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Bautzens OB: „Wir müssen das Virus ernst nehmen“

Alexander Ahrens hatte Covid-19. Er erklärt, wie es ihm jetzt geht, was er von der Lockdown-Verlängerung hält – und von Menschen, die die Gefahr immer noch leugnen.

Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens hat seine Corona-Infektion inzwischen überstanden - fühlt sich aber noch nicht wieder 100prozentig fit.
Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens hat seine Corona-Infektion inzwischen überstanden - fühlt sich aber noch nicht wieder 100prozentig fit. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Er könne „leider aus eigener Erfahrung schildern, dass die Symptome alles andere als harmlos sind“, schrieb Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) Anfang Januar auf Facebook. Mit diesen Worten verkündete er, dass er sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Sächsische.de sprach mit ihm darüber, wie es ihm ergangen ist – und ob die Erfahrung seine Haltung beeinflusst hat.

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Herr Ahrens, Sie hatten Corona. Wie geht es Ihnen jetzt?

Es geht mir wieder ganz gut – ich merke aber noch, dass ich krank war. Ich bin noch nicht so fit, wie ich das von mir kenne. Wenn ich nachts jagen gehe und ein Wildschwein aus dem Wald ziehe, dann ist das körperlich anstrengend. Wer so etwas macht, ist in der Regel fit. Ich merke jetzt aber, dass ich bereits erschöpft bin, wenn ich nur Einkäufe nach oben trage. Da sind sicherlich noch zwei, drei Wochen notwendig, bis ich wieder ganz fit bin. Als sehr unangenehm empfinde ich auch den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns.

Wie haben Sie die Erkrankung erlebt?

Was ich hatte, war ein milder Verlauf. Ich hatte starke Nierenschmerzen und sehr unangenehme Gelenk- und Muskelschmerzen. Auch unter Schmerzmitteln sind die nicht zurückgegangen. Ich hatte ein deutliches Abgeschlagenheitsgefühl. Fieber hatte ich etwa zwei Tage lang, bis 38 Grad etwa. Ich hatte mir Sorgen gemacht, unter starkem Husten zu leiden. Denn meine Mutter war starke Raucherin, ich war dem als Kind ausgesetzt und habe eine Bronchitis entwickelt. Interessanterweise hatte ich nur am ersten Tag Schmerzen an den Bronchien – aber keinen sehr starken Husten. Ich muss aber auch sagen: Ich hatte letztes Jahr die Grippe. Also nicht einen grippalen Infekt, sondern Influenza. Und da ging es mir schlechter. Damals habe ich es kaum vom Bett zur Küche geschafft. So war es dieses Mal nicht.

Als Oberbürgermeister hat man viele Kontakte. Ist Ihnen bekannt, ob Sie andere Menschen angesteckt haben?

Ich hatte Gott sei Dank zu dieser Zeit nicht viele Kontakte. Das beschränkte sich auf zwei Leute außerhalb meines Hausstandes; zwei Personen im Büro. Meine Kontakte im Büro haben sich jedenfalls Gott sei Dank nicht angsteckt. Dafür habe ich das Virus aber leider in der Familie weitergegeben. Sowohl meine Frau als auch meine Kinder haben sich angesteckt. Bei den Kindern waren die Symptome aber nach ein bis drei Tagen erledigt.

Haben Sie sich als Vater Sorgen gemacht?

Bei den Kindern sind wir davon ausgegangen, dass die das gut wegstecken – das hatte man ja überall so gelesen, und so war es dann auch. Kopfschmerzen und Krankheitsgefühl hatten sie aber auch. Ich musste mich zum Glück auch nicht um ältere Familienmitglieder sorgen, denn mein Vater hat Corona schon hinter sich. Der verbringt den Winter immer in Kolumbien und hatte sich letztes Frühjahr schon auf der Rückreise angesteckt. Er hing zusammen mit seiner Frau krank am Flughafen fest. Er ist über 80 – aber Gott sei Dank hat auch er es ganz gut weggesteckt.

Sie haben auf Facebook gemahnt, man solle die Erkrankung ernst nehmen. Was Sie jetzt sagen, klingt eher mild.

Es ist ja leider nicht bei allen so. Ich kenne auch Leute, die beide Eltern an Corona verloren haben. So etwas haut mich echt um. Als Oberbürgermeister hört man immer wieder solche Geschichten. Ich erinnere an Cordula Heß aus Radeberg, die neben mir im Kreistag saß. Bei einer Ausschusssitzung war sie nicht da. Wir haben uns gewundert, weil niemand wusste, was mit ihr ist. Wenige Tage später war sie tot – an Corona gestorben. Das macht etwas mit einem, wenn man das mitbekommt.

Das Virus hat ein Riesen-Gefährdungspotenzial, und wegen seiner Sterblichkeit ist es eben nicht mit einem grippalen Infekt oder der Grippe zu vergleichen. Das muss doch gerade jeder mitbekommen. Die Zeitungen und Anzeigenblättchen sind voll von Todesanzeigen. Wir haben eine deutliche Übersterblichkeit. In Sachsen liegt die im Dezember bei 106 Prozent. In Bautzen starben im Dezember doppelt so viele Menschen wie üblich. In den Vorjahren starben im Dezember im Schnitt 59 Personen – 2020 waren es aber 117. Und dazu kommen bei Corona natürlich auch noch die Langzeitfolgen, das sogenannte Longcovid. Auch das ist anders als bei einer Grippe. Wir müssen das Virus ernst nehmen.

Im Dezember sind in der Stadt Bautzen doppelt so viele Menschen gestorben wie sonst üblich.
Im Dezember sind in der Stadt Bautzen doppelt so viele Menschen gestorben wie sonst üblich. © SZ Grafik

Der Lockdown wird verlängert, die Maßnahmen werden verschärft. Ist das der richtige Weg?

Ja, das glaube ich. Denn durch die Mutationen hat sich die Gefahrenlage verschärft. Da müssen wir die Inzidenzen in England wahrnehmen – von über 1.000. Sicher, die Mutation ist nicht gefährlicher. Aber sie ist ansteckender. Und wenn die Zahlen so drastisch steigen, kann das Gesundheitssystem das nicht mehr abfangen.

Trotzdem haben Sie Silvester in Bautzen das Feuerwerk nicht verboten. Es hieß, die Stadt habe keine Befugnis. Viele andere Städte haben aber durchaus ein Verbot verhängt. Mittlerweile kennen wir die Folgen. Auf der Friedensbrücke kamen Leute zusammen, drei Polizisten sind verletzt worden.

Ich bin kein Freund übertriebener Verbotspolitik. Außerdem hatten wir rechtliche Bedenken, ob wir das Silvesterfeuerwerk wirklich verbieten dürfen. Aber ganz ehrlich: Die paar Mann, die Silvester Ärger gemacht haben, die haben ja ohnehin gegen bestehende Verbote gehandelt. Es gab ganz klar die Ansage, dass man sich nicht auf öffentlichen Plätzen zum Feiern treffen darf. Deshalb gab es ja die hohe Polizeipräsenz. Was passiert ist, lag nicht am Feuerwerk. Die meisten Leute waren vernünftig, haben Abstand gehalten. Ich würde die Entscheidung wieder so treffen.

In Bautzen gibt es nicht nur viele Kritiker der Maßnahmen, es gibt auch viele, die an Verschwörungen glauben und die Pandemie leugnen. Haben Sie da nicht verpasst, etwas dagegen zu unternehmen?

Die Leute, die nicht einmal mehr wissenschaftlichen Erkenntnissen glauben, die sind kaum noch zu erreichen. Da gibt es keine gemeinsame Diskussionsgrundlage mehr. Sie stellen sich der Realität nicht. Wen wir noch erreichen können, das sind die Leute, die zweifeln. Die Verunsicherten. Und denen müssen wir immer wieder klarmachen, wie schlimm die Lage ist. Dass Impfungen wirken. Dass die Maßnahmen einen Sinn haben. Es ist aber nicht nur die Aufgabe der Stadtverwaltung, da anzusetzen – da ist der Bund gefragt.

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