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Das Fernmeldeamt fällt

Am Postplatz in Dresden dröhnen die Abbruchhämmer. In einem Vierteljahr wird vom Gebäude nichts mehr zu sehen sein.

© Sven Ellger

Von Peter Hilbert

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Werner Pohle steht am Postplatz und blickt hoch. Vor ihm ragt zwischen Annen- und Freiberger Straße ein trister grauer Betonbau empor. Dessen Tage sind gezählt. Davon kündet das Dröhnen von Abbruchhämmern, das aus dem fensterlosen Betonskelett nach außen dringt. Geht alles nach Plan, wird schon im Frühjahr nichts mehr von dem einstigen Fernmeldedienstgebäude zu sehen sein, das zwischen 1979 und 1983 als erster Teil eines geplanten Fernmeldezentrums errichtet wurde.

Der einstige Fernmeldetechniker Werner Pohle (l.) freut sich, dass der Dresdner CG-Chef Bert Wilde ihn noch einmal in das alte Fernmeldegebäude direkt am Postplatz führt. © Sven Ellger
So soll der Neubau am Postplatz aussehen. Im Sommer wird die Baugrube ausgehoben. © Visualisierung: F 29 Architekten

„Mein schönes Häusel“, sagt der 76-Jährige etwas wehmütig. Der ehemalige Fernmeldetechniker hatte 42 Jahre lang bis 2001 zuerst beim Fernmeldeamt Dresden und später bei der Deutschen Telekom gearbeitet. Wenn Fernmeldetechnik ausfiel, haben sich Pohle und seine Kollegen vom zentralen Außendienst darum gekümmert, die Störungen in den Vermittlungsstellen zu beseitigen. So auch im Dresdner Süden, der Neustadt, in Striesen, Klotzsche und Freital. Im ersten Stock des sechsgeschossigen Baus am Postplatz war die Überwachungszentrale für die Ortsvermittlungsstellen im Raum Dresden installiert. Wenn die nachts oder an Wochenenden unbesetzt waren, überwachte die Technik sämtliche wichtigen Signale, teils elektronisch. Dazu gehörten die Brandschutz- oder Einbruchsicherungen sowie die Vermittlungstechnik. Deshalb war Pohle auch ab und zu in der Zentrale am Postplatz, in der unter anderem auch die moderne Fernvermittlungsstelle arbeitete, die mit schwedischer Technik ausgestattet war.

„Das war damals ein großes Staatsprojekt“, sagt der Fachmann. Der Neubau wurde im hochmodernen Deckenhubverfahren errichtet. Dabei stellten die Bauleute Stahlbetonplatten am Boden her. Nur Stützen ragten in die Höhe. Mit einer ausgetüftelten Technologie wurde dann Decke für Decke von Hydraulikpressen nach oben gezogen.

Vorgesehen war, die Fernmeldezentrale noch weiter auszubauen. „Doch mit der politischen Wende ist dieser Plan gestorben“, sagt Pohle. Die Telekom errichtete dahinter ihren Neubau mit digitaler Technik. „Nachdem er fertig war, wurde das gesamte Fernmeldedienstgebäude beräumt. Die Technik ist auf den Schrott geflogen.“ Einige Schaltungsteile blieben im Fernmeldemuseum erhalten, berichtet er. Das ist im Erdgeschoss des benachbarten Telekom-Neubaus und wird von der Interessengemeinschaft historische Fernmeldetechnik betrieben, deren Gründungsmitglied Pohle ist.

Bei einem Vor-Ort-Termin konnte er sich jetzt ein letztes Mal im Raum der alten Überwachungszentrale umschauen. Mit dabei war Bert Wilde, der Dresdner Niederlassungsleiter der CG-Gruppe, die das Gebäude abreißen lässt und einen Neubau errichtet. Im ersten Stock türmen sich an einer Seite Abbruchtrümmer, an der anderen liegt ein Stapel mit ausgebauten Stahlrohren. Ein kleiner Bagger pickert mit einem Hammer den Boden auf. Währenddessen räumt ein Radlader die Trümmer beiseite und lässt sie nach unten plumpsen, wo sie abtransportiert werden. Pohle findet es schön, die Räume noch einmal zu sehen. „Wenn es mir auch an die Seele geht. Schließlich ist es ein Stück meiner Lebensgeschichte“, sagt er.

Das Innere war bis 2017 ausgeräumt worden. Dabei mussten Schadstoffe wie Asbest beseitigt werden. Ende Januar hatten die Abrissarbeiten begonnen. „Jetzt werden nicht tragende Innenwände herausgerissen“, sagt Wilde. Wenn innen alles entkernt ist, rollt ein großer Longfrontbagger an. Das soll in Kürze geschehen. Aus Richtung Postplatz wird er von oben nach unten Decke für Decke abknabbern. Zudem werden mit Schneidbrennern die Stahlträger abgetrennt. Die Treppenhaustürme werden separat abgebrochen. Für den Abriss ist ein Vierteljahr nötig.

Eigentlich sollte das schon viel früher geschehen. Doch die CG-Gruppe hat das Konzept für den Neubau noch einmal überarbeitet. Der Niederlassungschef hofft, dass er bald die Genehmigung dafür von der Stadt bekommt. Im Sommer wird die Baugrube ausgehoben. Die Arbeiten sollen zweieinhalb Jahre dauern. In dem Gebäude sind etwa 170 Mietwohnungen mit Blick zum Postplatz und Zwinger geplant, die zwischen 45 und 95 Quadratmeter groß werden. Sie sollen teilmöbliert sein, etwa mit einer Küche. Ganz oben sind Maisonette-Wohnungen vorgesehen. Die Bewohner müssen Kaltmieten zwischen 12 und 14,50 Euro zahlen. Die CG-Gruppe will rund 66 Millionen Euro dafür investieren.