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"Wir haben Angst, dass es nicht weitergeht"

Pirnaer Händler machen auf ihre prekäre Lage durch Corona aufmerksam. Mit einer bestimmten Aktion wollen sie aber nichts zu tun haben.

Anja Sick vor ihrem Laden Funky Town in der Pirnaer Innenstadt. „Wieder öffnen dürfen oder eine angemessene Entschädigung.“
Anja Sick vor ihrem Laden Funky Town in der Pirnaer Innenstadt. „Wieder öffnen dürfen oder eine angemessene Entschädigung.“ © Daniel Förster

An der Tür des Modelandens Funky Town klebt am Montag ein A4-großes Zettel. Darauf steht in großen Lettern: "Wir machen auf". Und in viel kleineren daneben: "merksam". Zusammen also: "Wir machen aufmerksam". Das ist für Anja Sick als Händlerin eine Herzenssache, leidet sie doch wie Dutzende andere Pirnaer Geschäftsleute unter dem Lockdown. Seit Mitte Dezember durfte sie ihren Laden keinen einzigen Tag öffnen.

Das bedeutet: Keine Einnahmen, keine Arbeit und auch kein Verdienst für Ladeninhaber und Angestellte. Wer sein Geschäft selber führt, kann sich auch nicht in Kurzarbeit schicken. "Wir haben Angst, dass es nicht weitergeht", sagt Anja Sick, die an diesem Tag auch ihre Kinder in das Geschäft auf der Schuhgasse mitbringt. Kita und Schule sind schließlich auch zu. An der Aktion nehmen in Pirna auch die Modeläden Crazy Curvy, Hautnah und Mode-Mix teil, aber auch Korfi Tours und das Bergsportgeschäft Rotpunkt Weinhold. Sie wollen erreichen, dass die Läden wieder geöffnet werden - oder eine finanzielle Unterstützung bekommen. Jens Weinhold von Rotpunkt sagt es so: "Ich erwarte eine angemessene Entschädigung für alle Einzelunternehmer, die von den Corona-Regelungen betroffen sind und nicht nur für jene, die zu einer ausgewählten Berufsgruppe gehören."

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Schlangen vorm Fleischer sind auch OK

Anja Sick wundert sich indes, wenn sie die Schlangen vor Kaufland oder dem Fleischer um die Ecke sieht: "Warum darf ich nicht wenigstens einen Kunden in meinen Laden reinlassen?" Dort wartet immer noch die Winterkollektion auf die Kunden- und dabei drängen die Lieferanten schon und wollen die Mode für das Frühjahr schicken. Doch womit die nächste Ware finanzieren, wenn die aktuelle noch nicht verkauft wurde?

Die Händlerin hat Verständnis für die Corona-Schutzmaßnahmen. "Ich habe selbst Angst um meine Familie." Will sagen: Sie gehört nicht zu denen, die Corona verharmlosen oder gar leugnen. Aber sie wünscht sich eben Aufmerksamkeit von den Entscheidern - so wie es ihr von den Kunden zuteil wird. "Auch sie finden es furchtbar, uns leiden zu sehen."

Wir machen auf? Nein, zum Regelbruch wollen Pirnaer Händler nicht aufrufen. Sehr wohl aber auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen.
Wir machen auf? Nein, zum Regelbruch wollen Pirnaer Händler nicht aufrufen. Sehr wohl aber auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen. © Domokos Szabó

Dina Stiebing von City-Managament Pirna weiß von den Gesprächen mit den Geschäftsinhabern in der Stadt, wie groß der Frust unter ihnen ist. "Sie sehen sich massiv in ihrer Existenz bedroht", sagt Stiebing. Betroffen sind insbesondere die Modeläden: "Das Weihnachtsgeschäft fehlt und nun auch der Wintersale." Viele hätten kaum Möglichkeiten, die Verluste abzupuffern oder auszugleichen. Das City-Management kennt fast 20 Händler, die sich am Montagvormittag der Aktion anschließen.

Ähnlichkeit mit der Aktion #Wirmachenauf

Dazu gehört aber nicht, die Läden aus Protest zu öffnen - auch wenn die großen Letter auf dem Zettel dies suggerieren. Mitarbeiter des Ordnungsamtes gehen durch die Innenstadt und schauen, ob die Corona-Regeln eingehalten werden. Das kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich wurde seit Tagen unter dem Motto "Wir machen auf" für Ladenöffnungen aus Protest geworben. Dahinter steht der Betreiber eines Krehfelder Kosmetikstudios. Corona-Leugner und Rechtsextreme teilten diese Aufforderung zu "zivilem Ungehorsam" nur allzu gern in den sozialen Netzwerken. Nach Kritik hat der Initiator aus Krehfeld seine Aktion auf den 18. Januar verschoben und lässt selbst die juristischen Konsequenzen prüfen. Beobachter halten seinen Aufruf zur öffentlichen Aufforderung zu einer Straftat, was mit Geld- oder Haftstrafe geahndet wird.

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Hinter "Wir machen aufmerksam" stehen wiederum nach eigenen Angaben ein Modehändler aus Frankfurt am Main und der Chef einer Kommunikationsagentur aus Aichach (Bayern). Ob die Ähnlichkeit mit "Wir machen auf" gewollt ist, bleibt am Montag unklar. Händlerin Anja Sick sagt jedenfalls zu der Krehfelder Initiative: "Von dieser Aktion distanzieren wir uns." Man wolle auf die eigene prekäre Lage aufmerksam machen - nicht mehr und nicht weniger.

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