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Das Jahr der tschechischen Acht

Gleich mehrere Ereignisse aus der Geschichte haben 2018 ein rundes oder halbrundes Jubiläum. Nicht alle waren lustig.

© Symbolfoto: SZ-Archiv

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Das erste runde Jubiläum geht auf das Jahr 1618 zurück. Und es hat mit einer eigenartigen Spezialität zu tun, die die Prager für sich erkoren hatten – das Fensterstürzen. „Prag“, so spöttelte ein britischer Humorist, „hätte sich die Hälfte aller Leiden ersparen können, wenn es kleinere Fenster gehabt hätte.“ 1618 gab es schon den zweiten Fenstersturz. Da erlagen zwei katholische Statthalter und ein Kanzleisekretär der körperlichen Übermacht protestantischer Ständevertreter und der Schwerkraft: Sie plumpsten aus einem Fenster der Prager Burg. Für sie ging es zwar einigermaßen glimpflich ab, aber das Ereignis löste den Dreißigjährigen Krieg aus, der Europa verheerte und einem Drittel der Bevölkerung des Kontinents das Leben kostete.

300 Jahre später, 1918, entstand auf den Ruinen der österreichisch-ungarischen Monarchie der erste tschechoslowakische Staat. Am 28. Oktober wurde die Republik im Prager Gemeindehaus gleich neben dem Pulverturm ausgerufen. Es war die Geburtsstunde eines freien und demokratischen Landes unter Präsident Tomas G. Masaryk. Bis heute ist der 28. Oktober in Tschechien Nationalfeiertag, obwohl es die Tschechoslowakei seit 1993 nicht mehr gibt. In der Slowakei begeht man den Jahrestag übrigens nicht als Feiertag. Für den 28. Oktober sind in Prag dagegen allerlei Festlichkeiten vorbereitet. Es soll zum 100. Gründungsjubiläum des Staates auch mal wieder eine Truppenparade geben.

Lange Zeit war der ersten Tschechoslowakei nicht vergönnt. Das Ende wurde 1938 mit dem Münchner Abkommen eingeläutet. Im Glauben, Europa vor einem Krieg zu bewahren, lieferten die Verbündeten England und Frankreich die Tschechoslowakei an Hitler aus. Man entschied „ohne uns über uns“, beschreiben die Tschechen dieses Trauma, den „Verrat von München“. Am 1. Oktober besetzten deutsche Truppen das mehrheitlich von Deutschen besiedelte Sudetengebiet.

Die tschechoslowakische Armee zog sich bei deren Einmarsch ohne Gegenwehr zurück. Es war eine Güterabwägung: Die Verteidigung des Landes wäre opferreich und aussichtslos gewesen. Um dem aus dem Weg zu gehen, opferte man das Sudetenland. Ein Jahr später marschierte Hitlerdeutschland in der „Rest-Tschechei“ ein und führte ein hartes Besatzungsregime ein. Nach dem Ende des Krieges erstarkten bald schon die Kommunisten. Am 25. Februar 1948 putschen sie unter Führung Klement Gottwalds. Es begann die Epoche des Stalinismus mit Schauprozessen, Kollektivierung, Nationalisierung des privaten Eigentums und Verfolgung bürgerlicher Kräfte. 1968 dann der Aufbruch, der Reformversuch des Prager Frühlings.

Der neue Parteichef Alexander Dubcek wollte dem Sozialismus ein „menschliches Antlitz“ geben. Doch vor allem Moskau und Ostberlin beobachteten das mit Argwohn, fürchteten, die Tschechoslowakei werde aus dem sowjetischen Einflussgebiet ausscheren. Walter Ulbricht witterte für die DDR Ansteckungsgefahr aus Prag und Bratislava.

In der Nacht auf den 21. August rollten die Panzer mehrerer Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei und setzten dem Treiben ein blutiges Ende. Der Widerstandswille der Menschen erlosch und machte Lethargie Platz. Auch die grausame Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach Anfang 1969 war nicht das erhoffte Signal. Was folgte, war eine bleierne Zeit, die Ära der „Normalisierung“, in der man „Lehren“ aus 1968 zog.

Die Tschechoslowakei erstarrte innerlich. Als in Moskau Gorbatschow an die Macht kam, wurde er von den Führern in Prag abgelehnt. Die Parallelen zur DDR sind unverkennbar.

1988 wäre – im Sinne der „tschechischen Acht“ – ein gutes Jahr für den Zusammenbruch des Kommunismus gewesen. Doch die Führung um Präsident Husak und Parteichef Jakes hielt sich noch ein Jahr länger. Am Ende brach aber das Regime – auch unter dem Eindruck der vielen tausend DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag – auch binnen weniger Tage zusammen.

Unter dem Dramatiker und einstigen Dissidenten Vaclav Havel und dem Ökonomen Vaclav Klaus brach eine völlig neue Epoche an. Die einen Knick bekam, als sich Tschechen und Slowaken auseinander zu leben begannen, der Nationalismus auf beiden Seiten des Grenzflusses March siegte. Immerhin völlig friedlich.

Am 1. Januar vor 25 Jahren entstanden Tschechien und die Slowakei als selbstständige Staaten. Damals für viele, vor allem Tschechen, ein trauriger Tag. Sie konnten den Gang der Geschichte nicht beeinflussen. Das Ende des gemeinsamen Staates wurde von den Politikern besiegelt. Immerhin sind sich beide Nachbarn heute näher denn je, in EU, der Nato und im Verbund mit Polen und Ungarn in der Visegrad-Gruppe. Und so wird das halbrunde Jubiläum der Staatenneugründungen auch feierlich begangen werden.

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