Merken

Darf das Wohngebiet weiter wachsen?

Wegen der großen Nachfrage sollen jetzt auch Flächen in Radeberg bebaut werden, die eigentlich für Gewerbe vorgesehen sind. Das begeistert nicht alle.

Teilen
Folgen
© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

Radeberg. Es ist eine schwierige Rolle, die sich die Stadtrats-CDU in der durchaus hitzigen Debatte da „ausgesucht“ hat. Schnell könnte es heißen, die Christdemokraten stehen auf der Bremse, wenn es um den weiteren Ausbau des Wohngebiets am Sandberg in Radeberg geht.

Die Nachfrage nach den Baugrundstücken im Areal zwischen Badstraße und Christoph-Seydel-Straße ist jedenfalls riesig. Das städtische Wohnungsunternehmen Wohnbau kommt mit dem Verkauf sozusagen kaum nach. Aber es gibt ein Problem: Denn die nächsten, der jetzt ins Blickfeld gerückten freien Flächen sind eigentlich ein sogenanntes Mischgebiet. Ein Übergangs-Areal sozusagen, zwischen dem reinen Wohngebiet und den angrenzenden Industrieflächen des einstigen Coca-Cola-Werks. Denn ursprünglich war ja am Sandberg gar nicht an Wohnen gedacht worden, sondern ans Produzieren. Neben Coca-Cola hatte kurz nach der Wende bekanntlich auch der Keks-Riese Bahlsen großes Interesse an den bis dahin für die Landwirtschaft genutzten Flächen geäußert. Als die Stadt dann aber quasi sämtliche notwendigen Vorarbeiten – wie Wasser- und Elektroanschlüsse – geschaffen hatte, sagte Bahlsen kurzfristig ab. Und die Stadt saß damit also nicht nur auf enormen Kosten, sprich Schulden – sondern nun auch noch auf einem Grundstück, das plötzlich niemand mehr brauchte. „Also mussten wir eine andere Vermarktungs-Idee finden, und haben kurzerhand Wohnflächen daraus gemacht“, beschreibt Radebergs OB Gerhard Lemm (SPD) die Vorgeschichte, in die er als 1994 frisch gewählter Bürgermeister quasi „hineingerutscht“ war.

Die Wohnflächen sind voll

Weil sich aber zumindest Coca-Cola angesiedelt hatte, brauchte es sozusagen einen Puffer zwischen der Industriefläche und den Stück um Stück wachsenden Wohnbau-Arealen. Besagtes Mischgebiet also. 50 Prozent dieser Fläche dürfen mit Wohnungen belegt werden, der Rest ist Gewerbe vorbehalten. „Die Wohnflächen sind voll, wir könnten also nur noch Gewerbeflächen ausweisen“, so Lemm Mitte vergangener Woche im Stadtrat. Aber die Nachfrage nach Wohnflächen ist so groß, „dass es ja wirklich Unsinn wäre, zu warten, bis hier jemand Gewerbe ansiedeln möchte“, begründet der OB, warum die Stadt das Mischgebiet nun zu einem – im baubürokratischen Deutsch – urbanen Gebiet machen will. Heißt im Klartext, die Wohnbebauung soll auch auf dieser Fläche weiter wachsen dürfen …

Und damit hat die CDU ein Problem. Zumindest ein rechtliches, wie Fraktionschef Frank-Peter Wieth in der Stadtrats-Diskussion noch einmal deutlich machte. „Denn wenn man die Planungen liest, kann man herauslesen, dass die Stadt lediglich hofft, dass es zu keinen juristischen Problemen kommt“, so Wieth. Denn die Gefahr sei nicht ausgeschlossen, dass der Eigentümer des einstigen Coca-Cola-Areals die Vermarktungschancen für seine Fläche massiv schwinden sieht, je näher die Wohnhäuser heranrücken. Schon jetzt ist die Fläche ja nicht leer, sondern es haben sich Firmen eingemietet. Ein Logistik-Unternehmen zum Beispiel und ein Großhändler. Bei den sprichwörtlichen Bauchschmerzen der CDU geht es nun vor allem ums Thema Lärm. „Denn genau aus diesen Gründen haben wir als Stadtrat und als Stadt ja schon an etlichen anderen Stellen gesagt, wir lassen lieber die Finger von solchen Umwandlungen“, spielt der CDU-Chef beispielsweise auf Wohngebietspläne im Ortsteil Großerkmannsdorf an, wo ein bestehender Betrieb eben entsprechende Bedenken geäußert hatte, sich langfristig nicht weiterentwickeln zu können, wenn sozusagen hinterm Firmenzaun Wohnhäuser entstehen.

Bauland wird gebraucht

Solche Probleme sieht der OB am Sandberg allerdings nicht, sagt er. „Wir haben mit dem Eigentümer gesprochen!“ Aber reicht das aus? Da hat die CDU so ihre Bedenken, macht auch CDU-Stadträtin Ingrid Petzold deutlich. Detlev Dauphin, der Chef der Freien Wähler im Stadtrat, ist hingegen durchaus bereit, dieses Risiko einzugehen, unterstreicht er. „Wir müssen einfach alles versuchen, dass wir dort eine Wohnbebauung hinbekommen“, sagt er. Denn nichts wäre schlimmer, als Flächen liegen zu lassen, obwohl die Nachfrage da ist, findet Detlev Dauphin. Und bekommt aus den eigenen Reihen zum Beispiel von Roland Schmidt Unterstützung, „weil es hier ja zumindest Signale auf eine gütliche Einigung mit dem Besitzer der Industriefläche gibt“. Und auch Lemm ist bereit, dieses Risiko einzugehen: „Das Hauptrisiko tragen wir, wenn wir nichts tun würden und die Flächen liegen lassen“, ist er überzeugt.

Andreas Hänsel von der CDU sieht hingegen noch ein zweites Risiko. Neben dem, dass der Besitzer der Coca-Cola-Fläche klagen könnte, nämlich auch, „dass es für die Wohnbebauung letztlich lauter und zu laut wird“. Dann könnte es unter Umständen auch Ärger mit den Käufern der Flächen geben, merkt er an. Dieses Risiko sieht OB Lemm nicht. Weil das in einer Genehmigung für die Änderung des Gebiets-Status‘ ja mit geprüft wird, begründet er.

Und so gab der Stadtrat letztlich mehrheitlich grünes Licht für die Umwandlung. Jetzt müssen die übergeordneten Behörden – also das Landratsamt – entscheiden.