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Verwirrung um die Corona-Zahlen

Der Landkreis Görlitz ist seit 17. Oktober Risikogebiet. Das RKI sieht das teilweise völlig anders. Woran soll sich der Bürger halten?

Die Angaben des RKI-Dashboards für 29. Oktober, 31. Oktober und 2. November. Am 31. Oktober (Mitte) war der Kreis Görlitz risikofrei. Tatsächlich lag die Inzidenz mit 150 deutlich über der kritischen Marke von 50.
Die Angaben des RKI-Dashboards für 29. Oktober, 31. Oktober und 2. November. Am 31. Oktober (Mitte) war der Kreis Görlitz risikofrei. Tatsächlich lag die Inzidenz mit 150 deutlich über der kritischen Marke von 50. © Bildstelle

Der vergangene Sonnabend war ein Tag mit hohen Infektionszahlen im Landkreis Görlitz: 70 Neuinfektionen, die 7-Tage-Inzidenz lag bei 150. Doch wer die Internetseite des Robert-Koch-Instituts in Berlin aufrief, konnte kaum seinen Augen glauben. Die zentrale deutsche Behörde in der Corona-Pandemie gab Entwarnung für den Landkreis Görlitz. Die 7-Tage-Inzidenz rutschte mit 42 unter die kritische Marke von 50 und erschien auf der Grafik der Berliner Behörde nicht mehr feuerrot, sondern hellgelb. 

Damit fehlten in der Statistik des RKI am Sonnabend sage und schreibe 294 Infektionen. Während das RKI von 1.017 ausging, zählte der Landkreis bereits 1.311. Selbst wenn die RKI-Zahlen von Sonnabend 0 Uhr aufgrund von unterschiedlichen Redaktions-Schlusszeiten nicht die Neuinfektionen vom Tage selbst abbilden, so gaben die Berliner Zahlen vom Sonnabend auch nicht - wie zu erwarten wäre - die Zahlen vom Freitag wieder. Was die Berliner am Sonnabend veröffentlichten, war die Lage im Kreis irgendwann zwischen Dienstag und Mittwoch vergangener Woche. Warum aber dauert es offensichtlich mehr als vier Tage, bis die Zahlen in Berlin landen? 

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Grund 1: Kreis gibt nur vollständige Daten an Freistaat weiter

Die Daten über einen Infektionsfall müssen in ein Computerprogramm eingegeben werden. Dort ist nicht nur der Name und der Ort einzugeben, sondern auch weitere Details zu dem Fall. Einige Landkreise geben gleich den Namen des Corona-Falls ein und fügen die zusätzlichen Einzelheiten erst später hinzu. Damit ist der Fall aber registriert, Dresden kann ihn abrufen. Dieses Vorgehen ist am schnellsten.

Der Landkreis Görlitz geht einen anderen Weg. Er sammelt erst alle Fakten, die für die Erfassung benötigt werden. So erklärt es die zuständige Beigeordnete, Martina Weber, und begründet das mit Effektivitätsgründen. Erst wenn alle nötigen Fakten vorliegen, gibt der Sachbearbeiter den Fall komplett ein. Dadurch stehen zwar gleich alle Details zu der jeweils infizierten Person zur Verfügung, doch verstreicht eben mehr Zeit, bis der neue Corona-Fall registriert ist.

Grund 2: Kreis muss die Details erst mühsam ermitteln.

Ganz am Anfang der Meldeketten stehen die Labore. Sie müssen die positiven Corona-Tests an das Gesundheitsamt in Görlitz melden. Der Kreis erhält aber meist nur einen Namen und den Kontakt. Es fehlen Angaben dazu, wo derjenige sich infiziert hat, wo er vielleicht arbeitet, ob er verreist war, wen er mehr als eine halbe Stunde traf und vieles mehr. Das müssen die Kontaktermittlerteams mühsam bei der infizierten Person erfragen. Das dauert, weil sie nicht gleich erreicht wird oder weil sie sich kaum erinnert, was sie zum möglichen Zeitpunkt der Infektion getan hat. So vergeht Zeit, bis alle Fakten zusammengetragen sind. Und erst anschließend wird der Fall ins Erfassungsprogramm eingegeben. 

Wenn nun die Kapazitäten in den Gesundheitsämtern stark beansprucht sind mit der Kontaktnachverfolgung, dann kann erneut Zeit verstreichen, ehe komplett ermittelte Infektionsfälle in das System eingegeben werden. Das Sozialministerium erklärt das so: "Die Dateneingabe und Übermittlung erfolgt durch die Gesundheitsämter zu unterschiedlichen Zeiten je nach Kapazitäten über den Tag verteilt." So sind die Gesundheitsämter zwar gesetzlich verpflichtet, binnen einer Frist von 24 Stunden die Daten einzugeben und nach Dresden zu übermitteln. Aber angesichts der vielen neuen Fälle steht das längst nur noch auf dem Papier. Die Frage, ob das Sozialministerium nicht auf eine einheitliche Dateneingabe und Übermittlung Einfluss nehmen kann, lässt die Behörde unbeantwortet.

Grund 3: Unterschiedliche Fristen bei den Behörden

Auf die Daten im elektronischen Erfassungsprogramm greift dann die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen zu. Sie gibt dreimal am Tag die vorliegenden Daten an das RKI weiter. Und zwar morgens, dann zum vom Sozialministerium festgelegten Stichtermin (montags, mittwochs bis freitags 12.30 Uhr, dienstags 11 Uhr) sowie noch einmal vor Dienstschluss. An Wochenenden und Feiertagen werden die bis dahin jeweils eingegangenen Meldungen nachmittags durch die Landesuntersuchungsanstalt nach Berlin übermittelt. Das RKI veröffentlicht seine Daten mit Stichpunkt Mitternacht. Der Kreis wiederum hat seine Frist täglich um 12 Uhr. Das hat Folgen: So veröffentlicht der Kreis beispielsweise am Dienstag alle Daten, die bei ihm bis Dienstag, 12 Uhr, vorliegen. Das RKI kann aber nur alle Daten am Dienstagmorgen veröffentlichen, die ihm bis Mitternacht übermittelt wurden. 

So bleibt aber die Frage: An welcher Zahl soll sich der Bürger im Landkreis Görlitz in seinem Verhalten orientieren? Der Landkreis hat darauf eine einfache Antwort: An den Zahlen des Kreises. Denn nur das Gesundheitsamt erhebt die Zahlen direkt von den Laboren und Betroffenen. Alle anderen Zahlen aus Dresden oder vom Robert-Koch-Institut in Berlin sind davon abgeleitet - mit allen Fehlern und zeitlichen Verzögerungen.

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Bleibt aber noch ein Problem: Die Behörden der Bundesrepublik, die Europäische Union und die WHO orientieren sich an den Zahlen des RKI. Das führte in den Herbstferien dazu, dass der Landkreis Görlitz längst Risikogebiet war, bevor das RKI in Berlin mit sieben Tagen Verspätung den Kreis ebenfalls so einschätzte. Die Folge: Menschen aus dem Landkreis konnten in Bundesländer reisen, wo eigentlich seit sieben Tagen ein Beherbergungsverbot für den Landkreis Görlitz bestand. Es ist nicht auszuschließen, dass durch dieses Zahlenwirrwarr auch die Gefahr eines Exports von Corona aus dem Landkreis Görlitz in andere Gebiete Deutschlands größer als gedacht war.

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