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"Dann gewinnt das Virus die Oberhand"

Der Kongo bekommt die Ebola-Epidemie nicht in den Griff. Markus Bachmann von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" erklärt, warum sich die Seuche weiter ausbreitet.

Ärzte und Gesundheitspersonal werden von Soldaten begleitet. Ein Angreifer hatte letzte Woche einen Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erschossen.
Ärzte und Gesundheitspersonal werden von Soldaten begleitet. Ein Angreifer hatte letzte Woche einen Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erschossen. © Al-Hadji Kudra Maliro/AP/dpa

Neun Monate nach dem Ausbruch der jüngsten Ebola-Epidemie im Nordosten des Kongo hat die Zahl der Infizierten wieder sprunghaft zugenommen. Allein in der vergangenen Woche wurden 126 Neuansteckungen gemeldet. Was ist da los?

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Wir haben tatsächlich die mit Abstand schlimmste Woche seit dem 1. August 2018 erlebt. Außerdem wurde am Freitag der tausendste Todesfall gemeldet. Neben diesen quantitativen Angaben machen uns auch die qualitativen Indikatoren allergrößte Sorge. 92 Prozent der Neuerkrankungen der vergangenen Woche wurden nicht als Kontakt einer bekannten infizierten Person geführt, das ist ebenfalls der schlechteste Wert seit Ausbruch der Seuche. Bei einer Epidemie, die unter Kontrolle gebracht worden ist, weiß man bei jeder Neuinfektion, durch wen sie zustande gekommen ist.

Die Seuche gerät also zunehmend außer Kontrolle?

Darauf weist auch ein anderer Indikator hin: Immer mehr Menschen sterben außerhalb von Ebola-Behandlungszentren, das sollte eigentlich umgekehrt sein. Zur Zeit wird in 40 Prozent aller Fälle die Infektion erst nachgewiesen, wenn die Person bereits gestorben ist. Das führt zu einem stark erhöhten Ansteckungsrisiko, weil die Pflegepersonen und die Angehörigen, die die Bestattungsrituale durchführen, nicht ausreichend geschützt sind.

Woran liegt es, dass sich die Epidemie neun Monate nach ihrem Ausbruch wieder dermaßen verschlimmert?

Vor allem an den gewalttätigen Konflikten, für die die kongolesischen Provinzen Nord-Kivu und Ituri schon seit Jahrzehnten berüchtigt sind. Immer wieder kommt es hier zu Angriffen auf Einrichtungen und Pflegekräfte: Unsere Aktivitäten zur Eindämmung der Epidemie müssen deshalb sehr oft eingeschränkt werden. Dann gewinnt das Virus wieder die Oberhand und die Verbreitung beschleunigt sich. Man kann das an unseren Aufzeichnungen eindeutig ablesen: Jedem gewalttätigen Zwischenfall folgt zeitversetzt ein deutlicher Anstieg der Infektionen.

Warum werden denn Pflegekräfte überhaupt angegriffen? Kürzlich wurde sogar ein im Dienst der Weltgesundheitsorganisation WHO arbeitender Arzt umgebracht.

Für die Gewalttätigkeiten gibt es vor allem zwei Gründe. Einerseits löst eine Ebola-Epidemie unter der Bevölkerung immer enorme Spannungen aus. Bei allen meinen bisherigen fünf Ebola-Einsätzen habe ich erlebt, wie extrem beängstigend das Auftreten einer derart unbekannten Krankheit ist, die außerdem eine sehr hohe Sterblichkeitsrate hat – ganz abgesehen davon, dass die Menschen auch auf schrecklichste Weise sterben. Das erzeugt ein Klima der Ablehnung – zumindest bis erste Erfolge sichtbar werden und die Menschen zu kooperieren beginnen.

Und der zweite Grund?

Die Nord-Kivu- und Ituri-Provinz sind von chronischer Unterversorgung und anhaltenden Konflikten mitgenommen. Wir hören von unglaublich brutalen Angriffen ganz unterschiedlicher bewaffneter Gruppierungen, von Massakern und sexueller Gewalt als Mittel der Kriegsführung. Unter der Bevölkerung herrscht zudem ein tiefsitzendes Misstrauen gegen die Institutionen des Staates, nicht nur gegen Armee und Polizei, sondern auch gegen das Gesundheitsministerium, dessen Mitarbeiter während der Epidemie an vorderster Front stehen.

Glaubt die Bevölkerung, dass es Ebola eigentlich gar nicht gibt? Oder dass die Regierung den Virus eingeschleppt hat, um die eigenen Leute zu töten?

Es gibt sehr viele verschiedene Wahrnehmungen und unglaublich viele Gerüchte. Manche meinen, dass es Ebola nicht gibt, andere sagen, das Virus werde von der Regierung als Waffe eingesetzt.

Diese Auffassung wurde noch dadurch geschürt, dass die Regierung im Januar die Wahlen im Ebola-Gebiet verschob.

Die Verschiebung der Wahlen hat den Ärger tatsächlich noch weiter verschlimmert. Die Bevölkerung, die hier mehrheitlich der Opposition angehört, sah sich von der demokratischen Mitbestimmung ausgeschlossen.

Was muss passieren, um den Kampf gegen die Epidemie erfolgreicher zu machen?

Wir von „Ärzte ohne Grenzen“ sagen bei jedem Epidemie-Ausbruch: Der Schlüssel für den erfolgreichen Kampf gegen die Seuche ist das Vertrauen der Bevölkerung. Man braucht die aktive Mithilfe der Menschen, sonst bekommt man eine derartige Seuche nie unter Kontrolle.

Und wie gewinnt man dieses Vertrauen?

Ein wichtiger Schritt wäre jetzt, den Kampf gegen die Epidemie in die bestehende Gesundheitsversorgung zu integrieren. Nach dem Ausbruch der Seuche wurde praktisch ein zweites Gesundheitssystem zu deren Bekämpfung aufgebaut. Das kann Sinn machen, wenn eine Epidemie innerhalb von kurzer Zeit erfolgreich eingedämmt wird. Wir sind jedoch im zehnten Monat: Da muss man eine andere Strategie verfolgen. Die Menschen haben vor großen Ebola-Behandlungszentren Angst, diese sind oft weit von ihrem zu Hause entfernt, man kann Familienmitglieder nur schwer besuchen, um ihnen Beistand zu leisten. Eine Integration der Ebola-Behandlung in bestehende Gesundheitszentren würde den Zugang für die Bevölkerung erleichtern und Vertrauen schaffen.

Wird nicht auch das Ansteckungsrisiko erhöht, wenn man die Ebola-Behandlung mit der herkömmlichen Gesundheitsversorgung zusammenlegt?

Wir sind dabei, neue Strategien zu entwickeln. Wir sind überzeugt, dass man die Isolierung und Betreuung von Ebola-Patienten in kleineren Strukturen außerhalb der großen Zentren sicher gestalten kann. Die herkömmlichen Gesundheitsstationen müssen natürlich entsprechend angepasst werden. Wir besprechen gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort, wie wir diese kleinen Isolationseinheiten gestalten können, damit keine Angst einflößenden Monster aus Plastik und anderen fremden Materialien entstehen. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht: Die Patienten haben dann weniger Angst, sich behandeln zu lassen.

Die Fachwelt setzte große Hoffnungen in einen neuen Impfstoff: Haben sich diese Hoffnungen denn inzwischen zerschlagen?

Nein. Neueste Daten belegen, dass der Impfstoff hochwirksam und sicher ist: Bisher wurden auch schon 110.000 Menschen geimpft. Das Problem ist, dass der Impfstoff noch nicht zugelassen ist und nur unter strengen Versuchsbedingungen verabreicht werden darf. Das ist aufwendig und teuer: Eine Impfung in der Provinz Equateur kostete uns vor einem Jahr über 1000 Euro pro Person. Deshalb können wir gegenwärtig nur Ringimpfungen durchführen: Das heißt, dass nur diejenigen Personen geimpft werden, die in direktem oder indirektem Kontakt mit einem Infizierten standen. Eine Erweiterung der Impfstrategien über die Ringimpfungen hinaus wäre dringend erforderlich.

Haben Sie als Fremder den Eindruck zu verstehen, was in der Ituri- und Nord-Kivu-Provinz überhaupt vor sich geht? Ist das nicht völlig unverständlich und verwirrend?

Die „Ärzte ohne Grenzen“ sind seit Jahrzehnten hier in Ituri. Wir haben alle Höhen und Tiefen mitgemacht: Die Menschen kennen uns und wir kennen die Menschen. Gewiss kann ein Fremder die Konflikte mit ihren politischen, sozialen und ökonomischen Dimensionen in ihrer ganzen Komplexität nicht erfassen. Aber wir arbeiten hier eng mit lokalen Mitarbeitern zusammen: Meine Teams bestehen zu 92 Prozent aus lokalen Kräften – sie sind das Rückgrat unseres Einsatzes.

Leben Sie in ständiger Angst – sowohl vor einer Ansteckung wie vor Überfällen?

Sowohl ich als Einsatzleiter wie meine Mitarbeiter wissen, dass es trotz aller Schutzmaßnahmen immer ein Restrisiko gibt. Das gilt sowohl für eine Ansteckung wie für etwaige Überfälle. Wir können hier nicht so arbeiten, wie wir gerne würden: Wir müssen aus Sicherheitsgründen Abstriche machen.

Finden die Ärzte ohne Grenzen überhaupt noch ausreichend Freiwillige, die sich unter diesen Bedingungen in den Kongo schicken lassen?

Wir sind ja jetzt schon im zehnten Monat hier: Manche von uns waren auch schon bei der vorigen Ebola-Epidemie in der Equateur-Provinz im Einsatz. Die endete nur einen Monat vor dem Ausbruch dieser Seuche. Das ist vor allem für unsere kongolesischen Mitarbeiter extrem anstrengend. Wenn man als Arzt im besten Fall 40 Prozent seiner Patienten überleben sieht, ist das extrem belastend. Viele unserer Mitarbeiter sind müde und ausgebrannt.

Sind die Ärzte ohne Grenzen an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen?

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Der Ausbruch ist der schwerste seit der Ebola-Epidemie 2014/2015. Wegen der prekären Sicherheitslage bekommen die Helfer die Epidemie nur schwer in den Griff.

Bachmann: Zumindest im oberen Bereich der Belastbarkeit. Dieser Ausbruch wird uns noch lange Zeit sehr intensiv beschäftigen: Ich hoffe, dass wir dieser Belastungsprobe standhalten können. Eine Ebola-Epidemie ist gnadenlos: Jeder Fehler kann verheerende Folgen haben.

Die Fragen stellte Johannes Dieterich .