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Wirrwarr um Corona-Zahlen

Jede Behörde veröffentlicht andere Infektionszahlen. Dafür gibt es gute Gründe. Im Zweifel werden aber damit neue Einschränkungen begründet.

Tests sind wichtig. Eine einheitliche Teststrategie gibt es aber nicht.
Tests sind wichtig. Eine einheitliche Teststrategie gibt es aber nicht. © Archiv/Christoph Schmidt/dpa

Auf welcher Plattform auch immer man sich über aktuelle Infektions-Zahlen mit dem Coronavirus Sars-Cov-2 informieren möchte: Sie stimmen nie überein. Am Montagmittag, 23. November, meldete das Gesundheitsamt des Landratsamtes in Pirna insgesamt seit 2. März 2020 3.300 positiv getestete Personen und eine 7-Tage-Inzidenz von 343 Infektionen je 100.000 Einwohner.

Wer erwartet hatte, dass diese Zahlen auch das Robert-Koch-Institut (RKI) am Dienstagmorgen auf seiner Internetseite veröffentlicht, war irritiert. Dort wurden schon 3.420 positiv Getestete im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ermittelt und eine Inzidenz von 364. Das war deutschlandweit einer der höchsten Werte.

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Informierte man sich jedoch bei der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen über die aktuellen Zahlen, waren dort für den Landkreis am Dienstag Werte von 3.464 Infektionen und eine noch höhere Inzidenz von 381,5 zu lesen. Das sind Abweichungen von mehr als zehn Prozent. Bei statistischem Rohmaterial ist das nicht ungewöhnlich. Doch was ist, wenn sich daraus einschneidende Maßnahmen für die Bevölkerung abgeleitet werden wie jetzt im Lockdown?

Wer über Corona-Maßnahmen entscheidet

Ab einer Inzidenz über 50 gilt eine Region als Risikogebiet. Das RKI hinkte bisher immer etwas hinter den steigenden Zahlen her, die am Tag zuvor das Landratsamt verkündet hatte. So hatten Betroffene noch etwas mehr Zeit, sich auf Schließungen oder anderes vorzubereiten.

Doch jetzt ist es umgekehrt. Das RKI stellte diese Woche für den Landkreis eine brisantere Entwicklung dar als das Landratsamt. Wo kommen die zusätzlichen Infizierten beim RKI her, wenn nicht vom Gesundheitsamt des Landkreises? Und sind die Inzidenzen der einzelnen Landkreise überhaupt auf der gleichen Grundlage ermittelt worden?

Laut RKI gilt generell: "Die Behörden im Land- oder Stadtkreis verfügen immer über die aktuellsten Zahlen. Diese sind mit ausschlaggebend für die Bewertung der Situation vor Ort. Die örtlichen Behörden entscheiden auch darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden". So steht es in einer Mitteilung vom 27. Oktober 2020.

Teststrategie ist nur eine Empfehlung

Dass das RKI überhaupt erwähnt hat, dass es als wissenschaftliches Institut nicht die Verantwortung für politische Entscheidungen trägt, sollte zwar eine Selbstverständlichkeit sein. Die öffentliche Wahrnehmung war aber offenbar eine andere. Maßnahmen erlassen auch nicht ausschließlich örtliche Behörden mit Allgemeinverfügungen, sondern die übergeordneten Landesregierungen mit Corona-Schutz-Verordnungen und nehmen dafür Inzidenz-Werte zur Grundlage.

Wie die Basisdaten für die Inzidenz-Rechnung erhoben werden, ist aber nicht geregelt. Eine quantitative Testvorgabe gibt es nicht. "Die Tests variieren in den Landkreisen je nach Bewertung der regionalen Infektionslage in den Krisenstäben", teilt das Landratsamt in Pirna mit.

Das Bundesgesundheitsministerium hat zwar eine "Nationale Teststrategie Sars-Cov-2" herausgegeben. Die ist aber nur eine Empfehlung und macht alles von den vorhandenen Kapazitäten abhängig. Die sind in jedem Landkreis unterschiedlich. "Wir hatten schon vor einiger Zeit 1.000 Schnelltests bestellt, aber noch keine bekommen", sagte Landrat Michael Geisler (CDU) am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss des Kreistags.

Bugwelle positiver Corona-Fälle

Dass die Landkreise "immer über die aktuellsten Zahlen" verfügen, wie vom RKI dargestellt, stimmt auch nur für den Normalbetrieb in den Gesundheitsämtern. Die geben positive Fälle sofort mit der Software "Octoware" ins System ein. Die Zahlen laufen beim RKI schon auf, bevor im Gesundheitsamt alle Fälle komplett abgearbeitet sind. Infizierte bekommen zahlreiche Informationen und es läuft die Kontaktverfolgung.

Den Normalzustand gibt es wegen der hohen Anzahl der Fälle aber nicht mehr. So kam es beispielsweise am 23. November zu der erst mal widersprüchlichen Mitteilung des Landratsamtes, dass es weitere 180 Beprobungen durchgeführt hat und es aktuell 211 neue positive Fälle gibt. Mehr Fälle als Tests?

Das ist tatsächlich korrekt. Denn viele der 211 positiven Tests wurden bereits einen Tag oder mehrere Tage zuvor vom Amt, bei Hausärzten oder privaten Laboren durchgeführt. Das Gesundheitsamt des Landratsamtes kommt nur nicht mehr nach, alles innerhalb eines Tages abzuarbeiten. Trotz Unterstützung von der Bundeswehr und Helfern von der AOK. "Wir schleppen derzeit einen Rucksack von rund 350 Fällen mit", erklärt Landrat Geisler.

Stau wegen Überlastung im Gesundheitsamt

Kommen Gesundheitsamt und Helfer besonders schnell voran, sorgen sie für eine Reduzierung des "Rucksacks". In der Folge steigt die Inzidenz für diesen Tag mit besonders viel abgearbeiteten Fällen. Ähnlich verhält es sich, wenn beispielsweise Reiserückkehrer zu Stoßzeiten getestet oder Ergebnisse gesammelt ans Gesundheitsamt geleitet werden. Sind Hausärzte und Labore im Wochenende, sinkt dagegen die Inzidenz wieder. Beides völlig abgekoppelt von der tatsächlichen Infektionslage an diesem Tag.

Um das auszugleichen, wird die Zeitspanne von sieben Tagen betrachtet. Das RKI zieht den Zeitraum sogar noch weiter. Es werden aktuell Werte von neun Tagen auf sieben Tage hochgerechnet, heißt es aus dem Landratsamt. Noch ein Grund mehr, warum es so unterschiedliche Zahlen gibt.

Anzahl der Covid-19-Patienten in der Helios-Klinik Pirna am 27. November.
Anzahl der Covid-19-Patienten in der Helios-Klinik Pirna am 27. November. © Helios-Klinik

Es kann aber auch einen Übermittlungsverzug geben oder Zahlen nachträglich bereinigt werden. So tauchen Index-Fälle mehrmals auf, also Fälle die per Code nur einer Person zugeordnet werden können. "Es gibt Tage, an denen wir Fälle drei- bis viermal bekommen haben", erklärt Geisler. Erst wenn diese Kontrolle erfolgt ist, gibt das Gesundheitsamt die Infektionszahl heraus.

Wie der Landkreis zu den Zahlen kommt

Bei statistischen Erhebungen ist das ein ganz normales Verfahren. Die Rohdaten bilden eine Tendenz ab. Als wissenschaftliche Grundlage für tagesaktuelle Entscheidungen taugen die Zahlen aber nicht. Das hat zuletzt auch Medizinprofessor Matthias Schrappe öffentlich moniert und fordert zusammen mit weiteren Professoren einen Strategiewechsel.

Sogar das RKI selbst ist offenbar verwundert, dass die eigenen Zahlen Grundlage des politischen Handelns sind. Auf Nachfrage von Sächsische.de heißt es: "Für die Bewertung der Situation ist eine Gesamtschau der verschiedenen Parameter notwendig, die Fallzahlen alleine sind nicht ausreichend."

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