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Das Leben nach dem Vorher

© René Meinig

Mit Rugby und seiner Rollstuhlfahrschule kämpft Dirk Schmidt spielerisch für Fair Play.

Von Nadja Laske

Begeisterung sieht anders aus. Dirk Schmidt ist platt. Zumindest tut er so und staunt: „Was, du willst nicht Rugby spielen?“, fragt er das blonde Mädchen vor sich. Die 13-Jährige schüttelt sacht aber bestimmt den Kopf und sieht aus, als wolle sie davonlaufen. Aber das geht nicht so einfach. Ihre Beine sind für Flucht nicht gemacht. Das Laufen fällt ihr schwer.

Deshalb ist sie mit ihren Eltern zum Behindertensporttag in die Margonarena gekommen. Es wäre so schön, Sport zu treiben, doch für Kinder wie sie gibt es kaum Angebote. Kinder, die nicht über Fußballplätze hetzen und Tartanbahnen entlangsprinten können. Mädchen und Jungen, die auf der Bank sitzen, wenn andere springen und klettern. Dirk nickt. Er kennt das Problem. Aber was ist mit Rollstuhlrugby? Das kann jeder, egal ob er gut, schlecht oder gar nicht läuft.

Vom Spielfeld in der Mitte der Großturnhalle klingt dumpfes Krachen und lautes Lachen. Dort flitzen sechs Rollifahrer einem Ball hinterher und hindern ihre Gegner rabiat daran, das Leder ins Tor zu bringen. Was nach Karambolage aussieht, macht Laune und gehört zu Rugby eben dazu. Nach Abpfiff wird eine Spielerin verschwitzt und glücklich aus ihrem Rollstuhl springen. Das ist die Chance für zögerliche Zöglinge: rein, festschnallen, los!

Neben dem Sport, den Dirk Schmidt seit vielen Jahren treibt, ist Überzeugungsarbeit seine Paradedisziplin. Wer sollte sie besser beherrschen als der Typ mit dem raspelkurzen Haar, mit Tunnelohrringen und Tattoo? Hat er doch die größte Kraft dafür aufgebracht, sich selbst zu überzeugen – davon, weiterleben zu wollen. Damals, als ein Autounfall eine neue Zeitrechnung für ihn schrieb. Vorher und nachher.

Vorher war Schule, Ausbildung, Beruf, Frau, Kind, Haus. Alltag auf dem Dorf. Erst 22 Jahre jung hatte er gepackt, wofür andere doppelt so lange brauchen. Dann ging er zur Bundeswehr, wurde Berufsoffizier. Auf dem Weg zur Arbeit wartete das Unglück. Damit begann das Nachher. Am Ende der letzten Spielminute springt Dirk nicht aus dem Rolli. Seit der Halswirbelfraktur gehört der fahrbare Untersatz fest zu ihm.

„Nach zehn Monaten Reha habe ich beschlossen, nicht nach Hause zurückzukehren“, erzählt er. Das Leben im Ländlichen verhieß ihm Unbeweglichkeit, Enge, Einsamkeit. Die Liebe litt. Dirk trennte sich von seiner Frau, zog in eine kleine Wohnung in Prohlis und plante den Bau seines neuen, rollstuhlgerechten Zuhauses. Es sollte ihm einen Teil seiner Eigenständigkeit zurückgeben und ihn vor mitleidiger Gesellschaft bewahren. Freunde, Familie, Dirk kappte die Seile. „Aber irgendwann holt es dich ein“, sagt er. „Wer behauptet, in einer solchen Situation keine Depression zu bekommen, dem glaube ich nicht.“ Das schwarze Loch sog auch ihn ein, den Entschiedenen und Willensstarken.

Dirk nestelt an seiner schwarzen Gürteltasche, die er immer bei sich trägt. Sie hat ihm den Weg ins Jenseits verwehrt. Sie lag auf der Küchenanrichte, wie immer, wenn er zu Hause ist. „Eine Bekannte kam vorbei, um mir Papiere zu bringen, und sah die Tasche durchs Fenster liegen.“ Dass er nicht öffnete, machte sie stutzig. Sie rief die Polizei. Das hat Dirk Schmidt das Leben gerettet. „Seitdem ist das Thema erledigt, ich habe nie wieder aufgeben wollen.“

Im Gegenteil. Dirk hat den Verein INDD – Inklusion in Dresden e.V. und eine Rollstuhlfahrschule gegründet. Nicht nur am Behindertensporttag, bei dem sich jedes Jahr zahlreiche Vereine vorstellen, ist er mit einem Parcours vor Ort. Seine handwerkliche Begabung hat er in einen Hindernislauf für Rollifahrer fließen lassen und eine Strecke voller Tücken kreiert, wie nur die Realität sie zu bieten hat: Steigungen, Absätze, Unebenheiten. Ketten über die Bahn gespannt wirken beim Fahrtraining wie Stöckchen, die ein Sturm zu Boden geworfen hat. Ein dickes Tau ist ebenso schwer zu überwinden, wie etwa ein Wasserschlauch, der über einem Fußweg liegt, und das Fahren über eine Schaumstoffmatte fühlt sich an wie Sand und Matsch. In der Rollifahrschule lernt, wer es für den Alltag braucht. Wer nicht, beginnt zu ahnen, was Alltag im Rolli bedeutet. Die Erfahrung Rollstuhl baut Berührungsangst und Ignoranz ab.

Dafür allerdings hat Dirk ein noch besseres Rezept: Es heißt Rugby. Über Jahre hat er ausreichend Sportrollstühle gesammelt, aus zweiter Hand oder von Spendern finanziert, sodass er eine ganze Mannschaft spielen lassen kann. Vor allem in Schulen, aber auch auf öffentlichen Veranstaltungen. Nicht jeder Gehende setzt sich in einen Rollstuhl, ohne zu fremdeln. Aber: Kein Rolli, kein Rugby, kein Fez.

Wer geht, wer rollt durchs Leben? Solange der Ball im Feld kreist, sind alle Spieler gleich. So dreht sich manche Denke.

www.inklusionindresden.de