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Wilsdruff: Lahmes Internet, kein Unterricht

Joshua Eißer kann nicht am Online-Unterricht teilnehmen. Sein Vater hat schon sehr viel versucht, um Abhilfe zu schaffen. Bisher ohne Erfolg.

Joshua Eißer (15) ist verzweifelt. Das Internet in seinem Wohnort Grund ist so langsam, dass er nicht am Live-Stream-Unterricht seiner Schule teilnehmen kann.
Joshua Eißer (15) ist verzweifelt. Das Internet in seinem Wohnort Grund ist so langsam, dass er nicht am Live-Stream-Unterricht seiner Schule teilnehmen kann. © Daniel Schäfer

Joshua Eißer weiß schon, was er werden möchte: Lehrer. Das Zeug dazu habe der Neuntklässler, sind die Eltern überzeugt. Joshua, der im Wilsdruffer Ortsteil Grund wohnt und das Gymnasium in Nossen besucht, ist der Klassenbeste.

Ob er das bleibt? Die Eltern sorgen sich. Denn seit eigenen Tagen ist ihr Sohn klar im Nachteil. Der 15-Jährige kann am Unterricht, der via Internet übertragen wird, nicht mehr teilnehmen. Die Internetverbindung ist zu schwach. Etwas über 30 MBit/s liegen an. Zu wenig, sagt Vater Marco Eißer.

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Kein Einzelfall. Dem sächsischen Landeselternrat wurden in den letzten Monaten ähnliche Fälle gemeldet, sagt die amtierende Vorsitzende Nadine Eichhorn. Und auch in der Landkreisverwaltung gehen vereinzelte Anfragen ein. Auch dort wird vermutet, dass eine zu geringe Bandbreite die Ausübung von Home-Schooling einschränkt, sagt Maria Ehlers, Sprecherin des Landratsamts in Pirna.

Landeselternrat mahnt Bildungschancen an

Der Landeselternrat bringt diese Probleme immer wieder bei den zuständigen Ministerien vor, damit der Breitbandausbau weiter gefördert wird, um auch hier für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, sagt Nadine Einhorn. Das Landratsamt hingegen versucht, über die Telekommunikations-Unternehmen möglichst kurzfristig zu helfen.

Marco Eißer selbst ist das nicht gelungen. Detailliert hat er aufgelistet, was er unternommen hat, um die Situation zu verbessern. Den ersten Brief in der Sache schickte er am 15. Februar 2020 an die Telekom, also schon vor der Pandemie. Es folgten Anrufe. Erreichen konnte er nach eigenen Angaben noch nichts. Seine E-Mails wurden nicht beantwortet. Deshalb legte er eine Vorstandsbeschwerde ein. Weil sich nichts tat, legte er eine zweite ein.

Erst als Eißer die Stadt um Hilfe bat, habe er indirekt eine Antwort von der Telekom erhalten. Das Unternehmen überprüfte im Auftrag der Stadt den Anschluss der Familie. Der dort zuständige Mitarbeiter habe laut Eißer erklärt, dass „die fehlenden technischen Kapazitäten des Schulservers“ die Ursache für das Problem sein könnten. Eißer glaubt das nicht, denn bei allen anderen Schülern würde die Übertragung funktionieren. Eigentlich müssten dafür 30 Megabit pro Sekunde problemlos reichen.

Was den Vater besonders ärgert: Vom Herbst 2019 bis zum Frühjahr 2020 hat die Stadt Wilsdruff - gefördert von Bund - in einem Pilotprojekt das Breitband im Stadtgebiet ausgebaut. "Dafür wurden nur Haushalte mit einer Downloadrate unter 30 Mbit/s gefördert. Die Telekom hat sich relativ streng darangehalten."

Die Eißers hatten damals eine Rate von 29,15 Mbit/s. Als er auf sein Problem aufmerksam machte, hat die Telekom intern die Downloadrate technisch auf 35 Mbit/s hochgepusht. "Für die Telekom ist das erledigt, sie ist rechtlich sauber raus." Eißers Problem aber blieb. Dabei ist die Lösung zum Greifen nahe.

Die Glasfaserleitung, die seinem Sohn helfen würde, geht nur drei Meter an seinem Grundstück vorbei. "Wenn die Telekom kein Tiefbau-Unternehmen findet, buddele ich die drei Meter Straße auch allein auf", sagt Eißer. Das würde er tun, damit sein Sohn endlich wie alle anderen Schüler am Streaming-Unterricht teilnehmen kann.

Kein Zugang zum Live-Stream-Unterricht

Nach Eißers Kenntnis ist das Gymnasium Nossen ein Vorreiter in der Bildungslandschaft. Denn als es aufgrund der hohen Inzidenzwerte gezwungen wurde, die Klassen zu teilen, wurde hier eine neue Form des Unterrichts eingeführt.

In den meisten Schulen wurden die Gruppen wochenweise im Wechsel unterrichtet. Auf eine Woche in der Schule folgte eine Woche Lernarbeit zuhause, in der die Schüler Aufgaben erledigten, die die Lehrer via Internet verschicken.

In Joshuas Schule läuft der Unterricht seit April in den Fächern Mathematik, Englisch und Latein ohne Unterbrechung weiter. In der Woche, in der Joshuas Gruppe zuhause bliebt, wird der Unterricht online weitergeführt. In der Woche werden fünf bis sechs Stunden als Livestream übertragen. "Das kommt dem Präsenzunterricht ziemlich nah", sagt Vater Eißer. Eine tolle Lösung, für alle, die die technischen Möglichkeiten haben.

Die Eißers haben diese nicht. "Bis jetzt ist die Verbindung jedes Mal abgebrochen", sagt Joshua. Und als das Gymnasium vor einigen Tagen dann ganz auf Home-Schooling umstellen musste, weil die Inzidenzwerte im Landkreis Meißen so hoch waren, ist nun auch der Präsenzunterricht weggefallen.

Marco Eißer zeigt mit dem Zollstock, dass die Glasfaserleitung der Telekom nur drei Meter von seinem Grundstück vorbeiläuft.
Marco Eißer zeigt mit dem Zollstock, dass die Glasfaserleitung der Telekom nur drei Meter von seinem Grundstück vorbeiläuft. © Daniel Schäfer

Perspektivisch möchte das Gymnasium die Online-Angebote ausbauen, zitiert Eißer aus einem Brief. Was aber nicht geht: Der Unterricht wird aus Datenschutzgründen nicht aufgezeichnet. Da die Lehrer von Joshuas Problem aber wissen, schicken sie ihm schriftliche Zusammenfassungen per E-Mail. Das hilft, findet der Vater.

Doch den Unterricht kann das nicht ersetzen. Marco Eißer merkt, dass er vor allem in Mathematik an seine Grenzen kommt. Der Stoff ist sehr komplex und es kostet ihn Mühe, das Wissen aus seiner Schulzeit zu aktivieren, um seinem Sohn zu helfen.

In seiner Not hat sich Marco Eißer nun an die Öffentlichkeit gewandt. In der Bürgerfragestunde sprach er im Wilsdruffer Stadtrat vor und bat um Hilfe.

Wilsdruffs Bürgermeister möchte helfen

Der Ausbau, der über die Stadt erfolgte, ist beendet, erklärte Bürgermeister Ralf Rother (CDU). Nun sei das Landratsamt für ihn zuständig. Dieses wird über ein Breitbandprojekt jetzt all jene Grundstücke erfassen, in denen es zu schwache Internetverbindungen gebe. Dort werde es dann tätig.

Marco Eißer konnte sich über diese Nachricht nicht freuen. Denn bis das Programm läuft und er mit einer besseren Verbindung rechnen kann, könnte es noch bis zu vier Jahre dauern. Dann hätte sein Sohn bereits die Schule verlassen.

Ralf Rother, der das bestätigte, versprach, dass die Stadt sich an die Telekom wenden wolle, um eine Lösung zu finden. "Wir sind aber nur Bittsteller." Insgesamt sei das "eine unbefriedigende Situation." Rother hat sich inzwischen an die Telekom gewandt. "Weiterhin bitten wir Sie, der Familie die Möglichkeit , einen Glasfaseranschluss zu bekommen, einzuräumen", heißt es in einem Schreiben unter anderem. Familie Eißer kann also hoffen.

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