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Darüber sprachen Eggert und Milbradt auf dem Sofa

Gesundheitsversorgung, Nahverkehr, Rente - das waren die Themen der Diskussionsrunde in Seifhennersdorf. Die Politiker a. D. hatten nicht auf alles eine Antwort, aber zu allem eine Meinung.

Zwei Politiker a. D. eröffneten am Donnerstag die Veranstaltungsreihe "Sachsenofa": Georg Milbradt (links) und Heinz Eggert.
Zwei Politiker a. D. eröffneten am Donnerstag die Veranstaltungsreihe "Sachsenofa": Georg Milbradt (links) und Heinz Eggert. © Matthias Weber

Blühende Landschaften - was haben uns friedliche Revolution und Wiedervereinigung gebracht? Diese Frage will die Katholische Akademie im Bistum Dresden-Meißen im sächsischen Wahljahr mit Politikern, Kirchenvertretern und den Menschen in den Regionen erörtern. Den Anfang in der Reihe "Sachsensofa" hat jetzt Seifhennersdorf gemacht. Georg Milbradt, der heute 73-jährige frühere Ministerpräsident Sachsens und Heinz Eggert, ein Jahr jünger, Oybiner und bekannt als Sächsischer Innenminister in den 1990-er Jahren, hatten auf dem gelb-schwarz-grünen Sofa Platz genommen. Sie hörten sich die Probleme der Menschen an, die den Saal in der Bildungs- und Begegnungsstätte Windmühle sehr gut gefüllt hatten, sagten ihre Meinung, gaben Empfehlungen ab - machten aber auch deutlich, dass sie keine Entscheidungsträger mehr sind. Was umtreibt die Menschen in der südlichen Oberlausitz? Das waren die brennendsten Fragen des Abends und die Antworten darauf. 

Warum werden keine Anreize geschaffen, dass die jungen Leute hierbleiben?

Die Aussage, dass junge Leute zum Studieren weggehen und nicht wiederkommen und deshalb die Einwohnerzahl sinkt, können Eggert und Milbradt nicht bestätigen. "Zittau hat immer mehr Studenten", so Eggert. Sie kämen auch aus dem Westen, unter anderem, weil das Leben hier günstiger und die Hochschule familiärer sei, als im "Westen". Laut Hochschule ist aber genau das Gegenteil der Fall. Erst Ende November 2018 berichtete die Hochschule, dass die Zahl der Studenten unter die 3.000-er Marke gefallen sei. In den letzten Jahren seien die Studierendenzahlen rückläufig. In Hochzeiten studierten rund 4.000 junge Menschen an der Hochschule. Milbradt meinte, er verstehe die Frage nicht. "Die Hochschulstädte haben doch Zulauf." Das Abwandern der jungen Menschen habe aus seiner Sicht keine wirtschaftlichen Hintergründe. Der Grund sei schlicht Abenteuerlust. "Es ist heutzutage immer weniger wahrscheinlich, dass junge Menschen dort leben, wo ihre Eltern wohnen. Das sei für die zurückgebliebenen Eltern nicht schön. Aber die Zuzügler, die von woanders kommen, würden das kompensieren. 

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Ärzte auf's Land holen - aber wie?

Die Menschen in der Region machen sich Sorgen um die Gesundheitsversorgung, wurde aus der Diskussion deutlich. Georg Milbradt dazu: "Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass in der Nachbarschaft ein Arzt ist." Er hat als Problem erkannt: Immer mehr Frauen ergreifen den Arztberuf. 70 Prozent der Ärzte seien weiblich. "Und die Frauen wollen lieber eine Anstellung im Krankenhaus, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Sie wollen keine eigene Praxis." Da müsse man in dünn besiedelten Gegenden mit neuen Ideen gegensteuern. Milbradts Idee: Der Bürgermeister eines Ortes könnte eine Sprechstunde organisieren, wo ein Arzt aus dem Krankenhaus Patienten behandelt. Heinz Eggert sagt, die Gemeinden sollten auch überlegen, was sie selbst tun können, um Ärzte herzuholen. Er kenne ein Beispiel aus einer anderen Region, da stellt die Kommune dem Hausarzt die Praxis, besorgte eine Wohnung und übernahm Kosten. Beide Politiker setzen darauf, dass medizinischem Personal mehr Kompetenz zugewiesen werden sollte. So könnte eine Gemeindeschwester sich vor Ort um Patienten kümmern, per Telemedizin könnte bei Bedarf ein Arzt hinzugezogen werden. 

Wie soll der öffentliche Nahverkehr verbessert werden?

Mit dem Bus nach Schlegel ihre betagten Eltern besuchen - das sei eine Reise von zwei Stunden, berichtete eine Eibauerin. Wann wird der ÖPNV endlich verbessert, wollte sie wissen? Heinz Eggert ist der Meinung, dass das Geld, was in den Nahverkehr gesteckt wird, bisher falsch investiert werde. "Oft sieht man zwei Leute in einem Bus sitzen." Hier müssten andere Modelle überlegt werden. "Leute könnten sich zum Beispiel bei Bedarf ein Taxi rufen und das vom Staat bezahlt bekommen." Derartige Rufbus-Modelle gibt es bereits auf manchen Dörfern. 

Was sagen die Politiker a. D. zur Strukturschwäche der Region?

Die Region habe sich entwickelt, sagte ein Gast. In Sachen Infrastruktur sehe er aber noch Unterschiede zu den alten Bundesländern. Dazu zählt er auch Personalmangel im öffentlichen Dienst, etwa bei der Polizei oder der Lehrerschaft. Das dementierte Milbradt. Sachsen sei nicht strukturschwächer als andere Bundesländer. Als Vergleich zieht er Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg heran. Sachsen habe mehr investiert als andere. Und zum Lehrermangel: "Es muss mehr in die Bildung investiert werden." Das bedeute für ihn aber nicht nur, mehr Lehrer einzustellen, sondern auch neue Schulkonzepte zu erdenken. 

Wird es eine Mindestrente geben?

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Viele Oberlausitzer sorgen sich um ihre Rente - auch deshalb, weil viele Lücken in ihren Arbeitsbiografien haben, aufgrund des Wegfalls von großen Betrieben nach der politischen Wende. "Wird es eine Mindestrente geben", wollte deshalb ein Besucher wissen. "Wir können das ja nicht mehr entscheiden", sagte Milbradt mit Verweis auf die Tatsache, dass er selbst nicht mehr im Dienst ist. Aber "Wer gearbeitet hat, muss im Alter besser gestellt sein, als jemand, der nicht gearbeitet hat." Die Arbeitsrente müsse über dem Sozialhilfe-Niveau liegen. Er geht davon aus, dass eine solche Regelung kommt. 

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