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Das Ende eines Bahnbetriebswerks

Die Deutsche Bahn AG verabschiedet sich von nutzlosen Immobilien. Ein Kamenzer Industriedenkmal verschwindet.

© René Plaul

Von Frank Oehl & Norbert Portmann

Die moderne Industriegeschichte ist eine endlose Abfolge von Aufbau und Abriss. Ständig wird Altes durch Neues ersetzt – oder es verschwindet ganz. Das wird demnächst am Bahnhof in Kamenz sinnbildlich. Die Deutsche Bahn AG plant den Rückbau ihres Bahnbetriebswerkes. Es ist nutzlos geworden. Ein eisiger Wind pfeift dieser Tag über die Drehscheibe und um die Ecken des halbrunden Lokschuppens. Bis 2017 werden beide Anlage und weitere Immobilien verschwunden sein.

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Darüber wurde jetzt der Bauausschuss des Kamenzer Stadtrates informiert. Ein Leipziger Planungsbüro ist beauftragt, den Abriss zu organisieren. „Wenn Anlagen auf Dauer nicht mehr betriebsnotwendig sind, können sie beseitigt werden“, so ein Mitarbeiter der Dresdner Niederlassung des Büros am Freitag auf SZ-Nachfrage. Man plane den Abriss von Bahnanlagen auch an anderen Stellen, wobei stets nachgewiesen sein müsse, dass alle Versuche gescheitert seien, denkmalgeschützte Industriebauten sinnvoll nachzunutzen. Und solche Versuche hat es ja auch in Kamenz gegeben, wie sich der Chronist erinnert.

Eine technische Revolution

Aber, das ist nun eine durchaus längere Geschichte. Sie beginnt am 1. Oktober 1871 mit der Eröffnung der Bahnstrecke von Radeberg nach Kamenz. Das war die Hoch-Zeit der dampfgetriebenen und gleisgeführten Fortbewegung. Schon am 3. Januar 1874 wurde die Strecke Kamenz-Senftenberg fertiggestellt, und ab 1. Mai des gleichen Jahres ging es sogar schon bis Lübbenau weiter. Und am 15. Oktober 1875 wurde die Bahnstrecke Pirna-Arnsdorf eröffnet – damit konnte man praktisch durchgängig vom Elbsandsteingebirge bis in den Spreewald und darüber hinaus bis auf den Görlitzer Bahnhof in Berlin fahren. Eine technische Revolution mit damals noch unabsehbaren Folgen.

Sie materialisierte sich auch in Bahnimmobilien in Kamenz. Bereits mit der Eröffnung des Bahnhofs unterhalb des Hutberges gab es ein Maschinenheizhaus und ein Wasserstationsgebäude. Standort war der heute noch vorhandene Lokschuppen, der also bis 2017 verschwunden sein wird. Auch eine Drehscheibe gab es schon, die damals 11,65 Meter Durchmesser hatte. 1912 wurde dann an gleicher Stelle eine neue Drehscheibe errichtet – mit nunmehr 18 Metern Durchmesser. Am 1. April 1920 entstand die Deutsche Reichsbahn aus der Vereinigung der Länderbahnen. Kamenz war zu dieser Zeit Lokbahnhof. Die sächsische und die preußische Bahn hatten bis zur Reichsbahngründung den Lokschuppen unter sich aufgeteilt, was auch Räume für das jeweilige Wartungs- und Lokpersonal einschloss. Damals wurden also die sächsischen und preußischen Loks in eigener Regie der noch getrennten Bahnverwaltungen repariert. Ab 1933 gab es dann offiziell den „Lokbahnhof Kamenz“, der dem Bahnbetriebswerk Bautzen unterstellt war, und am 1. Januar 1937 wurde daraus das Bahnbetriebswerk Kamenz, das dem Reichsbahnmaschinenamt Bautzen unterstellt war. Angegliedert war dem Bahnbetriebswerk Kamenz bis 1946 auch der Lokbahnhof in Arnsdorf.

Dampflok-Ära endet 1987

Auf den Schienen des industriellen Zeitgeistes dampfte es, dass es für Lokfans eine reine Freude war. Am 1. September 1945 gehörten zum Bahnbetriebswerk Kamenz zwölf Lokomotiven, vorrangig Loks der überaus zuverlässigen Baureihe 52, von denen manche sogar die Wendezeit überlebt hat. In Kamenz wurden sie 1987 ausrangiert. Das Bahnbetriebswerk unterhielt auch eine Lokeinsatzstelle in Königsbrück. Im Jahr 1983 schließlich gehörten zum Bestand des Bw Kamenz 63 (!) Lokomotiven, darunter 24 Dieselloks der BR 101 und 102 sowie der BR 119. Zwei Jahre später kam die BR 118 dazu, und die BR 119 wurde abgegeben. Am 1. Januar 1994 wurde aus dem Bw Kamenz eine Einsatzstelle des Bahnbetriebswerkes Dresden, was letztlich der Anfang vom Ende war. Ein letztes Aufbäumen war der privaten ITL Eisenbahngesellschaft mbH (ITL) zu danken, die ab 2000 das ehemalige Bahnbetriebswerk nutzte – unter anderem für die Wartung der bereits legendären Diesellok BR 250 (Blue Tiger). Die Werkstatt wurde schließlich 2013 aufgegeben, die Lokomotiven werden jetzt im neuen ITL-Betriebswerk am Bahnhof in Pirna gewartet, was gewissermaßen auch als eine Reverenz an die 140 Jahre alte Bahnstrecke Pirna-Lübbenau gelten kann.

In Kamenz jedenfalls werden Zeugen dieser Bahnepoche verschwinden. Neben Drehscheibe und Lokschuppen betrifft dies auch das Diesellager mit zwei Erdtankbehältern, das Pumpenhaus, den Betankungsstand und einen Flüssigkeitsabscheider. Die Mitglieder des Bauausschusses nahmen dies alles interessiert zur Kenntnis. Man erwarte eine klare Abstimmung mit dem wichtigen Bauvorhaben Goethestraße, hieß es. Und es wurde die Hoffnung genährt, dass auch das brachliegende Gelände des früheren Glaswerkes dahinter angepackt werden könnte. Dies freilich steht auf einem anderen Eigentümer-Blatt. OB Roland Dantz: „Es ist erst mal gut, dass die Bahn ihren Pflichten nachkommt.“