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Das Kämpferherz

© action press/Revierfoto

Marco Russ hat den Krebs besiegt und plant sein Comeback als Fußball-Profi. Die Erkenntnis in der schwierigsten Phase seines Lebens: Solidarität ist größer als Rivalität.

Von Frank Hellmann

Jahresrückblicke wirken ja gerade unausweichlich. Was waren die Höhen und die Tiefen? Im Stadionmagazin von Eintracht Frankfurt hat nicht zufällig Marco Russ seine ganz persönliche Bilanz fürs ablaufende Jahr ziehen dürfen. „Kaum ein Adlerträger erlebte ein derartiges Wechselbad der Gefühle“, heißt es im Vorspann. Wohl wahr. Rückblende: Am 19. Mai dieses Jahres nimmt der tapfere Verteidiger, das Trikot über der Hose, die Stutzen fast über die Knie gerollt, seine Kinder Moses und Vida an die Hände, um sich vor der Fankurve einen letzten Applaus abzuholen.

Gerade hatte die Identifikationsfigur, mit kurzer Unterbrechung seit zwei Jahrzehnten für die Hessen am Ball, eine tragische Geschichte beim 1:1 im Relegationshinspiel gegen Nürnberg geschrieben. Ihm war ein Eigentor unterlaufen, dann hatte sich der 31-Jährige eine Gelb-Sperre eingehandelt – und all das unmittelbar, nachdem ihn die Ärzte mit einer schockierenden Diagnose konfrontiert hatten, die durch erhöhte Hormonwerte einer Dopingprobe aufgefallen war: Hodenkrebs. Frankfurts Nummer vier lief trotzdem auf eigenen Wunsch auf. „Ich wollte der Mannschaft unbedingt helfen“, sagt er rückblickend. „Ich habe während der 90 Minuten keinen Gedanken daran verschwendet.“

Als die Eintracht sich vier Tage später im Rückspiel rettete, lag der Defensivspezialist bereits im Krankenhaus – am Morgen war er operiert worden, am Abend verfolgte er die Partie aus dem Krankenbett. Es folgte eine lange Leidenszeit. Zwei Chemotherapien musste er über sich ergehen lassen. In dieser Zeit weilte seine Frau Janina wieder an seiner Seite, obwohl sich beide kurz zuvor getrennt hatten. Das Schicksal schweißte die Familie eng zusammen. Wie hat man das eigentlich seinen Kindern erklärt? „Wir haben gesagt, dass Papa Zellen im Körper hat, die wehtun, und dass man dagegen angehen muss.“

Wegen der Infusionen habe er während der ersten Chemo zeitweise 103 Kilo gewogen. In der zweiten waren es nur noch 85, „weil ich gar nichts mehr runterbekommen habe“. Vorübergehend zog er sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück – und zeigte sich den Fans erst wieder im Sommer bei der Saisoneröffnungsfeier. Die Haare waren ihm ausgefallen, der Körper schwer gezeichnet, „aber es war ein schöner Tag, weil ich in diesem Moment immer näher an die Mannschaft gerückt bin. Vorher ging es einfach nicht.“

Zum Trainingsstart beim Team

Inzwischen ist Russ geheilt und arbeitet am Comeback. „Ich laufe schon wieder 30 bis 35 Minuten am Stück.“ Nur: Nach einem Koordinationstraining seien ihm kürzlich „die Waden komplett um die Ohren geflogen“. Aus medizinischer Sicht gebe es keinerlei Einschränkungen mehr, versichert Mannschaftsarzt Dr. Christoph Seeger. Der 276-fache Bundesligaspieler will zum Trainingsstart am 3. Januar wieder bei der Mannschaft sein. Vielleicht kann er auch am Tag darauf mit ins Trainingslager nach Abu Dhabi fliegen. „Mein Wunsch ist es, in der Rückrunde wieder das Level zu erreichen, um dem Team helfen zu können – aber ich setze mich da nicht unter Druck“, meint der gebürtige Hanauer. Gestern noch Krebspatient, morgen wieder Stammspieler – so schnell geht das nämlich nicht.

Cheftrainer Niko Kovac und Sportvorstand Fredi Bobic dämpfen eine übersteigerte Erwartungshaltung. „Marco ist im Aufbautraining. So schnell werden wir ihn nicht auf dem Platz sehen“, erklärt Kovac. Und Bobic ergänzt: „Es wird noch ein langer Weg für ihn.“ Der Verein hatte demonstrativ im September den Vertrag bis 2019 verlängert, um ein Zeichen der Wertschätzung für einen meinungsstarken Führungsspieler zu setzen.

Russ hat es bewegt, dass ihm Menschen aus ganz Deutschland Mut zusprachen – auch Kollegen und Fans anderer Vereine. „Daran habe ich gemerkt, dass Solidarität in Deutschland viel größer ist als Rivalität.“ Das Kämpferherz suchte auch sofort den Kontakt zu seinem langjährigen Mannschaftskollegen Benjamin Köhler von Union Berlin, der an Lymphdrüsenkrebs litt. Und er weiß, dass er es vergleichsweise besser hatte: Sein Tumor, zumal so früh erkannt, war mit besten Heilungsprognosen versehen. „Im Vergleich zu Bennys Krebs war meiner in Anführungszeichen Kindergarten“, sagte er in der Sportbild.

Sein Rückfallrisiko liegt bei lediglich drei Prozent. Heute sagt er: „Ich kann jedem Mann nur raten, zur Prostata-Untersuchung zu gehen – das wird oft erst ernst genommen, wenn etwas passiert ist.“ Trotz der Grenzerfahrungen habe er niemals an Dinge wie den Tod gedacht. „Die Ärzte haben alle negativen Gedanken gar nicht erst aufkommen lassen.“ Die Phase des Zitterns und Bangens ist überwunden. „2016 steht für mich unter einem ganz besonderen Stern. Ich habe den Kampf gegen den Krebs gewonnen, wir sind nicht abgestiegen, und das bleibt natürlich in Erinnerung für mich. Nun freue ich mich auf 2017.“