merken
PLUS Dresden

Corona: "Wir Behinderten werden vergessen"

Seit vier Monaten kann der Dresdner Paul Funke seine Werkstatt nicht besuchen. Damit fehlen ihm die wichtigsten sozialen Kontakte. Ist das eine Nebensache?

Paul Funke ist körperbehindert und kann nur schlecht sprechen. Seit Beginn des Lockdowns ist er meist zu Hause.
Paul Funke ist körperbehindert und kann nur schlecht sprechen. Seit Beginn des Lockdowns ist er meist zu Hause. © Sven Ellger

Dresden. Wer eine Stromleitung an der Wand verlegen möchte, der ist froh, wenn er dafür genug Nagelscheiben zur Verfügung hat. Damit die nach der Fertigung auch in der richtigen Menge in die Verpackung kommen, müssen sie abgewogen werden. Und das ist der Job von Paul Funke in der Werkstatt der Lebenshilfe in Radebeul. Also normalerweise.

Seit November war der 23-Jährige nicht mehr auf Arbeit, weil seine Werkstatt aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste. Eine Folge der Corona-Pandemie, über die bislang kaum etwas zu hören oder zu lesen war

UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand

Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Weil sich Paul Funke darüber ärgerte, schrieb er eine Mail an die Sächsische Zeitung: "Es macht mich und meine Familie sehr traurig, dass in der Zeitung und in den Medien nie über uns behinderte Menschen berichtet wird. Für uns ist die Arbeit sehr wichtig und für die meisten von uns der wichtigste Platz für soziale Kontakte außerhalb von Familie und der betreuenden Wohnstätten." Immerhin betreffe das allein in Dresden weit über 1.000 Menschen.

Auch in den immer wieder neu formulierten Allgemeinverfügungen in der Corona-Pandemie suchten er und seine Kollegen vergeblich nach konkreten Angaben zur Öffnung oder Schließung von Werkstätten für Behinderte.

Die Werkstatt von Paul Funke in Radebeul ist seit Monaten geschlossen.
Die Werkstatt von Paul Funke in Radebeul ist seit Monaten geschlossen. © Sven Ellger

Wegen seiner halbseitigen Lähmung kann Paul Funke nur einen Arm benutzen und kaum sprechen. Im Kopf aber ist er fit und voller Tatendrang. Am liebsten würde der Dresdner, der bei seinen Eltern in der Neustadt lebt, gleich morgen wieder mit der Straßenbahn zu seiner Werkstatt fahren. Nach der Förderschule und zwei Jahren Ausbildung ist das nun schon seit über drei Jahren sein Arbeitsplatz. Normalerweise ist er hier von Montag bis Freitag von 7.30 Uhr bis 14.25 Uhr im Einsatz.

"Ich bin stolz, so eine verantwortungsvolle Arbeit machen zu dürfen", sagt er. Nach dem Abwiegen helfe ihm ein Gruppenleiter beim Zukleben der Verpackung. "Dann klebe ich auf die Kiste noch ein Etikett drauf."

Schon früh musste er im vergangenen Jahr darauf verzichten, die Pausen gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen auf dem Balkon zu verbringen. Auch die geliebten Urlaubsrunden und gemeinsamen Ausflüge fielen weg.

Immerhin durfte er aber bis zum November noch arbeiten - wenn es bei geöffnetem Fenster im Herbst auch manchmal ziemlich kalt wurde. Nach zwei Wochen Urlaub, die er eigentlich in Mexiko verbringen wollte, blieb das Tor zu seiner Werkstatt verschlossen. Bis heute. Momentan ist eine Öffnung zum 1. April im Gespräch, doch die Perspektive bleibt ungewiss.

"Irgendwann hat man alles gemacht"

"Ich weiß langsam nicht mehr, was ich machen soll", sagt Funke. "Klar mache ich mir einen Wochenplan, aber irgendwann hat man alles gemacht." Jeden Tag putze er die Wohnung und laufe draußen mindestens 10.000 Schritte. Im Fernsehen schaut er am liebsten Komödien und "Shopping Queen". Doch so ein Tag kann lang sein.

Wenigstens dürfe er seit Februar einmal in der Woche zum Klavierunterricht, sagt er. "Und es ist für mich schon eine kleine Tradition geworden, dass ich Mama von der Kita abhole." Die arbeitet dort als Erzieherin.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Besonders vermisst es Paul Funke, mal wieder in die Staatsoperette oder ins Theater zu gehen - seine große Leidenschaft. Allein das "Phantom der Oper" hat er schon dreimal gesehen. Hört er im Radio eine Melodie, kennt er sofort auch das Stück. "Meine Familie ist dann immer sprachlos", sagt er.

Paul Funke ist körperbehindert, seine Werkstatt seit Monaten geschlossen. Er sagt, dass die Situation von Behinderten in der Corona-Zeit zu wenig beachtet wird.
Paul Funke ist körperbehindert, seine Werkstatt seit Monaten geschlossen. Er sagt, dass die Situation von Behinderten in der Corona-Zeit zu wenig beachtet wird. © Sven Ellger

Die Werke, die ihn auf der Bühne verzaubert haben, spielt er anschließend zu Hause in seinem Zimmer nach, bastelt kleine Figuren und ganze Bühnenbilder. Auch selbst gestaltete Programmhefte gehören dazu, inklusive frei erfundener Interviews mit den Intendanten. Wenn die Premiere ansteht, sind seine Eltern die ersten und einzigen Gäste. Sie erleben eine Show mit Sound- und Lichteffekten - und einen überglücklichen Sohn.

"Wie oft haben wir schon versucht, ihn für eine Theatergruppe zu begeistern", sagt Mutter Katrin Fritsch. "Aber das will er nicht. Er will sich nur hier zu Hause ausleben."

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Wenn ihr Sohn vor Beginn des Lockdowns doch mal ausgegangen ist, zum Essen, ins Kino oder zum Shoppen in den Elbepark, dann mit seiner Sozialassistentin, die zweimal in der Woche Zeit für ihn hat. In der Krise ist auch das weggefallen. "Damit hat er zurzeit keine Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen", sagt seine Mutter.

Weiterführende Artikel

"Ein Ende ist nicht absehbar"

"Ein Ende ist nicht absehbar"

Corona-Alltag in der Meißner Werkstatt für Menschen mit Behinderung: Trotz Betretungsverbot muss die Produktion weitergehen.

"Wenn das Virus nicht mehr so stark ist, dann starte ich wieder mit meinen Planungen durch", macht sich Paul Funke selbst Mut. Geimpft sind er und seine Eltern schon. Auf alles andere hat er keinen Einfluss.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden