sie aufkommen. „Ich wurde eben angeschnauzt, dass ich mein Tuch nicht richtig über die Nase gezogen habe“, sagt Irina, die mit ihrer Freundin Grit über den Altmarkt bummelt, auf dem wie in jeder Fußgängerzone Maskenpflicht gilt. „Es ist furchtbar. Wir reden nur noch über Corona. Ich sehe nur noch Leute, die ihre Maske hochziehen, niemand lächelt mehr.“

Wie soll da Weihnachtsstimmung aufkommen? Vielleicht durch den Mann mit der Klarinette, der zwar ein transparentes Visier trägt, seinen Atem aber dafür musikalisch um sich herum verteilt.

Am Freitag hatte auf dem Altmarkt bereits kurz ein Bläsertrio vorbeigeschaut und vor der Krippe „Wie soll ich dich empfangen“ angestimmt. Die Stadt habe da noch etwas vor, sagt eine Verantwortliche geheimnisvoll, damit Weihnachten ohne Striezelmarkt nicht ganz so trist werde.

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