merken

Das Kraftwerk Klopp

Ohne seinen Antreiber stünde der FC Liverpool nicht im Finale der Champions League. Dort geht es auch um einen Makel.

© ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutt

Von Frank Hellmann

Das Einfallstor für alle Fußballfans zum Champions-League-Endspiel heißt Kiew-Boryspil. Der internationale Flughafen der ukrainischen Hauptstadt knapp 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt wird zwangsläufig zum ersten Anlaufpunkt, wenn ein Endspielort eigentlich nur über den Luftweg zu erreichen ist. Am Donnerstag schwebten erste Fans des FC Liverpool aus den USA mit Zwischenhalt in Frankfurt am Main ein. Am Sonnabend sollen noch einmal 77 Maschinen aus Europa landen. Den Wucherpreisen für Flug und Unterkunft zum Trotz reichen die kontingentierten 16 626 Eintrittskarten für das Finale gegen Real Madrid im Olympiastadion von Kiew im englischen Lager hinten und vorn nicht.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

13 Jahre liegt das letzte Endspiel im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt zurück, als den Reds in Istanbul nach einem 0:3-Rückstand gegen den AC Mailand noch das Happy End im Elfmeterschießen gelang. Das Drama bewog den Trainer Rafa Benitez, seinen Wohnsitz bis heute am River Mersey zu belassen. Lebenslange Verehrung ist ihm gewiss – ein Status, an dem auch Jürgen Klopp schon nah dran ist. Und den der 50-Jährige definitiv erreicht, wenn er es schafft, die Königlichen von ihrem fast schon angestammten Thron zu stoßen.

Menschenfänger bindet alle gern ein

„Verrückt wie verdient“, nennt Klopp diese Herausforderung – ähnlich wie einst beim FSV Mainz. „Wir haben wenig Erfahrung, aber viel Herz.“ Es sind Sätze, die Weggefährten aus dem Bruchwegstadion kennen. Mitunter peitschte der gebürtige Schwabe sich schon in Pressekonferenzen derart auf, dass die Akteure nicht anders konnten, als am Spieltag über Grenzen zu gehen. Auch an der Anfield Road folgen ihm Spieler, Fans und Journalisten, denn der Menschenfänger bindet sein Umfeld gern mit ein: „Wir sind in einer super positiven Phase einer ereignisreichen Saison, in der die Leute leicht zu euphorisieren sind.“

Dass die Plakate „Trust in Klopp“ (Vertrauen in Klopp) schon kurz nach seiner Ankunft im Oktober 2015 auftauchten, daran hat der mächtige Teammanager („Ich musste erst lernen, dass sich alles auf diese Person fokussiert“) gerade wieder erinnert: „Dass zwei Jahre danach die Plakate nicht eingerollt sind, ist die größere Leistung. Die Dinger müssten eigentlich vergilbt sein.“ Die typische Zustandsbeschreibung eines Entertainers, der für Unterhaltung bürgt – zuerst auf dem Platz, wo seine Mannschaft im stürmischen Umschaltspiel allein in der Königsklasse 46 Tore geschossen hat.

Die Play-off-Partien gegen die TSG Hoffenheim waren die Ouvertüre zur Roadshow Richtung Kiew. Alles sei nur möglich gewesen, betont der Nachfolger des glücklosen Brendan Rodgers, „weil sich die Mannschaft von der Erwartungshaltung ewig langer Geschichte gelöst hat“. Ewig auf die Vergangenheit aus den 1970er- und 1980er-Jahren angesprochen zu werden, in denen der Henkelpott allein viermal in die Arbeiterstadt wanderte, ist auf Dauer für die Gegenwart nicht hilfreich.

Kapitän Jordan Henderson nennt Klopp einen „fantastischen“ Chef. Von „einem der besten Trainer der Welt“ sprach kürzlich übrigens Kevin-Prince Boateng, der Anführer des Pokalsiegers Eintracht Frankfurt, der den Positivdenker aus seiner kurzen Zeit bei Borussia Dortmund schätzen lernte. Der energetische Coach begegnet ähnlich wie in Mainzer und Dortmunder Hochphasen beinahe allen Mitstreitern mit viel Empathie. Nur die bis heute nicht endgültig aufgeklärte Trennung von seinem ewigen Weggefährten Zeljko Buvac passt da nicht ins Bild.

Dennoch erinnert Liverpools Durchmarsch an den Dortmunder Siegeszug vor fünf Jahren, den erst der FC Bayern in letzter Finalminute stoppte. Damals, in einem Anbau des Wembleystadions, versprach Klopp vor der Weltpresse, dass er unbedingt zu solch einem Finale wiederkommen wolle. Er musste erst als „The Normal One“ an der Anfield Road anheuern, um sich diese Sehnsucht zu erfüllen. Und nun soll der Überzeugungstäter gleich noch einen finalen Makel tilgen. Es steht nun einmal in der Statistik, dass Klopp in seiner Karriere nur eins von sechs Endspielen – das DFB-Pokalfinale 2012 mit Dortmund gegen Bayern (5:2) – gewonnen hat.

Mit Liverpool verlor Klopp 2016 das Ligapokal-Endspiel gegen Manchester City und das Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla. „Silbermedaillen hängen sie auch in Melwood nicht auf“, sagt er lapidar. Borussen-Boss Hans-Joachim Watzke hält es indes für ausgemachten Blödsinn, seinen Kumpel dafür zu kritisieren. „Zwei Finals als Außenseiter zu erreichen, ist eine unfassbare Leistung.“

Für die Krönung seiner Karriere braucht es eine Ausnahmeleistung auf vielen Ebenen. Klopp könnte es bei seinem Spielstil entgegenkommen, dass er nach einer kräftezehrenden Saison mit 55 Pflichtspielen zwei Wochen Zeit zur Vorbereitung hatte – und die Champions-League-Teilnahme nächste Saison bereits eingetütet ist. In einem viertägigen Trainingslager im spanischen Marbella schottete er seinen Kader weitgehend ab. In Kiew geht es nun bis zum Anpfiff darum, aus der immensen Unterstützung so viel Antrieb wie möglich zu saugen. Oder wie Klopp sagt: „Jeder muss bereit sein, zu leiden. Wir werden der stärkste Gegner sein, den Real Madrid sich vorstellen kann.“

TV-Tipp: Das ZDF überträgt das Endspiel am Sonnabend ab 20.45 Uhr live.