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„Wir müssen dieses Jahr den Sommer verlängern“

Uwe von Schroeter kämpft ums Überleben der Pirnaer Kleinkunstbühne Q24. Für die Musik als Beruf würde er sich trotzdem immer wieder entscheiden.

Kennt die Nöte der Kultur- und Gastrobranche: Musiker, Musiklehrer, Café-Betreiber und Veranstalter Uwe von Schroeter.
Kennt die Nöte der Kultur- und Gastrobranche: Musiker, Musiklehrer, Café-Betreiber und Veranstalter Uwe von Schroeter. © Ronald Bonß

Schneeflocken schweben sanft über der Pirnaer Altstadt. Es ist still, der Markt fast menschenleer, die winterlichen Häuser scheinen tagsüber fast unbewohnt. Es ist ein Januartag wie jeder andere – im harten Lockdown. Doch dann bewegt sich etwas. Ein Mann mit Brille und Basecap-Mütze schließt die Tür auf zum fast unscheinbaren Klub Q24. Dort drängen sich normalerweise zweimal pro Woche Kulturliebhaber. Doch der Saal ist schon lange ausgekühlt und leer, die Kassen- und Getränketresen wirken verwaist. Dort füllt Uwe von Schroeter in normalen Zeiten die Gläser der Gäste, empfängt namhafte Künstler und steht als Musiker auch selbst mal auf der Bühne. Seit 2011 engagiert er sich im Vorstand des 2002 gegründeten Q24. Das Q im Namen steht für die Quartiersbezeichnung im historischen Pirnaer Viertel. Momentan ist auch das Q24 Geschichte.

Uwe von Schroeter hat den besonderen Blick auf die Dinge: Der 48-Jährige sitzt im Klubsaal nicht nur augenscheinlich zwischen den Stühlen. „Ich hätte nie gedacht, dass mir einmal drei von vier Stuhlbeinen wegbrechen“, sagt er. Seine Jobs als Musiker, Veranstalter und Café-Betreiber des Cappuccino am Pirnaer Markt liegen in diesem Winter auf Eis. Als Musiklehrer ist er an der Oberschule Geising im Erzgebirge tätig, vorwiegend im Fernunterricht. Aber auch dort erlebt er Unsicherheiten. „Die Schüler kommen aus 30 Orten, manche haben Probleme mit dem Internet.“

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Schlimmer als das Hochwasser 2013

Uwe von Schroeter erlebt als Musiker und Veranstalter die existenzielle Not in beiden Bereichen gleichzeitig. „Spannend sind zurzeit diese Fragen: Wie geht es in normaleren Zeiten weiter? Wie viele Musiker und welche Veranstaltungshäuser sind noch da? Das Publikum wird immer da sein, die Leute sind wahrscheinlich extrem ausgehungert nach Kultur, nach Erlebnissen.“ Mit weniger Veranstaltungen und halb vollem Haus, so wie im Sommer 2020, könne es wegen monatlicher Fixkosten auf Dauer so nicht weitergehen. „Unsere Geschäftsführerin ist in Kurzarbeit und eine Mitarbeiterin arbeitet zurzeit ehrenamtlich, so wie alle anderen Leute, die hier normalerweise Dienst haben.“

Die Künstler machen derweil dem Klub und der ganzen Stadt Mut: „Ich liebe Pirna, die Stadt ist eine Medizin gegen jede Depression“, steht im Gästebuch. Aber die Situation sei eine andere als beim Hochwasser 2013, als noch viele Künstler Benefizkonzerte für den bedrohten Klub spielten. Jetzt stehe den Künstlern ebenfalls das Wasser bis zum Hals. „Die meisten Profi-Musiker spielen ja schon in Normalzeiten in verschiedensten Bands“, so von Schroeter. „Die Bereitschaft, für weniger Gage zu spielen, ist nach wie vor da, aber es ist nicht mehr so einfach.“ „Das ist eine Katastrophe. Wenn ich an die Künstler denke, dann bin ich den Tränen nahe“, ergänzt Gert Lorenz, ein Rentner, der Künstler betreut, als Moderator auf der Bühne steht und sich um Sponsoren kümmert. Es seien ja nicht nur die Künstler. Der Q24-Haustechniker arbeitet mittlerweile als Fahrer für eine Medizinfirma.

Der nächste Termin auf der Homepage des Klubs ist der 27. Februar, die Band Soulwalker wirbt mit „Musik für Herz und Seele“. Dazu wird es wohl vorerst nicht kommen. „Ich wüsste jetzt nicht, wie es vor Ostern überhaupt weitergehen sollte“, sagt von Schroeter. „Wenn wir jetzt wieder anfangen würden, vor 50 Leuten zu spielen, dann ist das ungefähr so, als würde ich damit nur meine Seele beruhigen. Wenn der Laden nicht bald wieder ins Laufen kommt, dann ist die Sache endlich.“

Täglich grüßt das Saxofon

Im Normalfall finden im Q24 zwischen 90 und 100 Veranstaltungen im Jahr statt, mit 150 Sitz- oder 190 Stehplätzen. Das erste Konzert nach dem Frühjahrs-Lockdown gaben die Medlz, 50 Leute im Abstand von 1,50 Meter. „Wir haben bis zum letzten Tag gespielt“, so Lorenz, der sofort ins Schwärmen kommt über Künstler, die eine weite Reise nach Pirna auf sich nahmen und glücklich gewesen seien, überhaupt irgendwo spielen zu dürfen. Es sind solche Erlebnisse, aber auch unmittelbare Gesten, die dem Q24-Team Hoffnung machen. Einmal hätte ein Kartenkäufer nicht nur auf 56 Euro für die ausgefallene Weihnachtsveranstaltung verzichtet, sondern sogar noch auf 100 Euro aufgerundet. Solche Spenden sind seit dem März 2020 Gold wert. Im Frühjahr wurden Stühle repariert und ein neuer schwarzer, brandschutztauglicher Vorhang gekauft. „Für so einen kleinen Verein sind das Riesenausgaben.“

Der andere, große schwarze Vorhang auf der Bühne stammt aus dem alten Dresdner Kulturpalast. Noch stehen alle Lichter auf Grün. Zumal das Q24 als ältestes Klubhaus der Neuzeit in Pirna gilt. Die Nachbarschaft mit dem Tom-Pauls-Theater bringe nur Gutes und man spürt auch jetzt den Enthusiasmus des Klubteams. „Nun kommen Leute in die Stadt, die vorher noch nie hier waren, obwohl sie nur 20 Kilometer von Pirna entfernt wohnen“, so von Schroeter. Uschi Brüning, Reinhard Lakomy, Rockhaus, Engerling und die Medlz traten im Q24 auf. Sigmund Jähn startete in Gedanken von der Bühne noch einmal in den Weltraum. Und DDR-Chef-Indianer Gojko Mitić stand mit Rolf Hoppe, „seinem liebsten Feind“, im Rampenlicht. „Nur kein Schlager!“ Das sei das Einzige, was den Besuchern des Q24 auf keinen Fall zu Ohren kommen dürfe.

Ob sich der studierte Vollblutmusiker Uwe von Schroeter aus heutiger, problematischer Sicht für einen anderen Beruf entscheiden würde? Rund 100 Auftritte als Musiker hatte er für 2020 geplant. „Natürlich ist es selbst ohne Pandemie schwierig, die Musik zum Beruf zu machen. Aber ich würde mich nicht anders entscheiden“, sagt der Mann, der seine Instrumente trotz allem weiter bespielt.

Die Zukunft des Q24 ist zwar ungewiss, aber das Selbstvertrauen stärkt sich, wie im letzten Jahr, mit steigenden Temperaturen. So gibt es bereits grobe Ideen dafür, eine eigene Q24-Open-Air-Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen. Denn ohne Klimaanlage im Klub könnte es allen Beteiligten im Sommer schnell zu heiß werden. „Wir müssen dieses Jahr einfach den Sommer verlängern“, sagt Uwe von Schroeter.

Die Serie "Kunstpause":

Dieser Artikel ist Teil der Serie Kunstpause, die während Lockdowns einen Blick hinter die Kulissen sächsischer Kulturstätten wagt. Alle Serienteile finden Sie hier: Kunstpause: Sachsens Kultur im Lockdown.

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