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Das exklusive Vinyl-Gefühl

Holger Sturz hat immer schon Schallplatten verkauft. Doch er ist nicht mehr der einzige in Görlitz.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Frank Seibel

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Görlitz. Wildes Surfen auf der E-Gitarre, dazu ein pfeffriger Trommelschlag. Mehr braucht’s nicht für wilde Partymucke made in Görlitz. Jonny Kurt hat es da zu einer gewissen Perfektion gebracht und ist in der Nischenwelt der nichtbekannten Musiker schon beinahe ein bekannter. Der legendäre kleine Basta-Club an der Neiße war etliche Male seine Bühne, und mit dem Trommler „Hank the Tank“ aus Hoyerswerda spielt er seine freche Mischung aus Reggae, Ska und Punk auf Bühnen ohne Werbebanner. Aber jetzt, nach einigen Jahren Anlauf, ist Jonny Kurt unter den ganz Großen angekommen: Udo Lindenberg, Robert Plant, den Rolling Stones.

Mit ihnen ist er auf 40 Quadratmetern in der Breite Straße vereint, in einem kleinen alten Haus zwischen Obermarkt und Jägerkaserne. Jonny Kurt ist gewissermaßen im Plattenbau zu finden: ein eckiger Kasten neben dem anderen, jede Wohnung genau gleich groß, und er mit seinem Musikerkollegen einer unter vielen. Immerhin: Jonny Kurt steht ganz vorn in der Box. Wenn man in den kleinen Laden auf der Breiten Straße kommt, sieht man das Cover sofort. „Awo Maria“ steht da wortspielerisch, und Jonny und Hank sind auf einem schwarz-weißen Foto groß zu sehen. 33 Zentimeter hoch wie breit ist der Pappdeckel mit dem Foto drauf, und 33 Zentimeter Durchmesser misst die schwarze Scheibe in der Hülle.

Ein bisschen, sagt Jonny, der Görlitzer Gitarrist, ist es so, als sei er jetzt wirklich „da“. Ihre 24 kurzen Songs haben Jonny Kurt und Hank the Tank schon lange fertig. Und schon lange sind sie im Internet auf deinem Portal zu finden, das „Bandcamp“ heißt und vielen „nichtbekannten“ Musikern eine Plattform bietet, sich zu präsentieren. Aber die Schallplatte auf Vinyl, das ist nochmal etwas anderes, sagt Jonny, der von Haus aus Tischler ist und mit handfester Arbeit sein Geld verdient. Dass er damit auf einmal im Trend liegt, war nicht seine Absicht. Niemand in der Szene der nichtbekannten Musiker möchte gern im Trend liegen. „Vinyl war ja nie weg“, sagt Jonny Kurt beinahe trotzig. Vor allem die Punk-Szene, schiebt er nach, habe ihre Musik immer auf Vinyl gepresst. Als in den 1980er Jahren die digitale „Compact Disc“ (CD) entwickelt wurde, war es für die konsumkritischen Punker nur konsequent, beim alten Format zu bleiben und sich dem großen Fortschrittsversprechen zu verweigern; zumindest ein bisschen.

Holger Sturz ist auch so einer, der sich nie von der guten alten Schallplatte verabschiedet hat. Seit fast 20 Jahren lebt er davon, die großen Tonträger zu verkaufen, die viele Jahre lang als überholt und unpraktisch galten. Auch, als die Musikbranche das große Geld mit CDs gemacht hat, waren die klassischen LPs nie verschwunden. Nun wird die Palette breiter, denn die Musikindustrie hat die LP neu entdeckt, und sogar Helene Fischer hat ihr aktuelles Album nicht nur digital, sondern auch analog auf „Rille“ herausgebracht. So hat sich der Absatz von Vinyl-Platten seit 2001 mehr als verfünftfacht – allerdings fast vom Nullpunkt aus. 3,2 Millionen Schallplatten wurden in Deutschland im vorigen Jahr verkauft. 1985 waren es 75 Millionen.

Vom neuen Trend profitiert auch eine Görlitzer Firma, die sich eigentlich auf die Herstellung von CDs und Blu-Ray-Discs spezialisiert hat: die Euro Digital Disc GmbH in Weinhübel mit ihrer Tochterfirma „B.R. Productions + Packaging GmbH“. Hier können Musiker die Herstellung einer Schallplatte und der dazugehörigen Hülle in Auftrag geben. Platte und Cover werden dann zwar woanders produziert, aber die Firma ist „drin“ im Vinyl-Geschäft, sagt Kundenbetreuer Wietse Holwerda. Sogar ein Vinyl-Presswerk kann sich der Sohn des Firmeninhabers Denny Holwerda vorstellen. Bislang habe man noch keine geeignete Maschine gefunden – und noch niemanden, der Erfahrungen in der LP-Herstellung hat. „Aber wir haben ausreichend Platz“, sagt Wietse Holwerda. Und da es derzeit weltweit lange Wartezeiten in den LP-Presswerken gebe, sieht er durchaus einen Bedarf an weiteren Produktionsstätten.

Für Holger Sturz, den Plattenhändler im Schallhaus, steckt dahinter das vor allem eine weitere Masche der Musikindustrie: Erst haben alle die Musik, die sie schon auf LP haben, nochmal auf CD gekauft; nun kann man alte Verkaufsschlager auf Vinyl noch einmal neu anpreisen und damit ordentlich Geld verdienen. Denn neue Langspielplatten werden in der Regel teurer angeboten als CDs. Vinyl, das hat etwas Exklusives. Daher ist das Schallhaus auch keine Adresse für Geizhälse. Zehn Euro für eine gebrauchte Platte sind üblich. Neue kosten oft 18 oder 20 Euro. Nur wer seine Platten selbst vermarktet, kommt günstiger auf den Markt. Jonny Kurts „Awo Maria“ gibt’s schon für 14 Euro, denn da hängt keine Agentur dran, die mit verdienen will.

Weil das zurzeit wunderbar funktioniert, ist Holger Sturz seit einigen Monaten nicht mehr der einzige in der Stadt, der Vinylplatten anbietet. Auch bei „Expert“ im City-Center steht mittlerweile eine Box mit neu aufgelegten Schallplatten des niederländischen Labels „Music on Vinyl“. Das sind Klassiker wie Foreigner und Depeche Mode aus den 1980er Jahren, aber auch neue Produktionen. Die Firma wirbt damit, dass der Toningenieur im holländischen LP-Presswerk 40 Jahre Erfahrung hat und dereinst die Originalalben von Michael Jackson, Alan Parson’s Project und Santana geschnitten und auf Vinyl gepresst hat. Noch ist die Nachfrage nach den Schallplatten bei Expert verhalten, aber stetig und leicht steigend.

Mittlerweile gibt es dort auch ein ganzes Regal mit Schallplattenspielern, die zwischen 100 und 500 Euro kosten. Wobei ein Argument für Vinyl bei den billigen Geräten kaum sticht: die bessere Klangqualität gegenüber allen digitalen Tonträgern. Dass das so ist, leugnet auch 30 Jahre nach Einführung der CD kaum jemand, auch Gunter Ende nicht, der in seinem Elektronik-Fachgeschäft in der Hospitalstraße ebenfalls wieder eine handvoll klassischer Schallplattenspieler im Angebot hat. Wärmer, dynamischer und letztlich sogar mit mehr räumlicher Tiefe als bei digitalen Aufnahmen komme die Musik von der LP herüber – vorausgesetzt, man spart nicht an der Technik. Plattenspieler für 500 Euro haben schon gute Tonabnehmer, sagt Ende. Aber wer besondere Ansprüche hat, darf gerne für einen Tonabnehmer mit Nadel so viel bezahlen wie andere für das ganze Gerät – Preise nach oben offen.

Holger Sturz hat keine edle Anlage in seinem kleinen Plattenladen. Aber einen ganz guten Plattenspieler und ordentliche Boxen. Er kramt in der Abteilung der historischen Aufnahmen und holt eine Platte aus den 1950ern hervor. Leicht schnulziger Swing mit Big Band und schmelzendem Gesang, ganz ohne Kratzer. „Das ist eine alte Mono-Aufnahme“, schwärmt Sturz. „Und es klingt räumlicher als eine heutige CD.“ Klingt’s wirklich!

In diesem Moment kommt eine junge Frau herein, Studentin um die 20. Sie kramt versonnen in der älteren Abteilung des Schallhauses, fischt eine Paul-Anka-Platte heraus. „Den habe ich mal bei meinen Eltern entdeckt“, sagt sie und zögert kurz. Zehn Euro für eine gebrauchte LP ... „Die kannste auch zurückbringen, wenn doch ein Kratzer drauf sein sollte, den ich nicht entdeckt habe“, sagt Holger Sturz. Vielleicht erinnert sich die junge Frau an diese kleine Szene, wenn sie ihre Paul-Anka-Platte hört; auch in ein paar Jahren noch. Denn auch das ist eine Besonderheit, sagt Holger Sturz: „Viele Menschen erinnern sich daran, wie und wo sie eine Schallplatte gekauft haben.“ Das sei bei CDs schon viel beliebiger – und beim Herunterladen aus dem Internet spielt die konkrete Situation dann gar keine Rolle mehr.

Wer Jonny Kurts „Awo Maria“ in den Händen halten will, wird sich an diesen Moment wohl auch erinnern. Denn im Schallhaus war die erste Lieferung schnell vergriffen. Vielleicht, weil „Ärzte“-Sänger Bela B. kürzlich einige der wilden Lausitzer Punk-Surf-Songs von Jonny Kurt in seinem eigenen Radio-Podcast vorgestellt hat. Holger Sturz will von der kleinen Auflage noch ein paar LPs bestellen. Hoffen und Warten gehören zum exklusiven Vinyl-Gefühl.