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Daimler steht zu Kamenz

Bei Li-Tec endet die Produktion von Batteriezellen. Dafür erweitert Accumotive. Es werden aber Jobs wegfallen.

© Matthias Schumann

Nebel lag Freitag Morgen über dem Werk der Li-Tec Battery GmbH im Kamenzer Gewerbegebiet am Ochsenberg. Ein passendes Bild für die Nachrichtenlage zur Zukunft des Unternehmens. „Wir sitzen hier wie auf glühenden Kohlen“, hatte Betriebsratsvorsitzender Udo Richter schon zwei Tage zuvor gesagt.

Das sollte spätestens mit der Belegschaftsversammlung Freitagnachmittag enden. Eher schweigsam verließen die Mitarbeiter nach der Versammlung das Gebäude.: Der Tenor: „Keine Auskunft“, „Wenden Sie sich an die Chefs.“ Einer lässt sich dazu hinreißen, „bis Ende 2015 geht es erstmal weiter“. Aber dann soll das Aus für die Batteriezellenproduktion bei Li-Tec in Kamenz kommen, wie aus Unternehmenskreisen zu erfahren war. Wenn kein Wunder passiert. Produziert wird derzeit noch für die Batterien im Elektro-Smart. Die Zellen kommen künftig vom Elektronik-Konzern LG aus Südkorea. Das deutete sich bereits im Frühjahr an, gepaart mit der Hoffnung, dass Daimler Partner findet, die Batteriezellen in großen Stückzahlen benötigen. Das hat bisher nicht funktioniert. Deshalb entschied sich Daimler, Ende 2015 den Schlussstrich unter die Produktion der Lithium-Ionen-Batteriezellen zu ziehen. Die Li-Tec-Zelle sei zwar technisch und qualitativ Weltspitze, aber zu teuer. Lit-Tec soll sich künftig auf die Forschung in diesem Bereich konzentrieren. Der Standort werde also nicht aufgegeben.

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Künftige Beschäftigtenzahlen nicht bekannt

Zu klären sei nun, für welche Mitarbeiter ein Job bei Lit-Tec perspektivisch noch infrage kommt. Künftige Mitarbeiterzahlen sind noch nicht bekannt. Die meisten Li-Tec-Beschäftigten sollen jedoch die Chance auf attraktive Arbeitsplätze bei der Deutschen Accumotive, ebenfalls an dem Standort im Gewerbegebiet Ochsenberg, bekommen. Darüber ist auch der Betriebsrat froh. Accumotive fertigt den kompletten Batterieblock aus den Batteriezellen. Rund 50.000 solcher Systeme kommen seit 2010 aus Kamenz. Für die Batterieblöcke wird mit einer steigenden Nachfrage gerechnet, auch für Mercedesmodelle. Dass die Zukunft der Deutschen Accumotive gehört, ist deutlich sichtbar. Derzeit entsteht ein gewaltiges Gebäude auf dem Gelände. Damit verdoppelt Accumotive seine Produktionsfläche auf 20.000 Quadratmeter. Auch in der Entwicklung von Großspeichern in Kamenz für die Energiewirtschaft sieht man eine Zukunft.

Im Kamenzer Rathaus verfolgt man die Entwicklung sehr genau. Zu wichtig ist dieser Standort für die Stadt und den Wirtschaftsraum. Oberbürgermeister Roland Dantz (parteilos) sagte gegenüber der SZ: „Ich bin deshalb sehr froh und dankbar, dass die Daimler AG zu dem Standort in Kamenz steht, dass er weiterentwickelt wird und dass Li-Tec auf neuen Füßen weiterleben wird.“ Er fühle aber auch mit den Mitarbeitern, die ihren Job möglicherweise verlieren, deren Zukunft offen ist. Das sei eine bittere Pille. Er hoffe, dass Daimler auch für sie die Möglichkeiten zur Vermittlung findet.

Neue Verhandlungen beginnen

Darauf will auch der Betriebsrat drängen. Die Signale sind durchaus positiv. Die Verhandlungen beginnen jetzt. Wieviele der 280 Mitarbeiter ein neues Job-Angebot erhalten und welche Anzahl gehen muss, ist noch nicht klar. Zumal von den 280 Leuten 50 nur befristete Verträge haben. Ohnehin hat der Stellenabbau längst begonnen. Noch im Vorjahr waren es 360 Beschäftigte bei Li-Tec. Dass es in dem Geschäft mit Autobatterien kriselt, hatte sich schon im Vorjahr abgezeichnet, als der Daimler-Partner Evonic aus Essen bei Li-Tec ausstieg und Daimler die Tochter komplett übernahm. Weltweit wurden die Entwicklungsprognosen beim E-Auto nach unten korrigiert. Dass Lit-Tec in Bedrängnis kommen würde, sei für den Betriebsrat klar gewesen. Versuche, den Standort über eine höhere Produktion zu stabilisieren, hätten nicht funktioniert.

Seit 2007 sei Li-Tec in Kamenz, und es hänge viel Herzblut an der Batteriezelle. Deshalb habe man an Daimler appelliert, den Standort zu erhalten. Nun gehe es darum, in fairen Gesprächen die besten Zukunftsaussichten für die betroffenen Mitarbeiter zu erreichen.

Gespräche mit Investor

Auswirkungen hat der Schnitt bei Li-Tec auch auf die Evonik-Tochtergesellschaft Litarion. Die befindet sich ebenfalls an diesem Standort und lieferte Komponenten für die Batteriezellen, die bald nicht mehr in Kamenz hergestellt werden. Nach SZ-Information verhandelt Evonik derzeit aber mit einem Investor. Dabei war das Gemeinschaftsprojekt von Daimler und dem Evonik-Konzern mit viel Optimismus gestartet. Anfang 2010 wurde mit dem zu erwartenden Ausbau avisiert, dass bis zu 1000 Menschen hier Arbeit finden sollten. Das Ziel ist weit entfernt. In dem Ausbau von Accumotive sieht die Stadt aber immerhin eine Chance, dass ein Teil der verlorenen Arbeitsplätze in der Zukunft wieder kompensiert wird und kein Nebel mehr über den Standort zieht. (SZ)