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Das Grauen des Holocaust als Videobotschaft

Die KZ-Überlebenden sterben langsam aus –in Gedenkstätten wie Ravensbrück erzählen sie den Besuchern per Video von ihrem Schicksal.

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Von Joachim Göres, Ravensbrück

Moshe Nordheim, ein Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in dem mehr als 50000 Menschen ihr Leben verloren, berichtet: „Um sechs Uhr morgens wachte ich auf und wir sahen, dass die ganze Umgebung voll mit grüner Polizei war. Razzia. Sie gingen von Haus zu Haus und holten Menschen ab, sie suchten Juden“, erzählt Moshe Nordheim über eine Razzia, die er 1941 in Amsterdam erlebt hat.

Nordheim und viele andere einstige KZ-Häftlinge blicken den Besucher der Gedenkstätte vom Bildschirm aus an, wenn sie ihm ihre Erlebnisse von Verfolgung, Gefangennahme, Deportation, Misshandlung, Hunger, von Bangen und Hoffen und dem täglichen Kampf ums Überleben im Lager schildern. Für Bergen-Belsen sind diese Interviews besonders wichtig, weil viele Dokumente zerstört wurden und die Zeitzeugen oft die einzige Quelle für bestimmte Ereignisse sind, sagt Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten.

Gewissenhafter Umgang

Doch auch in anderen einstigen Orten des Grauens sprechen Augenzeugen immer häufiger per Video zu den Besuchern. Der Grund liegt auf der Hand: die Gefangenen von Ravensbrück, Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen sterben langsam aus. In der Gedenkstätte Ravensbrück sind knapp 300 Interviews mit Überlebenden des einst größten Frauen-Konzentrationslagers im Deutschen Reich in den letzten 20 Jahren per Kamera aufgenommen worden. Für die Leiterin Insa Eschebach ist der gewissenhafte Umgang damit entscheidend. Videos dienen immer mehr dazu, historische Fakten zu beglaubigen. „Dabei wird oft übersehen, dass sich die Erinnerung verändern kann. Wir überprüfen die Erzählungen wie alle anderen Quellen“, sagt sie.

In Polen leben heute weniger als 100 Menschen, die dem Tod in Auschwitz entgangen sind. Sie sollen künftig nach der Umgestaltung der Ausstellung über Monitore zu den Besuchern sprechen. „Bislang steht bei uns das Lagergelände im Vordergrund, denn im Gegensatz zu Belsen sind in Auschwitz noch viele Häftlingsbaracken erhalten“, sagt Teresa Swiebocka, stellvertretende Leiterin des Museums in Auschwitz. „Viele unser jährlich 1,2 Millionen Besucher sagen uns, dass sie das ganze Geschehen erst begreifen konnten, nachdem sie bei uns das riesige Lagergelände, die Berge von Schuhen und Koffer der Häftlinge gesehen haben“, so Swiebocka.

Am authentischen Ort

Was ändert sich, wenn alle KZ-Überlebenden gestorben sind? „Das Interesse wird nachlassen und der Druck auf die Gedenkstätten wird wachsen, Zeitzeugenaussagen in kleinen Häppchen mit Musik unterlegt zu präsentieren, weil die Besucher das aus dem Fernsehen so gewöhnt sind“, befürchtet Rainer Schulze, Historiker an der britischen Universität Essex. Sein Kollege Bernd Weisbrod, Mitglied im Beirat der Gedenkstätte Buchenwald, widerspricht: „Ausführliche Interviews am authentischen Ort präsentiert entfalten eine viel stärkere Wirkung als unsägliche TV-Dokumentationen.“