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Auch nach Kehrtwende bleibt Stöcker angriffslustig

Zwar hat Stöcker aktuell alle Bemühungen eingestellt, sein Antigen zu verimpfen. Doch nach der akuten Welle hofft er auf Hilfe des neuen Gesundheitsministers.

Von Anja Beutler
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Winfried Stöcker in seinem eigenen Labor in Groß Grönau. Er ist nach wie vor von seiner "Lübecker Impfung" überzeugt.
Winfried Stöcker in seinem eigenen Labor in Groß Grönau. Er ist nach wie vor von seiner "Lübecker Impfung" überzeugt. © Marcus Brandt/dpa

Kiesdorf. In einem Fernsehbeitrag des privaten Ballungsraumsenders "TV Berlin" hat sich Winfried Stöcker erstmals nach der umstrittenen Impfaktion auf seinem Lübecker Flughafen wieder öffentlich und ausführlich zum Thema Impfung geäußert. Dabei erklärte er genauer, warum er nun allen empfiehlt, sich mit den derzeit zugelassenen Impfstoffen immunisieren zu lassen und warum er bislang nicht das vorgeschriebene Zulassungsverfahren absolviert hat.

"Ich bin nicht umgefallen", erklärte Stöcker auf die Frage des Moderators Thilo Boss, wieso er seine Aktionen nun offiziell eingestellt habe und stattdessen zum Impfen mit mRNA-Impfstoffen aufrufe. Auch sei die - in seinen Augen illegale - Polizeiaktion am Flughafen Lübeck, bei dem eine Impfaktion mit Hunderten Menschen mit seinem Antigen unterbunden wurde, nicht der Auslöser gewesen. Vielmehr habe er erkannt, dass der Bundestag eine Impfpflicht vorbereite. Eine Immunisierung gegen das Virus hält Stöcker selbst für dringend geboten. Er wolle sich daher nicht schuldig machen, dass Menschen ungeschützt bleiben, weil "wir Leute aufmuntern, zu warten, bis die beste Impfung, die man sich vorstellen kann, verfügbar ist".

"Für mich ist es geboten, dass sich alle immunisieren."

So wie Stöcker für eine Immunisierung wirbt, gibt er sich nach wie vor absolut davon überzeugt, dass sein Produkt anderen Impfstoffen überlegen ist. Priorität habe für den Labormediziner aber aktuell, sich überhaupt zu schützen, um die Pandemie zu beenden und zu einem normalen Leben zurückzukehren. In diesem Zusammenhang betonte er auf die Frage des Moderators, ob eine allgemeine Impfpflicht der richtige Weg sei: "Für mich ist es zurzeit geboten, dass sich alle immunisieren, damit diese unglaubliche Infektionsrate wieder gebremst wird", sagte er.

Dass sein Antigen dafür rasch genug zugelassen wird, davon geht Stöcker aktuell offenbar nicht aus. Dennoch ließ er mit Blick auf die streng geregelte Zulassung seine Hoffnung durchblicken, "dass solche behördlichen Vorgaben ein bisschen außer Kraft gesetzt werden, denn manchmal kommen Sie mit einer Vorschrift nicht richtig weiter, sondern müssen effektiv sein", formulierte er. Damit deutet er an, dass er es begrüßen würde, wenn er für seinen Stoff nicht oder nur teilweise die strengen, vorgeschriebenen Tests durchlaufen müsste. Er hofft offenbar, dass man nach der akuten Welle jetzt, vielleicht im Frühling "Öffentlichkeit und Ämter überzeugen kann, dass der Impfstoff, den wir entwickelt haben, zum Zuge kommen kann". Man wisse ja, dass er wenig Schaden anrichtet und "auch vom Prinzip her keinen Schaden anrichten kann", sagte er mit Blick auf seine sogenannte "Lübecker Impfung".

Doch genau das - oder die von ihm erklärte hohe Wirksamkeit - ist ohne Studien nicht transparent bewiesen. Auch ist nicht bekannt, dass Stöcker selbst bereits dazu umfangreiche Daten vorgelegt hat. Zahlreiche andere Impfstoffentwickler, die mit demselben Ansatz wie Stöcker arbeiten, durchlaufen sehr wohl genau die vorgeschriebenen Tests. Stöcker gibt hingegen lediglich an, mit seiner Methode würden die Patienten "zu 98 Prozent immun". Er geht davon aus, dass bereits 40.000 Menschen seinen Stoff erhalten haben.

Beweise für diese Angaben gibt es nicht, denn die sogenannten Impfaktionen wie beispielsweise im Schönau-Berzdorfer Ortsteil Kiesdorf oder auf dem Lübecker Flughafen sowie die Vergabe seines Stoffes durch Hausärzte auch im Landkreis Görlitz, sind nicht offiziell gelaufen. Zudem gibt es nach SZ-Informationen auch unter den Stöcker-Geimpften sogenannte Impfdurchbrüche und schwere Erkrankungen. Etwas, das bei diesem Virus erwartbar, bislang aber öffentlich kein Thema war.

Stöcker-Geimpfte auch im Kreis in Kliniken

Betroffen sind nach SZ-Recherchen demnach Menschen verschiedenen Alters, auch jüngere, sportliche Menschen im Landkreis. Fälle gab es auch unter Mitarbeitern in medizinischen Berufen. "Ja, wir haben Kollegen, die mit Stöcker geimpft sind und einige haben sich danach infiziert und sind erkrankt", sagt ein Mitarbeiter aus dem Rettungsdienst, der anonym bleiben möchte. Von "sehr wahrscheinlich drei Patienten" mit schweren Covid19-Erkrankungen nach Stöcker-Immunisierung berichtet das Klinikum Oberlausitzer Bergland für die aktuelle Corona-Welle. Zwei waren in Ebersbach, einer in Zittau stationär behandelt worden, wobei der Zittauer Patient auch nach den Kriterien von Stöcker noch nicht vollständig immunisiert war.

Das Zulassungsverfahren könnte hier Klarheit bringen. Doch eine Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut kommt für Stöcker bislang nicht infrage: Er hätte gern den Zulassungsprozess durchlaufen, erklärte er auf Anfrage in der Sendung. Aber das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, habe ihm auf seine Anfrage im September 2020 erst im Januar 2021 geantwortet und statt Hilfe beim Verfahren anzubieten, ein juristisches Verfahren gegen ihn angestrengt. "Es ist klar, dass ich mit solchen Leuten nicht zusammenarbeiten will", erklärte Stöcker.

Paul-Ehrlich-Institut der Sache nicht gewachsen

Die öffentliche Darstellung des Paul-Ehrlich-Instituts bezeichnet Stöcker als "Schutzbehauptung", die nicht stimme. Denn das PEI zeichnet von der Kommunikation mit Stöcker ein anderes Bild: Demnach habe man Stöcker sehr wohl umgehend Informationen und Gesprächsangebote gemacht. Er sei darauf aber nicht eingegangen und habe offenbar einen Sonderweg gesucht.

Da Winfried Stöcker aber nach wie vor eine Legalisierung seines Antigens anstrebt, erwartet er vom neuen SPD-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach Schritte gegen das Paul-Ehrlich-Institut (PEI): "Da hoffe ich ja, dass ich ihn überzeugen kann, dass er die Strategie ändert und möglicherweise Konsequenzen zieht, weil das Personal, das er im PEI vorfindet, der Sache nicht gewachsen ist." Lauterbach kennt Stöcker - beide sind in diesem Frühjahr in der Sendung Stern TV aufeinander getroffen - wobei Lauterbach Stöckers Vorgehen kritisierte.