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Politik

"Ich atme lieber Abgase von Radfahrern ein"

Die Menschheit hat es beim Klima ganz schön verbockt, konstatiert Eckart von Hirschhausen. In seinem neuen Buch erklärt er, wie es besser ginge.

Die Menschheit hat es bei Klima und Artenschutz ganz schön verbockt. Das macht Eckart von Hirschhausen, Deutschlands wohl bekanntester Mediziner, in seinem neuen Buch immer wieder klar.
Die Menschheit hat es bei Klima und Artenschutz ganz schön verbockt. Das macht Eckart von Hirschhausen, Deutschlands wohl bekanntester Mediziner, in seinem neuen Buch immer wieder klar. © Julian Engels/HERBERT Management/dpa

Berlin. In seinem neuen Buch "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben" beschreibt Eckart von Hirschhausen, warum das Handeln gegen die Klima-Krise so dringlich ist. "Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden", sagt der Kabarettist, Autor und TV-Moderator. Im Interview erklärt er, welche Folgen für die Gesundheit ihm besonders Sorgen machen - und wo er die aussichtsreichsten Hebel für ein Umsteuern sieht.

Ein Ende der Corona-Krise scheint in Sicht. Wird es bei zwei weiteren Krisen, der Klimaerhitzung und dem Artensterben, auch so schnell gehen, wenn wir mal beschließen: Nun aber wirklich, wir reißen jetzt mal das Steuer rum?

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Das wäre schön! Gegen Viren kann man impfen. Gegen Hitze nicht. Auf meinem Buch habe ich einen Button: "Drei Krisen zum Preis von zweien". Was wie ein Marketing-Gag aussieht, meint: Die Krisen unserer Zeit hängen eng zusammen. Und vieles ist leider schon verpasst und verloren. Eine Art, die wir ausgerottet haben, kommt nie mehr zurück. Da hat die Evolution über Millionen Jahre durch Versuch und Irrtum ihre besten Ideen verwirklicht, und wir zerstören dieses Buch des Lebens, bevor wir es überhaupt gelesen, geschweige denn verstanden haben. Wenn die Klimakrise das Fieber von Mutter Erde ist, dann ist das Artensterben ihre Demenz. Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Wir müssen nicht "das Klima" retten - sondern uns.

Welche Folgen für die Gesundheit machen Ihnen mit Blick auf die Klimakrise besonders Sorgen?

Luftverschmutzung ist weltweit das Schlimmste, killt mehr Menschen als das Rauchen, und verkürzt auch unser Leben in Deutschland massiv. Der Dreck in der Luft hängt maßgeblich an der Verbrennung von fossiler Energie: Kohle, Diesel, Öl. Dabei entsteht Feinstaub, der dann unter anderem auch für Viren eine Art Taxi ist in die vorgeschädigte Lunge. Dort, wo die Luft am dreckigsten ist, verläuft auch Covid-19 besonders schwer. Wie gesagt: Die Krisen hängen zusammen. Wir diskutieren die Energiewende aber immer noch so, als wäre es primär ein Thema für Ingenieure. Der große Vorteil von Windrädern und Solaranlagen ist doch: Sie stinken nicht im Betrieb. Wir könnten es echt schöner haben - und viel gesünder.

Worauf verzichten Sie persönlich, auf das Sie vor zehn Jahren wahrscheinlich noch nicht verzichtet hätten?

Auf viel Fleisch, auf innerdeutsche Flüge und darauf, alle Fragen ausführlich zu beantworten, die am Kern des Themas vorbeigehen: Die großen Hebel liegen nicht im schlechten Gewissen, sondern in einer besseren Politik.

Aber es bleibt dabei, dass "Verzicht" kein Wort ist, das Menschen gern hören. Kann Verzicht auch Gewinn sein? Was gibt es zu gewinnen?

Jede Menge Lebensqualität! Wir könnten viel klarer betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln: Rad statt Auto, Zug statt Flugzeug und Gemüse statt Fleisch. Als Arzt interessiert mich der gesundheitliche Vorteil dieser Maßnahmen. Ich atme lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein als von einem SUV. Und in einer Welt, in der rund zwei Milliarden Menschen übergewichtig und eine Milliarde mangelernährt sind, müsste es doch eine bessere Verteilung zum Wohle aller geben, oder? So verbindet die Idee einer "Planetary Health Diet" das, was dem Körper guttut, mit dem, was dem Planeten guttut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Es könnten so Millionen Zivilisationskrankheiten verhindert werden. Und auf Herzinfarkte und Schlaganfälle - darauf verzichte ich gerne! Sie nicht?

Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben, dtv Verlag, 2021, 24,00 Euro, 528 Seiten, ISBN 978-3-423-28276-5
Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben, dtv Verlag, 2021, 24,00 Euro, 528 Seiten, ISBN 978-3-423-28276-5 © Rowohlt Verlag/HERBERT Management/dpa

Wenn ich zum Grillabend toll angemachtes Gemüse statt wie sonst Fleisch mitbringe. Machen meine Nachbarn und Freunde dann mit? Sind Verhaltensänderungen ansteckend?

Ja, und wie! Menschen sind weder rein gut oder schlecht, wir sind soziale Wesen und machen das, was bei anderen gut ankommt. Vor fünf Jahren konnte man noch mit einem Wochenendtrip nach New York angeben, heute mit Eiern von den eigenen Hühnern. Wir sind gerade mittendrin in einem "Social Tipping Point", ein Randthema erreicht die Mitte der Gesellschaft, und die Politiker überbieten sich plötzlich mit Reduktionszielen.

Das ist auch gut so, dass die Politik aufwacht, denn ich kann nicht "eigenverantwortlich" dafür sorgen, dass endlich Bahnfahren in Deutschland so gut funktioniert wie in Frankreich, Japan oder der Schweiz, dass nachhaltige Landwirtschaft gefördert wird und es endlich einen wirksamen CO2-Preis gibt. Dafür braucht es keine Ökomoral, sondern wissenschaftsbasierte Ordnungspolitik und Gesetze.

Es braucht mehr politisches und öffentliches Engagement von uns allen, gerade aber auch von den Gesundheitsberufen. Deshalb habe ich auch eine neue Stiftung "Gesunde Erde-Gesunde Menschen" gegründet, tolle Mitarbeiter:innen eingestellt und bin mit vielen NGOs, Ärzteorganisationen und Ministerien vernetzt. Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht.

Gibt es in Ihrem Buch bei allem Ernst der Themen auch etwas zu lachen?

Ja klar, wie in allen meinen Büchern baue ich Teile aus meinem aktuellen Bühnenprogramm ein, es gibt viele Fotos, witzige Grafiken, Zitate und ich verschweige auch nicht, dass wir ja alle in unseren Widersprüchlichkeiten stecken, was für andere oft komischer ist als für uns selbst. So bekenne ich mich bei aller wohlfeilen Konsumkritik in dem Text über "Zeug" auch dazu, viel mehr anzuhäufen als ich brauche. Nicht als Messie, sondern wie ich es liebevoll nenne, als "Sammler ohne festgelegtes Themengebiet". (dpa)

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