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Corona: Händler protestieren gegen Schließungen

Mit der Aktion "Wir machen aufmerksam" verweisen Händler am Montag auf ihre Notlage. Von Corona-Leugnern distanzieren sich die Initiatoren der Aktion.

Fotos wie diese kursieren seit Montagvormittag aus ganz Deutschland durchs Netz. Viele Menschen aus Sachsen beteiligen sich.
Fotos wie diese kursieren seit Montagvormittag aus ganz Deutschland durchs Netz. Viele Menschen aus Sachsen beteiligen sich. © Screenshot/SZ

Seit Montagvormittag kursiert die Ankündigung "Wir machen aufmerksam" aus allen Ecken durch das Internet: Händlerinnen und Händler posten Fotos oder Videos von sich in ihren leeren Läden, halten dabei Plakate mit der Aufschrift in die Luft. Etwa 20.000 Läden beteiligten sich nach Angaben der Initiatoren an der Protestaktion, die auf die lockdownbedingte Notlage des Einzelhandels hinweisen soll.

Auch eine vierstellige Anzahl an Sächsinnen und Sachsen soll demnach mitgemacht haben. Postings mit dem Hashtag #wirmachenAUFmerksam finden sich bei der Dresdner Friseurin ebenso wie bei dem Großenhainer, Meißener oder Bautzener Bekleidungsladen oder dem Freiberger Schreibwarenhändler.

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Entgegen zahlreicher Verwechslungen haben die Initiatoren der Aktion eigenen Aussagen zufolge nichts mit der Aktion "Wir machen auf" zu tun, die am selben Tag stattfinden sollte. Die inzwischen um eine Woche verschobene Protestaktion eines Krefelders, der schon vor selbsternannten Querdenkern als Redner sprach, forderte Händlerinnen, Dienstleister und Restaurantbesitzer dazu auf, widerrechtlich zu öffnen.

"Wir machen aufmerksam" fordert nicht zur Öffnung, sondern zum Fotografieren und Posten auf. Den Aufruf starteten vergangene Woche Uwe Bernecker, Geschäftsführer einer Bekleidungskette aus Frankfurt am Main und Günter Nowodworski, Inhaber einer Kommunikationsagentur im bayerischen Aichach. Die beiden beteuern, Corona nicht zu leugnen und Masken nicht zu verweigern.

"Mit dem Mann aus Krefeld haben wir nie gesprochen, davon grenzen wir uns völlig ab", sagt Günter Nowodworski auf Nachfrage. "Wir wollen auf keinen Fall, dass jemand der Teilnehmer seinen Laden öffnet und die Gesundheit gefährdet. Wir wollen einen friedlichen Protest. "

"Keine angemessene Entschädigung" für Einzelhandel

Man wolle auf die "existenzgefährdende Situation" des Einzelhandels durch den seit November geltenden Corona-Lockdown aufmerksam machen. Durch die Pandemie-Maßnahmen drohte nicht nur vielen das Aus, die Maßnahmen glichen auch einem "staatlich angeordneten Berufsverbot." Dass es "keine angemessene Entschädigung" gebe, sei untragbar.

Die Forderung: "Gleichbehandlung mit der Gastronomie und die Wiederöffnung des derzeit geschlossenen lokalen Einzelhandels", alternativ "angemessene Entschädigungen". Auch aus der Gastronomiebranche regnet es Klagen darüber, dass bisher nur bruchstückhafte Hilfen angekommen seien.

Allerdings hat die Bundesregierung schon vor Monaten angekündigt, 75 Prozent des Vorjahresumsatzes - abzüglich der bereits gezahlten Kurzarbeitergehälter - für die Verdienstausfälle im November und Dezember zu zahlen. Das fordern die Initiatoren von "Wirmachenaufmerksam" auch für den Einzelhandel, insbesondere die Bekleidungsbranche. Auf 75 Prozent lege man sich nicht fest, so Nowodworski. "Wir wollen Hilfe zum Überleben, einen Ausgleich."

Handelsverband kritisiert: Abholservice nur in Sachsen verboten

Große Modehäuser wie Gerry Weber und die Handelsverbände der Länder unterstützen den Protest. Von René Glaser, Hauptgeschäftsführer des sächsischen Handelsverbands, heißt es dazu: "Die Situation ist deutlich angespannt, die Lage sehr ernst. Der Einzelhandel beklagt in der Corona-Krise die Perspektivlosigkeit, der er sich ausgesetzt sieht. Daher fordert der Handelsverband Sachsen, dem Einzelhandel eine Perspektive zu geben, um die Überlebensfähigkeit der von der Schließung betroffenen Unternehmen zu sichern."

Als einziges Bundesland erlaube Sachsen dem Einzelhandel nicht, neben Lieferservice auch kontakte Abholservices via "click & collect" anzubieten. Man fordere, dass das sich ändert, außerdem "schnellstmögliche wirksame Wirtschaftshilfen und die "Benennung der Bedingungen für eine Öffnung". Im vergangenen Jahr, so Glaser, seien dem Einzelhandel bundesweit staatliche Hilfen in Höhe von 90 Millionen Euro zugekommen. Die Umsatzverluste der vom Lockdown betroffenen Händler hätten 36 Milliarden Euro betragen, viele stünden vor der Insolvenz.

Mit diesem Aufruf machten Händlerinnen und Händler deutschlandweit auf ihre Situation aufmerksam.
Mit diesem Aufruf machten Händlerinnen und Händler deutschlandweit auf ihre Situation aufmerksam. © Screenshot/SZ

Dina Stiebing, Projektleiterin des Pirnaer Citymanagement Vereins, unterstützt die Pirnaer Händler am Montag bei ihrem Protest. "Im Sommer waren die Umsätze hier wirklich gut, weil so viele Touristen in der Sächsischen Schweiz waren", sagt sie. Aufgrund der niedrigen Anzahl der nachgewiesenen Infektionen im Einzelhandel hätte man nicht damit gerechnet, dass die Händler im Winter gänzlich schließen müssen.

"Die Lager sind voll mit unverkaufter Winterware, jetzt kommt die Frühjahrsware dazu, denn die Verträge dazu sind längst geschlossen. Die Händler müssen Fixkosten und Steuern zahlen, aber haben keine Einnahmen." In Pirna haben sich von der Parfümerie über den Outdoorladen bis zur Boutique für Übergrößen eine Reihe von verschiedenen Händlern beteiligt. Ähnlich sieht es in vielen sächsischen Städten aus.

Dresdner Polizei kontrolliert mit 30 Einsatzkräften

Die Polizei hat damit gerechnet, dass manche trotz der Verschiebung von "Wir machen auf" ihre Läden widerrechtlich öffnen könnten. Bekannt geworden sind derartige Fälle den sächsischen Polizeidirektionen auf Nachfrage aber nicht. In Dresden etwa sind nach Angaben von Sprecher Marko Laske 30 Beamtinnen und Beamte im Einsatz gewesen, um die Einhaltung der Corona-Schutzverordnung und etwaige widerrechtliche Ladenöffnungen im Blick zu haben. "Es ist keinerlei Feststellung getroffen worden mit Blick darauf", so Laske. Nur zwölf Verstöße gegen die Maskenpflicht habe man festgestellt.

Die Initiatoren erhoffen sich von dem Protest, der sich besonders auf den Plattformen Instagram und Facebook ausgebreitet hat, die Aufmerksamkeit der Politik. Das Bundeswirtschaftsministerium werde man weiterhin täglich über den Stand der Aktion informieren, Wiederholungen könnten folgen.

Wirklich keine Nähe zu Aktion "Wir machen auf" von Querdenken-Demoredner?

Kritiker bezweifeln, dass die Distanzierung zu der Aktion "Wir machen auf" glaubwürdig ist, immerhin klinge "Wir machen aufmerksam" ähnlich und finde am selben Tag statt, für den die von Corona-Leugnern unterstützte Aktion ursprüngli angesetzt war. Außerdem beteiligten sich einige, die zuvor ihre Öffnung angekündigt hatten, an der neuen Aktion.

Mitinitiator Günter Nowodworski erklärt die Parallelen so: "Wir wollten die Aufmerksamkeit nutzen, die es für die andere Aktion gegeben hat. Das Momentum, die Empörung. Sonst kämpft man erstmal gegen die Schläfrigkeit der Leute." Das habe sich vor zwei Wochen gezeigt, als man unter dem Slogan "Schönheit kommt von Innen" auf die Situation des Einzelhandels in Innenstädten habe aufmerksam machen wollen - sie habe wenig bewirkt.

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