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Das langsame Sterben der Videotheken

Die Video-World-Filiale in Pieschen schließt. Wie steht es in Dresden um die Branche?

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© René Meinig

Von Sarah Grundmann

Dresden. „Räumungsverkauf“ prangt in großen Lettern an den Schaufenstern der Video-World-Filiale auf der Leipziger Straße. Die Regale haben sich bereits geleert. Denn schon ab Dienstag gehen die Türen in dem Pieschener Geschäft nicht mehr auf. In Dresden ist es nicht der erste Laden der Kette, der schließen muss. Sterben die Videotheken langsam aus?

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„Ich würde nicht von einem Sterben sprechen. Die Schallplatte wurde auch totgesagt, jetzt kommt sie wieder“, sagt Angela T., Geschäftsführerin von Video World in Dresden. 1990 hat das Unternehmen die erste Filiale in der Landeshauptstadt eröffnet. Dann ging es zunächst recht rasant, immer mehr Zweigstellen kamen dazu. „In den vergangenen sechs Jahren ist es allerdings schwierig geworden und Expansionen blieben aus“, räumt T. ein. So mussten beispielsweise die Filialen in der Bautzner und der Ackermannstraße schließen, nun auch das Geschäft in der Leipziger Straße. Nur in der Reisewitzer, der Breitscheid- und der Schandauer Straße konnte sich die Kette noch halten.

Die Geschäftsführerin hat ihre eigene Erklärung für die Probleme: „Die Kunden sind ausleihmüde geworden“, sagt sie. Vor allem unter den Jugendlichen hätten sich auch die Freizeitaktivitäten verändert. „Früher konnten sie es gar nicht erwarten, mit 18 Jahren eigene Filme, auch für Erwachsene, auszuleihen“, so T. „Jetzt wird viel Zeit mit sozialen Netzwerken, wie Facebook, Online-Spielen oder beim Public-Viewing verbracht.“ Legale und illegale Online-Plattformen, die Filme zum Herunterladen anbieten, seien ihrer Meinung nach nicht unbedingt Schuld an den Problemen der Ausleih-Geschäfte.

„Ich finde, es gibt weiterhin gute Gründe, in eine Videothek zu gehen“, sagt die Video-World-Leiterin. So können Kunden sich dort von den Mitarbeitern beraten lassen, es sind Filme vorhanden, die auf Online-Portalen nicht angeboten werden, und Streifen sind mitunter auch früher verfügbar – zumindest als auf den legalen Plattformen. Für Filialleiter gelte es nun, dieses Potenzial geschickt zu nutzen. „Das betrifft ja nicht nur Video World. Generell ist das Netz an Videotheken in Dresden dünner geworden“, sagt T.

Rettung durch Stammkunden

So kämpfte in diesem Jahr auch die Neustädter Kult-Videothek Phase IV ums Überleben. Inhaber Sven Voigt wollte sein Geschäft auf der Königsbrücker Straße eigentlich Ende März schließen. Das Aus für die Programm-Videothek, die neben Nischenfilmen durchaus auch Blockbuster im Angebot hat, konnte nur durch das Engagement der Stammkunden gerettet werden. Die hatten auf die Schließung mit einem Aufschrei in den sozialen Netzwerken und vor Ort reagiert.

Schnell war die Idee einer Crowdfunding-Aktion geboren, damit Voigt mit seinem Geschäft auch noch den elften Geburtstag im kommenden Jahr feiern kann. 29 000 Euro wollte der Inhaber sammeln, stattdessen spendeten die Kunden aber sogar über 39 000 Euro. Damit gewinnt Voigt Zeit und entwickelt nun ein neues Konzept. Außerdem bemühe er sich um eine Kulturförderung. Außerdem soll bis zum Herbst ein Förderverein gegründet werden, der die Phase IV unterstützt. Hier sollen sich Kunden engagieren können.

Und auch in den Städtischen Bibliotheken macht sich die Ausleihmüdigkeit der Dresdner seit einiger Zeit bemerkbar, jedoch nicht so stark. Denn bis vor drei Jahren stieg die Zahl der entliehenen Filme kontinuierlich an. 2014 kam dann der große Bruch: Mit gut 1,1 Millionen Ausleihen sank die Nachfrage um über fünf Prozent, im vergangenen Jahr wurden es noch einmal rund 10 000 weniger. Trotzdem wird der Bestand jährlich aufgestockt, wie Pressesprecherin Elke Ziegler mitteilt.

„In der Ausleihbranche gibt es seit über zehn Jahren einen Rückgang“, sagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer des deutschen Interessenverbandes für Video- und Medienfachhandel. So gab es 2014 in ganz Sachsen noch 80 Videotheken, im vergangenen Jahr waren es nur noch 65. „Das Hauptproblem sind illegale Download-Portale. Sie sind schneller und natürlich günstiger. Schließlich sind sie kostenlos“, sagt der Experte.

Genau wie die meisten Videotheken liegt auch in den Plattformen das Hauptaugenmerk auf den aktuellen Kinofilmen. Sich deshalb auf Nischen-Streifen zu konzentrieren, will der Fachmann aber nicht raten: „Ein spezielles Angebot interessiert auch immer nur ein spezielles Publikum. Programmvideotheken funktionieren eigentlich nur in Großstädten.“ Generell könne der einzelne Besitzer, aber auch die Kette, kaum etwas ausrichten. „Das ist eine Frage der Politik und der Gesetze“, urteilt der Experte.

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