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Damit junge Flüchtlinge selbstständig werden

Alleinreisende Ausländer werden irgendwann erwachsen. Der Kreis fühlt sich auch danach verantwortlich.

© dpa

Von Tina Soltysiak und Maria Fricke

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Döbeln. Für die unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber (Uma) gibt es ein breites Netz an Hilfen im Landkreis. Doch was geschieht, wenn sie ihren 18. Geburtstag feiern und damit per Gesetz die Volljährigkeit erreichen? Wer ist dann für die Betreuung zuständig, und welche Leistungen stehen ihnen von Amtswegen zu? Diese Fragen beschäftigten kürzlich die Mitglieder des Verwaltungs- und Finanzausschusses des Landkreises.

„Soweit möglich, wird der Weg in die Volljährigkeit für Uma langfristig vorbereitet. Gemessen am individuellen Bedarf wird die sogenannte Hilfe für junge Volljährige zunächst grundsätzlich empfohlen“, erklärte Kreissprecher André Kaiser auf Nachfrage des Döbelner Anzeigers. Auf Grundlage einer sozialpädagogischen Einschätzung werde anhand der psychosozialen Reife beurteilt, „ob der junge Mensch aufgrund seiner individuellen Situation pädagogische Unterstützung bei seiner Persönlichkeitsentwicklung sowie zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung benötigt“, so Kaiser. Das heißt, es wird geschaut, inwieweit er in der Lage ist, sein Leben selbstständig zu meistern.

„Die Unterbringungen der jungen Volljährigen erfolgen in Wohngruppen und in Einrichtungen der Jugendhilfe“, so André Kaiser. Darüber hinaus seien auch ambulante Hilfen möglich, „die selbst bei einem Aufenthalt des jungen Volljährigen in einer Gemeinschaftsunterkunft gewährt werden“, ergänzte er. Wenn die unbegleiteten, nun volljährigen Flüchtlinge nicht mehr in der Hilfeleistung des Jugendamtes sind, haben sie in den Gemeinschaftsunterkünften, wie die anderen Asylsuchenden auch, Sozialarbeiter als Ansprechpartner. „In der Regel bleiben die jungen Menschen in der Obhut des Landkreises“, so André Kaiser.

Projekt „Willkommen bei Freunden“

Für die Beschäftigungsförderung sei die Arbeitsagentur während des Antragsverfahrens zuständig, bei einem positiven Bescheid durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) das Jobcenter. „Wir sind laufend im Gespräch, um den Übergang zu verbessern. So werden die Stellen im Landratsamt in Zukunft noch enger unter fachlicher Begleitung durch das geförderte Projekt ,Willkommen bei Freunden’ zusammenarbeiten“, erklärte der Kreissprecher. Das Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ startete im Mai 2015. Es unterstützt Landkreise, Städte und Gemeinden dabei, geflüchtete Kinder und Jugendliche gut aufzunehmen und zu integrieren. Es ist ein gemeinsames Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des Bundesfamilienministeriums.

Die Kreisbehörde hat weitere Ziele, um die Betreuung noch effektiver zu gestalten: Es sei eine Steuerungsgruppe geplant, in der neben dem Landratsamt auch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter und die Sächsische Bildungsagentur mitwirken sollen, ergänzte André Kaiser.

Unbegleitete, minderjährige Asylbewerber sind unter 18 Jahre und haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. „Wird der Uma volljährig und ist im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis – Asylberechtigter oder subsidiär Schutzbedürftiger – erfolgt in der Regel die Antragstellung auf Grundsicherungsleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Damit werden wir zuständig“, erläuterte Annett Voigtländer, Sprecherin des Jobcenters Mittelsachsen.

Die Amtsvormünder beziehungsweise Betreuer helfen den Jugendlichen bei der Antragstellung, „da mit Eintritt der Volljährigkeit die Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe für Unterbringung und Versorgung nicht mehr gegeben ist“, ergänzte sie.

Sprachförderung ist das A und O

Erfolgreiche Vermittlungen in Ausbildung oder Beschäftigung bedürfen – neben den schulischen Voraussetzungen – eines gewissen Sprachniveaus. Deshalb werde bereits frühzeitig alles daran gesetzt, dass die Kinder und Jugendlichen fit in Sachen deutscher Sprache gemacht werden. Die Uma unterliegen, wie alle anderen Kinder im Freistaat auch, bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres der Schulpflicht. „Deshalb ist es das vorrangige Ziel, während des Schulbesuches Sprachkenntnisse zu verbessern, schulische Grundbildung und bestenfalls Schulabschlüsse zu erwerben. Die berufliche Orientierung liegt in der gesetzlichen Zuständigkeit der Arbeitsagenturen“, erklärte Annett Voigtländer.

Der Kontakt zu den Schul- und Berufsschulklassen werde durch die Berufsberater der Agentur für Arbeit Freiberg hergestellt. Diese Beratung erfolge stärkenorientiert entsprechend der Fähigkeiten, Talente, Interessen und Neigungen. „Gleichzeitig können weitere Angebote zum Einsatz kommen, zum Beispiel die sogenannten Berufsvorbereitungsmaßnahmen, wenn der direkte Beginn einer Berufsausbildung nach Beendigung der Schulzeit noch nicht möglich ist und der Einstieg in Berufsausbildung einer entsprechenden Vorbereitung bedarf“, so Annett Voigtländer.

Junge Menschen mit Migrationshintergrund, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen, haben die Möglichkeit zum Besuch eines Integrationskurses. Es gebe sogar spezielle Jugendintegrationskurse. Eine weitere Möglichkeit, die Sprachkenntnisse zu verbessern, biete die berufsbezogene Deutschsprachförderung. „Diese kann auch mit dem Besuch einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme oder einer Einstiegsqualifizierung kombiniert werden. Bei beiden Förderinstrumenten wird schulische Grundbildung mit vermittelt“, erklärte Annett Voigtländer.

Darüber hinaus stünden die regulären Instrumente und Angebote wie für jeden anderen Arbeitssuchenden auch – egal welcher Nationalität – zur Verfügung: Grundsicherung für Arbeitssuchende sowie Arbeitsförderung.