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Das Brüllen der Rinder

Sechs Tiere aus Freital sterben wegen Unterernährung. War der nun angeklagte Halter daran schuld oder Bakterien im Futter?

© Archiv: Uwe Soeder

Von Stephan Klingbeil

Freital. Wann leidet ein Rind? Und brüllt das Tier, wenn es vor Hunger Schmerzen hat? Fragen wie diese beschäftigen momentan das Amtsgericht Dippoldiswalde. Dort wurde nun der Prozess gegen einen als Steuerberater tätigen Agraringenieur aus Freital fortgesetzt. Der 53-Jährige hatte im Ortsteil Somsdorf eine Rinderherde, die dort das ganze Jahr über lebten. Er habe die Angusrinder aber nicht artgerecht gehalten beziehungsweise nur unzureichend gefüttert und so unnötigen Qualen ausgesetzt (SZ berichtete). Sechs der Tiere verendeten in der Folge oder mussten eingeschläfert werden.

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Laut Staatsanwaltschaft habe der Deutsche im Januar 2017 in 15 Fällen gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Der Freitaler bestreitet die Vorwürfe indes auch am zweiten Prozesstag vehement.

Der Angeklagte, dem im Falle einer Verurteilung eine satte Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren droht, beteuert, dass seine Familie und er damals im Gegenteil sogar alles versucht hätten, um die Tiere wieder aufzupäppeln. „Die haben einfach nichts mehr gegessen“, sagt er. Seine 19-jährige Tochter pflichtet ihm bei. „Wir haben im Hof geholfen, haben die Tiere morgens und abends gefüttert, sie gestreichelt“, so die junge Frau. „Doch auf einmal ging es bergab.“ Bis dahin wären die Tiere keinesfalls unterernährt gewesen. Erst Ende 2016 hätte sich das Fressverhalten geändert. Ein erstes Tier starb. Weitere Rinder fraßen nicht. Der vorläufige Tiefpunkt: Ein wohl entkräftetes Kalb war auf der schneebedeckten Wiese angefroren. Seine Ohren waren ab, der Schwanz fehlte. Ein Tier habe daran genagt, hieß es.

Damals zog der Steuerberater einen Tierarzt aus der Region zurate, der vor Jahren selbst noch viel mit Rindern zu tun hatte. „Teilweise waren die Tiere recht unterernährt, sie waren gelähmt. Der Zustand war sicher nicht optimal, aber Futter war da und das war auch fressbar“, erklärt der 73-Jährige. Er habe lange gerätselt, warum die Rinder nicht mehr gut fraßen. Da sei er auf eine Studie von Experten aus Hannover gestoßen. „Da hat es Klick gemacht, die beschriebenen Symptome waren auch hier aufgetreten. Das passte“, sagt der Tierarzt.

So könnte das vorhandene Futter mit gefährlichen Bakterien verunreinigt gewesen sein. Sogenannte Clostridien könnten demnach einen Botulismus, eine lebensbedrohliche Lebensmittelvergiftung, verursacht haben. Die Toxine griffen das Nervensystem an, die Tiere wären gelähmt. „Und wenn die Rinder zu wenig Futter bekommen hätten, hätten sie doch gebrüllt“, sagt er. Der vom Gericht bestellte Gutachter, ein Spezialist für Landwirtschaft, hält die Botulismus-These indes für wenig plausibel.

„Die Symptome treten auch bei anderen Erkrankungen auf“, sagt er. Vor allem aber müsse er angesichts des Zustands der Herde im Januar 2017 davon ausgehen, dass die Rinder dort nicht plötzlich, sondern schon über längere Zeit nicht genug Nährstoffe erhalten haben. Von Amtstierärzten wurde diese Einschätzung bestätigt.

Anwohner hatten immer wieder auf den Zustand der Herde hingewiesen. Amtstierärzte hätten mehrfach Auflagen zur Haltungsverbesserung angemahnt, gegen die der Halter aber vorgegangen sei. Doch wieso haben die Rinder nicht gebrüllt, wenn sie Hunger hatten? Eine Theorie: Sie waren damals schlichtweg zu schwach dazu. Ob das stimmig ist, muss das Gericht klären. Denn der Prozess wird vertagt, die Verteidigung hält den Gutachter im vorliegenden Fall für nicht kompetent genug. Ein Tierarzt müsse her, um medizinische Fragen zu beantworten. Das Gericht sieht das ähnlich. Nun wird mit neuem Sachverständigen im August weiterverhandelt.