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Das Nonplusultra für die Unpopulären

Für ein Akrobatik-Duo aus Sachsen sind die World Games der Karriere-Höhepunkt. Es ist das Fest für die nichtolympischen Sportarten.

© Handout EM

Von Michaela Widder

Ein bisschen ungerecht ist es schon. Michail Kraft ist 52 Kilo leicht und muss in den nächsten Tagen dennoch extrem auf sein Gewicht achten. Schon 500 Gramm mehr, und sein Partner Tim Sebastian hätte deutlich mehr Mühe, ihn durch die Luft zu wirbeln. Der Dresdner ist dagegen mit 80 Kilo ein stattlicher Kerl, kann so viel essen, wie er will. „Ich gehe einfach zweimal ans Büfett“, sagt Tim Sebastian und lacht dabei. „Und Micha muss Sättigungsbeilagen wie Nudeln so gut wie weglassen.“

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Akrobatisch und ziemlich cool: Der Dresdner Tim Sebastian (u.) und Michail Kraft aus Riesa. Foto:
Akrobatisch und ziemlich cool: Der Dresdner Tim Sebastian (u.) und Michail Kraft aus Riesa. Foto: © Thomas Kretschel

Das Gewicht, insbesondere das Verhältnis zwischen Ober- und Untermann, spielt in der Akrobatik eine große Rolle, und vor dem wichtigsten Wettkampf ihres Lebens wollen sie diesen Faktor optimal ausloten. Tim Sebastian und Michail Kraft starten bei den World Games im polnischen Breslau, die am Donnerstag offiziell eröffnet wurden. Es ist das Festival der Sportarten, die am Rande stehen – die nichtolympischen. „Die World Games sind das Nonplusultra, das Höchste, was wir in unserem Sport erreichen können“, sagt Tim Sebastian. „Wenn du da einmal im Leben hinkommst, ist das was ganz Besonderes.“

Die Sportkarrieren dauern bei den Sportakrobaten im Erwachsenenalter meist nur zwei, drei Jahre. Das liegt vor allem daran, dass sich die Körper zunehmend angleichen und damit einzelne Übungen nicht mehr machbar sind. Bei Tim Sebastian, 22, und seinem 17-jährigen Partner funktioniert noch das Zusammenspiel, aber der Ältere weiß um die einmalige Chance. Die Weltspiele werden nur alle vier Jahre ausgetragen. „Wir sind die einzigen deutschen Akrobaten, die sich direkt qualifiziert haben“, erklärt er. Das Duo hatte mit einem sechsten Platz bei der WM im Vorjahr die Quali für die World Games geschafft – und hofft am Dienstag in der Jahrhunderthalle auf den Finaleinzug der besten vier. „Dann kann man vielleicht auch von einer Medaille träumen“, sagt der DSC-Athlet. Für den Karriere-Höhepunkt haben sie viel in der Riesaer Sporthalle geschuftet. Weil Tim Sebastian nebenbei 20 Stunden als Stahlbetonarbeiter arbeitet und außerdem ein Studium zum Bauingenieur in Dresden begonnen hat, fällt die intensivste Trainingszeit oft aufs Wochenende, dann waren es oft 15 Stunden an zwei Tagen.

Die EM-Dritten von 2015 hoffen auf etwas Olympia-Flair mit Tausenden Sportlern, Party im Deutschen Haus und einheitlicher Kleidung. Ihr 15-teiliges Set fällt allerdings im Vergleich zum Rio-Outfit, das 75 Teile umfasste, deutlich bescheidener aus. „ Wir sind happy, dass wir überhaupt was bekommen, sonst müssen wir Trainingsanzüge für die Nationalmannschaft selbst bezahlen“, erklärt Tim Sebastian.

Die Akrobaten sind zwar vom IOC als olympische Sportart anerkannt, versuchten bisher jedoch vergeblich, ins Programm zu kommen. 2018 wird man erstmals bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires vertreten sein. Diese gelten als Testlauf für Olympia 2024. Wie realistisch das ist, will Bundestrainer Igor Blintsov nicht einschätzen, seine Aussage ist ernüchternd: „Wir fühlen uns nicht als kleiner Bruder der olympischen Familie, sondern als Freund vom kleinen Bruder.“ Eine sportliche Zukunft im Zeichen der Ringe winkt dagegen den Sportkletterern, die in Breslau sind und 2020 erstmals auch bei den Olympischen Spielen in Tokio am Start sein dürfen. Es ist aber die Ausnahme, dass eine Sportart den Sprung von den World Games zu Olympia schafft.

Es gibt auch den umgekehrten Weg. Ein Sport mit langer Tradition war mal olympisch – und ist jetzt Teil der Weltspiele: Beim Tauziehen kommen eigentlich eher Erinnerungen an Ferienlager und Kindersportfeste auf. Doch um die Jahrhundertwende haben sich nur die stärksten Männer in dieser olympischen Disziplin behauptet. Die Teilnehmer waren so bunt durcheinandergewürfelt wie bei keiner Sportart sonst: Kugelstoßer, Ringer und Kraftsportler waren mit am Seil. Als Experten galten Hafenarbeiter oder Polizisten. 1906 in Athen gewannen die Deutschen Gold, 1920 wurde das Tauziehen aus dem Programm gestrichen.

Die meisten der fast 30 Sportarten haben allerdings weder eine olympische Vergangenheit noch eine Zukunft auf der weltgrößten Sportbühne. Dafür sind sie trendy: Es gibt Entscheidungen beim Flying Disc, also mit dem Frisbee, im Kampfsport Muay-thai, beim Wakeboarden oder beim Petanque – einem Kugelspiel, das dem Boule ähnlich ist. Eine der vier Einladungssportarten zusammen mit Indoor-Rudern, Kickboxen und Speedway ist American Football. Ein Sextett von den Dresden Monarchs gehört in Breslau zum Team.