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Das Eiserne Paar vom Berg

Die Börnchener Elfriede und Werner Müller halten seit 65 Jahren zusammen – in guten wie in schweren Zeiten.

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© Karl-Ludwig Oberthür

Von Franz Werfel

Börnchen. Die Hochzeit im Dezember 1950 auf dem Börnchener Lerchenberg war gesichert. „Wir hatten Glück und genug Lebensmittelmarken, weil ich bei der Wismut in Freital gut verdient hatte“, erinnert sich Werner Müller. Der 86-Jährige sitzt in seinem Haus auf der Dorfstraße in Börnchen am Stubentisch. Neben ihm kuschelt sich seine Frau Elfriede in den Sessel. Auch sie ist 86 Jahre alt, fünf Monate älter als ihr Mann. Am Mittwoch feiern die beiden ihren 65. Hochzeitstag.

Weil die Belastung im Objekt 36 an der Schlammpumpe so groß war, wurden die Arbeiter der Freitaler „Giftbude“ etwas besser entlohnt als andere. Bei einem befreundeten Fleischer organisierte Werner Müller drei schöne Kalbsnieren. „Kartoffeln gab es auch, die Ernte war ja schon vorbei“, erinnert er sich. Zusammen mit 19 selbst gebackenen Stollen gelang es, die vielen Hochzeitsgäste zu verköstigen. Wie viele Gäste es waren? „42“, sagt Elfriede Müller, wie aus der Pistole.

Das war viel für die Zeit. Drei Monate nach der Hochzeit wurde Tochter Annelie geboren. Doch der relative Wohlstand der jungen Familie hatte seinen Preis.„Weil ich im Schlaf wohl die Urandämpfe ausgeschwitzt habe, durfte ich nicht mit Frau und Tochter in einem Bett schlafen“, sagt Werner Müller. Der Arzt bei der Wismut setzte sich dafür ein, dass die Familie eine größere Wohnung in Werner Müllers Elternhaus bekam. Also zog die Familie um.

Dann kam die schlimme Erkrankung seiner Frau. Diagnose: offene Tuberkulose. Ein ganzes Jahr musste Elfriede Müller in der Pulsnitzer Heilstätte verbringen. Erst nach einigen Monaten durfte ihr Mann sie dort besuchen. Mit zwei Dresdnern und einem Altenberger tat er sich regelmäßig am Wochenende zusammen, gemeinsam reisten sie im Zug zu ihren Frauen. „Gleich auf der Rückfahrt am Sonntagabend gingen die anderen am Bahnhof Dresden-Mitte ins Bordell“, erinnert sich Werner Müller. Als seine Frau davon hörte, sagte sie zu ihm: „Such dir ruhig eine gesunde Frau, ich verstehe das.“ Doch davon will Werner Müller nichts wissen. „Wir haben uns das Ja-Wort gegeben, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzustehen. Und dabei bleibt es.“

Mit 15 Jahren eingezogen zur Armee

Während Elfriede Müller neben kurzen Auszeiten für die beiden Kinder ihr gesamtes Arbeitsleben hindurch beim VEB Elektronische Bauelemente Dorfhain verbrachte, wechselte ihr Mann des Öfteren den Job. „Bei der Wismut, der LPG und den als weiße Mäuse bezeichneten Verkehrspolizisten in Dippoldiswalde habe ich immer gleich gesagt: Das mache ich drei Jahre und nicht länger.“ Auch als Grenzpolizist wurde er eingesetzt, im thüringischen Haubinda, an der Grenze zu Bayern. „Weil Geschwister meiner Frau aber mittlerweile im Westen lebten, kam ich um den Dienst direkt am Grenzzaun herum“, sagt er. Wer Westverwandtschaft hat, darf nicht an der Demarkationslinie arbeiten, lautete ein Erlass in dieser Zeit.

Immer wieder zog es den gelernten Bau- und Möbeltischler in seinen alten Beruf zurück. „Meine Gesellenprüfung durfte ich vorfristig ablegen, weil ich noch Ende April 1945 eingezogen wurde.“ Als 15-Jähriger. Am 6. Mai türmte er mit einem anderen Börnchener Jungsoldaten, zwei Tage später waren die beiden wieder zu Hause.

Schon sein Vater und sein Großvater waren Stuhlbauer gewesen. „Ich habe bis zur Rente im September 1993 bei den Polstermöbeln in Oelsa gearbeitet.“ Auch als Rentner blieb Werner Müller aktiv. Er ist Gründungsmitglied des Heimatvereins, übernahm sogar mal für zwei Jahre den Vorsitz. „Hier bei uns im Ort ist viel entstanden, das ist schön“, sagt er. Dazu hat auch er beigetragen. Getreu seines Lebensmottos, das er mehrmals wiederholt: „Ich habe mir immer Mühe gegeben. Und Elfriede und ich haben zusammengehalten.“