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Das große Stechen

Ob Salbe, Kühlgel oder Zwiebel – so schnell wegpacken sollte man die Notutensilien für Wespenstiche aber noch nicht.

© Uwe Soeder

Von Anja Beutler

Das ist ein Ding! Herbert Neumann ist von den Socken. Der Löbauer Hobby-Imker zeigt auf das enorme Wespennest, das in seinem Bienenhaus gewachsen ist. „So ein riesiges Nest habe ich im Leben noch nicht gesehen“, sagt der Mann, der sich seit 60 Jahren mit Bienen befasst. Ihn persönlich – und seine Bienen – stören die Untermieter nicht. „Das ist kein Problem, man muss die Wespen nur in Ruhe lassen, dann stechen sie auch nicht“, sagt er.

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Im leer stehenden Bienenstock des Löbauers Herbert Neumann hat sich eine Wespenkolonie eingenistet. So ein großes Wespennest habe er noch nie gesehen, sagt er. Ein Wolf im Wespenpelz © Uwe Soeder

Das ist leicht gesagt. Für Besucher von Freiluft-Festen wie Historik Mobil und dem Lückendorfer Bergrennen am vergangenen Wochenende war der Rat kaum umzusetzen. Zu viele Wespen umkreisten die Menschen und ihre Leckereien. Und so suchten schon die ersten Wespenopfer am Freitagnachmittag nach medizinischem Beistand, als die Sanitäter des Falck-Rettungsdienstes gerade am Bahnhof Bertsdorf angekommen waren. „So schlimm habe ich das in den vergangenen drei Jahren hier nicht erlebt“, sagt Roland Sperl von der Falck-Regionalgruppe Lausitz. Die Stiche gingen zum Glück glimpflich ab: „Es waren Wespenstiche in den Finger, einmal auch unter dem Augenlid dabei“, erinnert sich Sperl. Die Gepiesackten erhielten Kühlgel verabreicht – oder griffen zur Zwiebel.

Das Allheilmittel gegen Stiche beim Lückendorfer Bergrennen war indes die bewährte Arnika-Salbe von Dr. Gottfried Hanzl. Der Oderwitzer Arzt hatte schon vor dem Einsatz geahnt, dass es ein „Wespenwochenende werden würde“. Er sollte recht behalten. „Das hing sicher auch an den Temperaturen, und im Wald muss man immer damit rechnen, das kommt vor“, sagt er abgeklärt. Wer sich als Allergiker outete und nicht nur mit Arnika-Salbe um die Runden kam, erhielt sofort eine Prednisolon-Spritze vom Medizinerteam, betont Hanzl. Auf diese Weise sei man trotz zahlreicher Stiche gut weggekommen.

Ob Salbe, Kühlgel oder Zwiebel – so schnell wegpacken sollte man die Notutensilien für Wespenstiche aber noch nicht. Denn in diesem Sommer scheint es stellenweise enorm viele Wespen zu geben. Josephine Hempel-Schäfer und ihre Kollegen im Dienste der Schädlingsbekämpfung haben jedenfalls derzeit kaum etwas anderes zu tun. „Wir erhalten pro Tag mindestens 15 Anrufe, dass ein Wespen- oder gar Hornissennest zu entfernen ist“, sagt Frau Hempel-Schäfer, die nicht nur bei der Firma Hygieneservice Zittau arbeitet, sondern auch im Vorstand des Schädlingsbekämpfer-Verbandes-Sachsen sitzt und in Mittelherwigsdorf die Geschäftsstelle betreut. Aus dem ganzen Freistaat höre sie, dass die Schädlings-Experten fast nur in Sachen Wespen unterwegs sind. „Unseren Beobachtungen zufolge gibt es vor allem in ländlichen Gebieten zum Teil eine Wespenplage“, sagt sie. Überall habe man schon Wespennester entfernt – aus Türrahmen, von Balkonen, aus Rollkästen und sogar schon einmal aus einer Wohnung, wo die Tiere durch ein angekipptes Fenster eingeflogen und eingezogen waren.

Ob die stellenweise große Wespenzahl mit dem ausgefallenen Winter zusammenhängt oder eine Laune der Natur ist, vermag der Hautflügler-Experte der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung nicht zu sagen: Wissenschaftler Dr. Andreas Taeger, der sich auch mit Wespen beschäftigt, kann die Plage wissenschaftlich nicht bestätigen. „Das hat ja keiner gezählt“, sagt er. Dass lokal aber durchaus mehr Tiere herumschwirren, sei gut möglich. Was die Sache mit den Wespen schwierig mache, sei ihre unglaubliche Artenvielfalt und Flexibilität bei der Wohnungssuche: „Selbst eine Art sucht sich ganz verschiedene Stellen aus, bewohnt aber niemals das gleiche Nest zweimal“, sagt er. Sie seien unberechenbar.

Dass Wespen zur Plage werden können, stellt Taeger nicht in Abrede, warnt aber: „Wespen sind nützliche Tiere und stehen unter Schutz, viele Arten darf man generell nicht vertreiben oder die Nester zerstören.“ Möglich sei das bei als Lästlingen eingestuften Arten wie der Deutschen oder der Gemeinen Wespe. Entscheiden muss das aber ein Kundiger – ein Schädlingsbekämpfer zum Beispiel.

Ein Rezept, wie man sich die Tiere vom Leib hält, hat auch Taeger nicht. Stets gelte: richt reizen und im Extremfall ins Haus gehen zum Essen. Spätestens im Oktober, wenn es kalt wird, sei der Spuk vorbei. Wer dann das verlassene Wespennest gefunden hat, kann immerhin eines tun: Vorsorge treffen, dass die Wespen in der Nähe des alten Nestes nicht nochmals andocken. Denn, auch wenn sie nicht ein zweites Mal einziehen, merken sie sich doch, wo es sich gut leben lässt.