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„Das Ladensterben hört in absehbarer Zeit nicht auf“

Matthias Schwarzbach, Chef der für Löbau und Zittau zuständigen IHK-Geschäftsstelle, über die Zukunft des Handels.

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© Matthias Weber

Von Thomas Mielke

Löbau-Zittau. Weihnachten steht vor der Tür – traditionell die Zeit mit den größten Umsätzen im Handel. Doch Jubel ist von den Geschäftsinhabern der Städte und Gemeinden schon lange nicht mehr zu hören. Höchstens ein „Wir sind zufrieden“ kommt den meisten noch über die Lippen. Zu stark knabbert der Online-Handel am Umsatz. Er wächst jährlich im zweistelligen Prozentbereich. Doch Amazon & Co. sind nicht die einzigen Probleme, die die Händler haben. Mit welchen sie noch zu kämpfen haben, wie sie den digitalen Wandel überstehen und wo künftig ihre Chancen liegen, sagt Matthias Schwarzbach, Leiter der Geschäftsstelle Zittau der Industrie- und Handelskammer, die zwischen Oppach und Ostritz über 1000 Einzelhandelsunternehmen vertritt:

Die Existenz vieler Läden hängt am Weihnachtsgeschäft. Aber auch das wird immer kleiner.
Die Existenz vieler Läden hängt am Weihnachtsgeschäft. Aber auch das wird immer kleiner. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Herr Schwarzbach, kaufen Sie online oder lokal im Laden ein?

Gemischt, das gebe ich ganz offen zu. Aber online kaufe ich immer weniger.

Weniger?

Ja. 1. mag ich es nicht, ein Paket zurückschaffen zu müssen. 2. Wenn ich mich schon durchgerungen habe, etwas zu kaufen, dann möchte ich es sofort haben. Die Lieferbedingungen des Online-Handels sind zwar inzwischen unglaublich – aber sofort geht nur im Geschäft. 3. Nur im Laden kann man mir sagen, ob mir ein Mantel oder eine Hose auch wirklich steht. 4. Bei Technik brauche ich Unterstützung, da lasse ich mich lieber vor Ort beraten. Und wenn etwas nicht funktioniert, kann ich guten Gewissens wieder zum Fachhändler gehen. Und 5. Mir gefällt es nicht, wenn ich ständig nach einem Kauf Werbung zu Produkten aus diesem Bereich im Internet angezeigt bekomme.

Ist der boomende Online-Handel der Hauptgrund, dass es vielen Händlern vor Ort nicht so gut geht?

Jein. Auch, aber es gibt viele Gründe. Oft ist die Sortimentsvielfalt zu klein. Wenn ich mir einen Anzug kaufen müsste, ist die Vielfalt zum Beispiel in Dresden viel größer. Auf der Prager Straße sind Wöhrl, Peek & Cloppenburg und Karstadt direkt nebeneinander. Hier finde ich garantiert etwas. Dazu kommt der Faktor Freundlichkeit. Wenn ich die Gesichter von manchen Verkäufern in der Oberlausitz sehe, habe ich gleich keine Lust mehr, in ihren Laden zu gehen. Zudem ist einiges auf dem Stand der 90er Jahre stehengeblieben.

Was denn?

Viele Geschäfte haben kein modernes Ambiente und eine Renovierung nötig. Die Zyklen im stationären Handel werden immer kürzer; derzeit werden im Durchschnitt die Geschäfte aller sieben Jahre erneuert. Das schafft hier so gut wie niemand.

Warum geht die Zahl der Geschäfte von kleinen Einzelhändlern noch zurück?

Ich bin ein gebranntes Kind, weil meine Frau einen Laden in Ostritz hatte. Ich kenne also die Probleme. Als kleiner Händler kann man nicht die Preise machen, die betriebswirtschaftlich notwendig wären, um davon auskömmlich zu leben. Einzelhändler sein bedeutet oftmals Selbstausbeutung. Man hat kaum Urlaub, steht immer im Laden. Eine Vertretung können sich viele nicht leisten. Das wollen kaum noch junge Leute.

Heißt das, dass die Innenstädte aussterben und sich die Stadtplaner überlegen müssen, was aus den Läden wird?

Dieses Thema treibt mich persönlich um. Ich bin studierter Architekt mit Schwerpunkt Städtebau. Daher weiß ich, dass die Innenstädte ohne Händler nicht funktionieren. Wenn es uns also nicht gelingt, den Handel zu retten, werden die Städte totfallen. Zudem befinden wir uns in einem Teufelskreis: Eigentlich müssten wir – wie beim Wohnungsbau – auch beim Handel Städte von außen nach innen schrumpfen. Das geht aber nicht, weil die Märkte in den Randlagen bessere Bedingungen mit viel Platz für Sortimente und Parkplätze haben.

Was kann getan werden, damit die Läden und die Städte nicht aussterben?

Vieles. Die Städte müssen im Rahmen ihrer Planungshoheit ein ordnendes Prinzip einführen. Die Stadt Zittau zum Beispiel bemüht sich mit ihrem Einzelhandelskonzept zum Schutz des Innenstadt-Handels schon sehr. Städte, die so etwas nicht haben, werden verlieren. Der Handel muss sich neu erfinden. Dazu gehört als erster Schritt eine Nabelschau. Ich sage immer zu den Händlern: Geh mal in dein eigenes Geschäft und frage dich, ob du dich dort als Kunde wohlfühlen würdest. Dazu kommt: Passen die Öffnungszeiten, sind sie einheitlich? Passt die Ausstattung? ... Wir werden auch noch mehr Instrumente wie den „Feuerzauber“ in Ebersbach-Neugersdorf oder „Ring on Feier“ in Zittau erfinden müssen, um die Innenstädte zu beleben. Dazu sind Citymanager in Ebersbach-Neugersdorf, Löbau und Zittau nötig, die Sprachrohr, Kümmerer und Organisatoren sind. Die Händler schaffen das allein nicht. Zudem brauchen wir hier in der Grenznähe stärker den tschechischen Kunden. Dabei können und wollen wir als IHK helfen.

Wie wollen Sie das machen?

Wir bieten das Wissen der Mitarbeiter unseres Kontaktzentrums an. Wir verfügen über Kontakte zu tschechischen Medien und Einrichtungen, die wir zum Beispiel bei der Werbung einbringen können. Werbung funktioniert in Tschechien ganz anders als bei uns. Die Tschechen wollen die W-Fragen beantwortet haben, während deutsche Werbung eher auf das Image einer Marke setzt. Ein deutsches Prospekt einfach ins Tschechische zu übersetzen, reicht also nicht.

Bekommt Zittau zum 1. Januar einen Citymanager?

Ich glaube nicht. Wir sind auf eine Förderung angewiesen und es sieht nicht so aus, als würden wir noch in diesem Jahr einen Zuwendungsbescheid erhalten, denn wir müssen noch Hausaufgaben erledigen. Aber da machen die Stadt Zittau und auch ich Druck. Außerdem müssen wir auch noch einen passenden Mitarbeiter finden.

Wie steht es um Ebersbach-Neugersdorf und Löbau?

In Löbau ist der Einsatz eines Citymanagers nicht abzusehen. In Ebersbach-Neugersdorf ruht das Projekt, weil mein Ansprechpartner aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden ist. Ich persönlich möchte jetzt auch erst einmal Zittau zum Laufen bringen, um damit dann in Löbau und Ebersbach-Neugersdorf werben zu können.

Würde eine gemeinsame Online-Plattform den Händlern helfen?

Den Zahn hat mir ein Fachmann gezogen. Die Leute googeln im Internet nach Produkten. In der Trefferliste tauchen regionale Plattformen aber erst unter ferner liefen auf. So eine Plattform funktioniert nur mit einem starken Partner, in der Regel mit einem Medienpartner. Allerdings wünsche ich mir, dass die Händler beginnen, ihr Angebot online zu stellen, ohne es gleich online zu verkaufen. Bevor ich zum Beispiel zu einem Händler fahre, weil ich einen Anzug brauche, wüsste ich gern, ob er etwas Passendes hat.

Sehen Sie eine Chance, dass das Ladensterben in absehbarer Zeit aufhört?

Kaum, vor allem aus zwei Gründen: Zum einen gehen in den nächsten zehn Jahren gefühlt 50 Prozent der Händler in Rente. Sie werden keinen Nachwuchs finden, solange es so ist, dass der Lebenspartner den Lebensunterhalt eines Händlers sichern muss. Zum anderen ist noch viel zu wenig bei Themen wie Verkaufserlebnis und Kundenbindung passiert. Ein Beispiel: Wenn ich früh zum Hartmann-Bäcker in Ostritz komme, legt mir die Verkäuferin drei Brötchen meiner Lieblingssorte zur Auswahl; das für mich schönste kaufe ich. Würden Sie bei einem solchen Service den Bäcker wechseln? Ich nicht. Erst wenn wir in allen Bereichen so weit sind, ist mir um den Einzelhandel nicht mehr bange.

Kauf lokal ist eine Initiative, mit der die SZ den Wandel im Einzelhandel publizistisch konstruktiv begleitet, um unsere Innenstädte zu beleben.

www.kauf-lokal-sachsen.de