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Da brat mir doch einer ’nen Storch

Alle Vögel sind schon weg ... Mit einer Ausnahme. In Kunnersdorf ist ein Storch gerade erst angekommen.

© Thomas Eichler

Von Susanne Sodan

Er hat keinen Namen. Gunter Lange nennt ihn gerne „den Verspäteten“. In aller Seelenruhe steht der Storch auf einem der vier Dächer des Vierseithofes in Kunnersdorf. Hier, an der Herrnhuter Straße, wohnt der ehemalige Bernstädter Bürgermeister. Seit dem 20. August hat er einen Mitbewohner: den Storch, der da auf dem Dach steht. „Er ist nicht beringt, ich weiß nicht, woher er plötzlich gekommen ist“, erzählt Lange. Wie zum Beweis streckt der Storch das linke Bein nach hinten. Ein bisschen Bewegung auf dem Dach. Das Tier wechselt gerne seinen Platz, auf dem Vierseithof hat es schließlich auch vier Dächer zur Auswahl. Am liebsten aber steht es auf dem Wohnhaus. „Das ist das höchste der Gebäude“, erklärt Gunter Lange. Vielleicht hält der Storch ja Ausschau nach seinen Artgenossen. Nur, die sind alle schon weg, nach Süden geflogen.

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Über 25 Jahre hatte die Stadt Bernstadt immer ein Storchenpaar. Ihr Nest hatten die Tiere am Bernstädter Kirchwehr. Bis 2013, erzählt der ehemalige Bürgermeister und heutige Ortschronist Lange. Damals verletzte sich der männliche Storch am Bein. „Nachdem der Vater verunglückt war, wurden die Jungtiere damals zur Pflege nach Görlitz gebracht.“ Seitdem siedelten sich keine Störche mehr in Bernstadt an. „Es kamen immer mal welche zu Besuch.“ Aber nie blieben sie über den Sommer. Er kennt die Thematik genau. Die Bernstädter Störche waren Lange immer wichtig. Und nun ist wieder ein Storch da – ausgerechnet auf seinem Grundstück.

Auf der einen Seite freut sich Gunter Lange darüber. Auf der anderen Seite ist er auch besorgt. „Ich nehme an, der Storch hat den Abflug verpasst. Jetzt fehlt die nötige Thermik, um noch in den Süden zu kommen“, sagt er. Verletzungen habe er an dem Tier nicht beobachtet. Aber eben auch keine Merkmale wie eine Beringung, die es möglich machen würden, den Vogel zuzuordnen. „Es ist sicher kein unerfahrenes Jungtier.“ Der Schnabel ist deutlich rot, ein Zeichen für ein älteres Tier. Warum der Storch bei ihm gestrandet ist, kann sich Lange auch nicht recht erklären. Womöglich wegen des guten, reichhaltigen Nahrungsangebotes auf den Feldern der Umgebung. „Jetzt findet er ja noch ausreichend Mäuse und kleineres Getier.“ Nur, was soll werden, wenn der Winter einbricht?

Gerd Hummitzsch von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Görlitz hat schon vom Kunnersdorfer Storch gehört. Er reagiert noch ganz entspannt. Völlig neu ist es für Hummitzsch nicht, dass ein Storch versucht, in der Region zu überwintern. „Die Tiere suchen immer wieder nach neuen Strategien“, erklärt er. Auch er nimmt an, dass der Storch vom Lange-Hof keine zwingende Ambition hatte, sich nach Süden aufzumachen. Weil er eben noch ausreichend Futter findet. Gerd Hummitzsch hat es auch schon erlebt, dass Störche tatsächlich in Deutschland überwinterten. „Die Winter sind nicht mehr so hart.“ Mehrfach hat es in den vergangenen Jahren nur wenig oder gar keinen Schnee gegeben. Stattdessen Regen und Temperaturen, bei denen die Störche noch Regenwürmer und sogar Mäuse finden konnten.

Jetzt heißt es: abwarten. Hummitzsch schließt nicht aus, dass der Storch doch noch nach Süden fliegt. „Die Tiere bevorzugen zwei Routen“, erklärt er. Die eine führt östlich über den Bosporus, die andere über Gibraltar. Auf beiden Strecken würde die Thermik dem Vogel nicht mehr in die Flügel spielen. Aber: Die Gibraltar-Route ist die mit mehr Besiedlung – und damit mehr Wärme und Nahrung. Die zweite Möglichkeit: Der Storch richtet sich tatsächlich auf einen Überwinterungsversuch ein. Möglichkeit Nummer drei: Dieser Versuch scheitert, der Storch findet nicht mehr genug zu fressen. Wird er dann merklich schwächer, greift die Naturschutzbehörde ein. Dann würde der Storch eingefangen – vorausgesetzt, er lässt sich fangen – und in den Görlitzer Zoo zum Überwintern kommen. Egal, welcher Fall eintritt, Gunter Lange hofft auf ein Wiedersehen kommendes Jahr. Am besten mit Storchenfrau.