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Dampfböttgers bringen die Saxonia zurück

Nachfahren drehen einen Film über die ehemalige Leisniger Tuchfabrik. Ein Beispiel für die Industrialisierung Sachsens.

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© Archiv Heimatverein Leisnig/Aufnahme: Hertzsch

Von Heike Heisig

Leisnig. Mehr als 164 Jahre lang ist die Saxonia Tuchfabrik auf der Muldenwiese einer der größten Arbeitgeber der Stadt gewesen. Wie zu DDR-Zeiten und davor üblich, haben aus einer Familie nicht selten mehrere Generationen in einem Betrieb gearbeitet. Für diejenigen, die sich noch an die Zeiten ratternder Webstühle erinnern können oder die sich allgemein für Industrialisierung und die Stadtgeschichte interessieren, bereitet der Heimatverein Leisnig für den 2. November eine besondere Veranstaltung vor. Dann wird in der Oberschule ein Dokumentarfilm über die Saxonia gezeigt – in Spielfilmlänge.

Das sind Peter und Barbara Böttger, Sabine Reichl und Lutz Böttger (von links). Sie haben einen Film über das Unternehmertum ihrer Familien gedreht. Auch in Leisnig vor der ehemaligen Tuchfabrik entstanden Aufnahmen.
Das sind Peter und Barbara Böttger, Sabine Reichl und Lutz Böttger (von links). Sie haben einen Film über das Unternehmertum ihrer Familien gedreht. Auch in Leisnig vor der ehemaligen Tuchfabrik entstanden Aufnahmen. © Screenshot Trailer Fabrikantenfamilien Sachsen

Fast 120 Jahre ist die Firmengeschichte mit den Namen Böttger verbunden. Der Name Heinrich Böttger stand lange Zeit weithin sichtbar auf einem der großen Betriebsgebäude. Dessen Nachfahren und deren Familien ist es zu verdanken, dass es diesen Film überhaupt gibt.

Schon seit Jahren beschäftigen sich Sabine Reichl sowie Barbara, Lutz und Peter Böttger mit ihren Vorfahren, allesamt Fabrikanten in Sachsen. Sie lebten und arbeiteten in Zittau, Löbau, Großenhain und eben auch Leisnig, wo die Tuchmacher schon Anfang des 16. Jahrhunderts hohes Ansehen genossen. Der erste Tuchmacher Böttger findet sich 1740 in der Chronik Leisnigs. Heinrich Böttger (1799 bis 1848) und seine Nachfahren stehen für einen Übergang vom Handwerk zur industriellen Produktion. Genau das ist es auch, was ihre Nachfahren gereizt hat, die Geschichte der Böttgers in einem Film zu erzählen. „Was in Leisnig in einem mittelständischen Betrieb mit 300 bis 500 Mitarbeitern passiert ist, spiegelt die industrielle Entwicklung im gesamten Land wider“, findet Barbara Böttger. In der Firma auf der Muldenwiese ist 1857 nachweislich die erste Dampfmaschine in Leisnig aufgestellt und im Jahr darauf in Gang gesetzt worden, was der Familie fortan den Beinamen „die Dampfböttgers“ einbrachte.

Ein ungeheurer Fundus

Seit 1898 erzeugte die Tuchfabrik Heinrich Böttger ihr eigenes elektrisches Licht. „Anhand von großen Konzernen wie Krupp wird die rasante Entwicklung in damaliger Zeit oft verdeutlicht, an kleineren Betrieben weniger. Dabei steht die Leisniger Fabrik exemplarisch für die Industrialisierung in Sachsen und sogar in Deutschland“, findet Barbara Böttger. Damit nennt sie einen Beweggrund für den Film. Ein anderer war, dass die Familie auf ein erstaunlich großes und reichhaltiges Familienarchiv gestoßen ist. „In der Fabrik wurden die ersten 16-Millimeter-Filme gedreht“, berichtet die heute 75-Jährige, die in Köln lebt. Aber auch alte Zeichnungen, Dokumente und sogar Scherenschnitte gehören zu dem Fundus. Den wollten die Nachfahren der Tuchmacher ihren Nachkommen und allen weiteren Interessierten nicht vorenthalten.

Deshalb haben auch viele Mitglieder der Familie Böttger mitgearbeitet. Barbara Böttger steht mit ihren drei Geschwistern vor der Kamera und lädt in einem Kurzfilm ein, die aufstrebenden Böttgers mit ihrer Technikbegeisterung kennenzulernen, aber auch an ihren Schicksalen teilzuhaben. Einen Vorgeschmack darauf gibt der Kurzfilm (Trailer), der auf der Internetseite des Heimatvereins angeschaut werden kann. Die 75-Jährige hat aber auch das Buch zum Film geschrieben und Regie geführt. Die Musik hat die Familie selbst produziert, im Tonstudio des Neffen wurde alles bearbeitet. Vielleicht sei der Film nur dadurch zu finanzieren gewesen. Denn die Kosten seien erheblich gewesen, räumt Barbara Böttger ein. Doch es habe auch Zuschüsse gegeben, so zum Beispiel von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges lief die Textilproduktion auf der Muldenwiese unter der Regie der Böttgers. Im darauffolgenden Frühjahr wurde der Betrieb beschlagnahmt und im Juni 1946 in Volkseigentum überführt. Bis zur Wende lief die Stoffproduktion auf der Muldenwiese. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist die ehemalige Saxonia Betriebssitz des Archivdienstleisters DMI, der inzwischen mehrere Millionen Euro in den Standort investiert und unter anderem auch den beeindruckenden Saal in einem der Gebäude hergerichtet hat und wieder nutzt.

An die Tuchmacherdynastie Böttger erinnern in Leisnig heute noch eine ihrer Villen an der Würkertstraße, ein Gedenkbaum sowie eine imposante Grabstelle auf dem Friedhof.

Den Dokumentarfilm „Umstürzende Neuerungen“ über die Unternehmerfamilie Böttger und die Tuchfabrik auf der Muldenwiese zeigt der Heimatverein am 2. November um 18 Uhr in der Aula der Oberschule. Es kann ein Fahrtdienst genutzt werden. Dieser ist im Büro des Heimatvereins unter Telefonnummer 034321 66644 abzusprechen. Eintritt: 5 Euro.