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Das alte Haus und der Künstler

Das wohl älteste Gebäude war Dorfschule, Schlachterei, Textillager und mehr. Besonders ist auch sein Eigentümer.

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© Kristin Richter

Von Peter Salzmann

Stadt Wehlen. Fugen, Sandsteine, Ziegel und Holzbalken. Hier atmet alles Geschichte. Über 225 Jahre stecken in den Mauern, die das dörfliche Leben über Generationen hinweg geprägt haben. Das ehrwürdige Fachwerkgebäude Pirnaer Straße 21, Jahrgang 1791, ist wahrscheinlich das älteste Haus in Dorf Wehlen. Heute ist das Haus direkt an der Straße wieder ein Hingucker. Die drei Walmdachgaupen gleichen gutmütig zwinkernden Augen. Der Maler und Grafiker Bernd Fenk, seit 1986 Besitzer des Anwesens, hat sich große Verdienste um den Erhalt erworben, hat Zug um Zug in Eigenleistung ohne Fördermittel das Gestern ins Heute gerettet. Das Wohnhaus mit ursprünglich symmetrischer Fassade mit später eingebautem Ladengeschäft ist denkmalgeschützt sorgsam rekonstruiert worden. Die äußere Gestalt blieb fast unverändert. Selbst die historische Blitzschutzanlage hat Fenk rekonstruiert. Über dem Portal mit Sandsteinfassung sind am Schlussstein die Versalien C.G.H. zu lesen, ein Hinweis auf Carl Gottfried Häring, der 1790 seine Fleischhauer- Meisterprüfung in Stadt Wehlen bestanden hatte und das Haus ein Jahr später erbauen ließ. Bis 1986 blieb das Gehöft in Familienbesitz.

Das Haupthaus – zum Grundstück gehören mit dem ehemaligen Eishaus auch noch Scheune und Gesindehaus – versinnbildlicht Dorf Wehlener Ortsgeschichte, anno 1378 bis 1419 „alden Welen“ genannt. Das Dorf wurde erstmals als Lehen der böhmischen Krone.erwähnt. Etwa um das Jahr 1900 erlebte das Wohnhaus eine größere bauliche Umgestaltung zum Schlacht- und Fleischereibetrieb, „der zusammen mit Rinderhaltung bis 1985 existierte“, weiß Bernd Fenk. Der 75-jährige Chemiker, gelernter Schrift- und Dekomaler, berichtet, dass im Laden später eine Wäscheannahmestelle und ein Lager des VEB Kindermoden ihr Domizil hatten. Jetzt ist hier die Produzentengalerie „Malva“ samt dem Fenk-Atelier zu Hause. Großflächige Malerei – meist abstrakt – ziert die betagten Wände.

Bis ins 19. Jahrhundert diente das Häringsche Grundstück als Bauernwirtschaft, bevor der Fleischermeister sogar ein Eishaus einrichtete, was bessere Methoden der Kühlhaltung mit sich brachte. Im Winter sägte man das Eis aus den Dorfteichen, um es im temperaturkonstanten Haus zu stapeln. Bis heute sind die großen Eissägen mit ihren Bleigewichten erhalten geblieben, auch die Verdunstungsanlage einer kleineren Kältekammer, die um 1900 von der seinerzeit renommierten Dresdner Spezialfirma „Burmeister und Weiss“ gebaut wurde. Fenk spricht von einem einmaligen technischen Zeitzeugnis. Ebenfalls bewahrt ist im Erdgeschoss ein Backofen, der Platz für 15 Brote hat und noch heute funktionstüchtig ist.

Weil die um 1700 errichtete Dorfschule zunehmend marode geworden war, dienten Räume im Häringschen Nebengebäude zeitweilig als Klassenzimmer, bevor 1870 die neue Schule zur Verfügung stand. Noch heute kann man sehen, wie diese „Notlösung“ in der oberen Etage hergerichtet worden ist.

So musste die dünne Putzschicht mit einer deckenden tiefblauen Kalk-Kaseinfarbe übertüncht werden. Für Bernd Fenk, gebürtig aus Naumburg, sind die alten Mauern Heimat geworden. Der Künstler hat ein Stück Wehlener Ortsgeschichte vor dem sicheren Verfall gerettet.