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Das Denkmal erlischt

Nach anderthalb Jahren wird die Lichtinstallation am Kraftwerk Mitte demontiert. Zum Abschied gibt es an diesem Donnerstag ein Feuerwerk der Parolen.

© André Wirsig

Von Rafael Barth

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Dieses Kunstwerk überrascht immer wieder. Mal sendet die grün leuchtende Anzeigetafel Striche, Kästchen und grafische Muster auf den Wettiner Platz. Mal ganze Sätze, die zu denken geben, Sätze wie: „Ahnungslosigkeit ist die letzte Unschuldsressource.“ Mal verwischen Worte und Zeichen in Wellen aus Licht. Und mal leuchtet gar nichts auf diesem Riesendisplay, das seit November 2014 auf einem Dach des Kraftwerks Mitte thront. Es gehört zum Konzept der Installation „Restzeichen“, dass sie teils unberechenbar ist. Nur ihr Ende bleibt absehbar.

Bis zum letzten Julitag will der Dresdner Künstler Paul Elsner sein Werk demontieren. Nach mehr als anderthalb Jahren erlischt die Baugenehmigung. Anders als bei den Großbauten am Wettiner Platz, die im Dezember ihr Comeback als Kulturkraftwerk feiern, hat sich für das ehemalige Reaktanzenhaus noch niemand gefunden, der das Gebäude mit neuem Leben füllen und dabei die Lichtinstallation einbeziehen könnte. „Es gibt im Moment keine Perspektive dafür“, sagt Elsner. Deshalb zerlegt er das Gerüst und lagert die 75 LED-Tafeln ein. Gut möglich, dass man sie irgendwann in einer Ausstellung wiedersieht, vielleicht auch nur einzelne davon. Am Wettiner Platz leuchten sie auf einer Fläche von immerhin neun mal fünf Metern.

Bevor dort das Licht erlischt, gibt Paul Elsner an diesem Donnerstag ein künstlerisches Abschiedsfest. Er hat Studierende vom Literaturinstitut Hildesheim sowie den Dresdner Autor Ferdinand Viconcaij eingeladen, eigene Texte über die Anzeige in den Dresdner Abendhimmel zu senden: Appelle, Parolen, Slogans, manches davon wirkt religiös verbrämt, anderes ironisch gefärbt. Außerdem lesen die Gäste aus Hildesheim eigene Texte. Es ist kein Zufall, dass Elsner seine Installation mit Literatur verabschiedet.

Mit „Restzeichen“ setzte der Künstler in doppelter Hinsicht ein Denkmal für die Schrift. Inhaltlich, weil seiner Meinung nach die Schrift als Kommunikationsmittel an Boden verliert angesichts einer digitalen Schwemme aus Fotos, Tönen, Filmen. Und formal, weil die Lichtinstallation auf einem Gebäudekubus ruht, der dank seiner klaren Linien einen idealen Sockel abgibt.

Ein bisschen hat sich der Künstler damit auch selbst ein Denkmal gesetzt, ein Denkmal auf Zeit und ohne Kultfunktion. Für Planung, Genehmigungen und Bau der Anlage zogen Jahre ins Land. Auch deshalb war das Material deutlich teurer als einst geplant, reichte die öffentliche Förderung nicht, und der Künstler zahlte am Ende sogar drauf bei seinem 65 000-Euro-Werk. Ganz abgesehen davon, dass er und Freunde viele Stunden unbezahlte Arbeit hineinsteckten, jede Leiterplatte einzeln zusammenlöteten. Für einen Blitzschutz hat das Geld nicht mehr gelangt.

Aber weder Gewitter noch Regen haben dem Kunstwerk geschadet. So ist Elsner heute „total froh, dass alles so reibungslos gelaufen ist“. Statt Großprojekten widmet sich der 49-Jährige vorerst wieder den Mühen der Ebene, die sein Chefposten beim Pieschener Atelier- und Ausstellungshaus Geh 8 mit sich bringt.

Finissage „Restzeichen“: 23. Juni, 21 Uhr, Wettiner Platz