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„Das ist alles nicht zu Ende gedacht“

Der Trainer von Paul Biedermann will nun die sächsischen Schwimmer in die Weltspitze führen – auf seinem Weg.

© Camera4/Tilo Wiedensohler

Von Daniel Klein

Sein Name ist untrennbar mit dem von Paul Biedermann verbunden. Frank Embacher formte den Freistil-Schwimmer zum Doppel-Weltmeister und Weltrekordhalter. 25 Jahre lange arbeitete Embacher als Trainer in Halle/Saale, 2016 kam dann das überraschende Aus für den gebürtigen Leipziger. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Bundestrainer Henning Lambertz verlängerte der Deutsche Schwimmverband (DSV) den auslaufenden Vertrag nicht, Embacher wechselte als Landestrainer nach Leipzig.

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Im Interview mit der Sächsischen Zeitung erklärt der 54-Jährige, wie er helfen will, das sächsische und das deutsche Schwimmen aus der Krise zu führen.

Herr Embacher, sprechen Sie noch mit Bundestrainer Henning Lambertz?

Unsere Kommunikation hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren auf das Wesentliche beschränkt. Mein Ende in Halle war keine schöne Sache und auch nicht nötig. Ob das dem Schwimmen weitergeholfen hat, möchte ich bezweifeln. Aber ich mache das für die Sportler und nicht für den Bundestrainer.

Der hat das Problem, dass die Schwimmer wegen ausbleibender Erfolge immer weniger Fördergelder bekommen, aber trotzdem erfolgreicher werden sollen als bei den beiden letzten, medaillenlos gebliebenen Olympischen Spielen. Wie soll das funktionieren?

Man versucht, das verbliebene Geld effizienter einzusetzen. Wenn von den sechs Bundesstützpunkten im Beckenschwimmen tatsächlich nur noch zwei übrig bleiben sollten, einer im Norden und einer im Westen, hielte ich das jedoch für den falschen Weg. Wir würden dadurch so viele Talente verlieren, weil die mit 15 oder 16 Jahren nicht bereit sind, 400 Kilometer von ihrer Heimat entfernt zu trainieren. Und es gibt noch einen zweiten Punkt.

Welchen?

Es gäbe dann große Probleme mit den regionalen Geldgebern, also den Ländern, Kreisen und Kommunen. Die sagen sich doch: Warum sollen wir die Schwimmer noch unterstützen, wenn die größten Talente immer weggehen?

Was schlagen Sie vor?

Der Ansatz ist der falsche: Wenn man immer nur wegnimmt, wird man nicht erfolgreicher. Es müsste genau andersherum laufen: Dort, wo es klemmt, muss man Geld in die Hand nehmen. Wenn es unserer Gesellschaft nicht wert ist, 300 Millionen Euro in den Spitzensport zu investieren, werden wir kaum von der Stelle kommen. Man muss den Athleten finanzielle Sicherheiten bieten, so wie in England.

Die dortige Struktur ist Vorbild für die Sportreform in Deutschland.

Aber man vergisst dabei ein wichtiges Detail. Man kopiert die Konzentration auf medaillenträchtige Sportarten und auf wenige Leistungszentren, aber dass die Sportler dort 2500 Pfund im Monat bekommen, das möchte man nicht übernehmen. Das ist alles nicht zu Ende gedacht.

Zurück zum Schwimmen: Was läuft da gerade schief?

Es wird alles von oben gedacht, entscheidend ist aber die Basis. Wir haben bei den acht- bis zehnjährigen Kindern kaum noch hauptamtliche Trainer. Teilweise müssen sie von den Eltern finanziert werden. Wir warten auf die Talente und suchen nicht nach ihnen.

Das Problem haben andere Sportarten aber auch.

Bei der angestrebten Zentralisierung wird vernachlässigt, dass das Wichtigste das Verhältnis zwischen Trainer und Schwimmer ist. Wir in Sachsen haben drei Zentren: Leipzig, Dresden und Chemnitz. Ich möchte, dass jeder dort bleibt, wo er sich wohlfühlt – in seinem privaten Umfeld, bei seinen Freunden, seinem Trainer.

Der Bundestrainer möchte, dass die besten Schwimmer in die Bundesstützpunkte kommen, weil nur dort die Bedingungen professionell sind. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich anders. Wir hier in Leipzig verlieren zum Jahresende unseren Status als Bundesstützpunkt, haben aber die komplette Infrastruktur auf einem Fleck: Schwimmhalle, Sportgymnasium, Internat, Universität, Institut für angewandte Trainingswissenschaften und vier hauptamtliche Trainer. In Dresden entsteht gerade ein Komplex mit zwei 50-Meter-Becken, da herrscht eine Aufbruchstimmung. Warum sollte man das alles nicht nutzen?

Sehen Sie sich als Konkurrenz zum Weg, den der deutsche Schwimmverband einschlägt?

Überhaupt nicht, wir arbeiten nicht gegen den Verband, gehen aber einen alternativen Weg. Letztlich haben wir doch alle das gleiche Ziel: Die deutschen Schwimmer sollen international wieder erfolgreich sein. Und dazu möchten wir hier in Sachsen unseren Beitrag leisten. Dieses Umfeld, das wir hier haben, sollte man dankend annehmen.

Zuletzt sind die größten sächsischen Talente nach Berlin oder Hamburg gewechselt. Die Dresdnerin Leonie Kullmann studiert jetzt in den USA. Sie wollen also, dass sie alle hierbleiben?

Das ist das Ziel. Nach den WM-Titeln von Paul Biedermann mussten wir in Halle keine Kinder mehr sichten, die sind alle gekommen, da konnten wir uns die Besten aussuchen. Solche Aushängeschilder wie Paul sind enorm wichtig.

Sie haben einige Athleten aus Ihrer Hallenser Trainingsgruppe nach Leipzig gelockt, Johanna Friedrich ist aus Magdeburg gekommen. Ist das auch ein Weg, um künftig Erfolg zu haben?

Moment, ich habe niemanden gelockt, sie sind alle gekommen. Prinzipiell gilt aber: Es hilft, wenn man als Trainer Erfahrung und Erfolge vorweisen kann. Neben Paul habe ich auch Daniela Schreiber, Theresa Michalak, Torsten Spanneberg und das letzte Jahr vor ihrem Karriereende Britta Steffen betreut. Athleten gehen nicht dorthin, wo an der Tür das Schild Bundesstützpunkt hängt, sondern dorthin, wo sie glauben, dass sie Erfolg haben werden.

Ein anderes Problem der deutschen Schwimmer ist, dass sie medial inzwischen fast komplett abgetaucht sind, Wettkämpfe kaum noch im Fernsehen übertragen werden. Wie kann man das ändern?

Wir sollten uns den Wintersport und speziell Biathlon als Vorbild nehmen. Die haben pro Saison neun Weltcups, da gibt es keine Vorläufe, da sind immer die Top-Leute am Start, das ist immer spannend. Und bei uns im Schwimmen? Wir tauchen im Fernsehen nur noch bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen auf, also einmal im Jahr. Wie wollen wir da Stars entwickeln, die man auch abseits unserer Sportart kennt?

Mit Badekappe und Schwimmbrille erkennt man die Sportler ohnehin schlecht. Ein Problem?

Das ist der nächste Punkt. Es würde schon helfen, wenn man mal kleine Trailer produziert, die dann im Fernsehen vor den Starts eingespielt werden und auf denen man die Gesichter sieht. Die Rennanzüge, die die Frauen tragen, sind gut für Zeiten und Rekorde, aber dadurch verdeckt man die begnadeten Körper. Schwimmer werden als anonyme Masse wahrgenommen, das ist den Sponsoren zu wenig.