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Das Millionenspiel hat begonnen

Die Pleite der Air Berlin ist vor allem für die Lufthansa gut. Ihr ärgster Gegner bleibt außen vor – und spricht von Komplott.

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© Robert Michael

Von Christian Ebner, Steffen Weyer und Rolf Obertreis

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat stets drei Hindernisse für eine Komplettübernahme der Air Berlin genannt: die horrenden Schulden, das Kartellrecht und die hohen Produktionskosten der Berliner. Mit der Insolvenz zeichnet sich die Zerschlagung von Deutschlands zweitgrößter Airline ab, bei der Spohrs Bedenken zumindest zu großen Teilen gelöst werden könnten. Im immer rasanter werdenden Airline-Monopoly Europas hat der Kranich-Konzern gerade einen Lauf – während die Konkurrenz nicht recht zum Zuge kommt.

Nach Aussagen von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) will die Bundesregierung die Erbmasse von Air Berlin in den Händen der Lufthansa sowie zweier weiterer Airlines sehen. Insidern zufolge sind Easyjet und Tuifly beim Millionenspiel dabei, Interesse hat auch Condor geäußert.

Als sicher gilt, dass die bereits an die Lufthansa vermieteten 38 Mittelstrecken-Flugzeuge weiter für deren Töchter Eurowings und Austrian unterwegs sein werden. Spohrs Blick richtet sich darüber hinaus wohl vor allem auf die Langstreckenflotte von Air Berlin. Die 17 Airbusse A330 könnten die noch kleine Fernsparte der Lufthansa-Tochter Eurowings pushen. Für Easyjet könnten vor allem die Europa- und Inlandsflüge von Air Berlin attraktiv sein.

Wer was bekommt, dürfte sich vor allem aus kartellrechtlichen Erwägungen ergeben, sagt Luftverkehrsberater Gerd Pontius. Monopole auf einzelnen Strecken müssten unbedingt verhindert werden, um Kritikern keine Angriffspunkte zu liefern.

Die Aufspaltung von Air Berlin könnte auch die deutsche Ferienflieger-Branche durcheinanderwirbeln. Reiseveranstalter wie Tui, Thomas Cook (Neckermann Reisen), DER Touristik oder FTI schicken bisher viele ihrer Kunden mit Air Berlin zu Sonnenzielen etwa ans Mittelmeer. Inzwischen liegt Air Berlins Ferienflug-Geschäft bei ihrer österreichischen Tochter Niki, die noch keine Insolvenz beantragt hat. Ihre Zukunft ist völlig offen. Sie ist mit insgesamt 35 Jets unterwegs, 14 davon hat sie samt Besatzungen von Tuifly geleast. Nach der Pleite könnten diese Maschinen schnell auf dem Hof der Tuifly stehen – auch wenn deren Chef Fritz Joussen bisher lieber weniger eigene Flugzeuge betreiben wollte, zumal Tuifly-Piloten ähnlich gut verdienen wie ihre Kollegen bei der Lufthansa.

Die arabische Fluglinie Etihad hat spätestens mit der Insolvenz von Air Berlin ihre internationale Beteiligungsstrategie begraben. Die Airline aus Abu Dhabi hat den Stecker bei Air Berlin schneller als erwartet gezogen. Die Milliardensummen, die sie in Air Berlin und die ebenfalls in der Insolvenz steckende Alitalia gepumpt hat, muss sie wohl abschreiben.

Neben der Lufthansa sollen noch mindestens zwei Gesellschaften aus der Air-Berlin-Erbmasse bedient werden. Der große Lufthansa-Konkurrent und Passagier-Europameister Ryanair kocht deshalb vor Wut. Denn sie sind nicht dabei. Die Iren vermuten hinter Insolvenz, staatlichem Überbrückungskredit und anschließender Zerschlagung ein „offensichtliches Komplott“ der deutschen Airlines mit der Politik. Der nationalen Wettbewerbskontrolle traut Ryanair keine unabhängige Entscheidung zu und legt daher gleich Beschwerde bei der EU ein.

Der Druck dürfte steigen

Doch die Iren dürften mit ihrer Beschwerde beim Bundeskartellamt und der EU-Wettbewerbskommission in der jetzigen Situation kaum durchkommen. Dieser Schritt sei zum jetzigen Zeitpunkt unpassend, sagt Christoph Schalast, Übernahme- und Europarechts-Experte.

„Der Vorwurf eines angeblichen Komplotts von Bundesregierung, Lufthansa und Air Berlin, um Wettbewerber von der Übernahme von Teilen von Air Berlin auszuschließen, ist Unsinn. Es ist noch überhaupt nichts entschieden. Sollten Entscheidungen vorliegen, kann Ryanair bei den Kartellbehörden Beschwerde einlegen.“ Ob Lufthansa am Ende wirklich der große Gewinner des Niedergangs von Air Berlin ist, halten Experten im Übrigen nicht für ausgemacht. „Für Lufthansa könnte es wieder schwieriger werden“, sagt Analyst Hoymann. „Zuletzt war Air Berlin flügellahm. Wenn jetzt aggressive Anbieter wie Easyjet in größerem Stil in den Markt eindringen, ist von dieser Seite mehr Wettbewerbsdruck zu erwarten als zuletzt von Air Berlin.“ (mit dpa)