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Das Salz dieser Erde

Tief unter der Magdeburger Börde gibt es eine eigene Stadt aus weitverzweigten Röhren und Straßen. Was hier abgebaut wird, lässt weltweit Pflanzen sprießen. Das Kali beschert der Region viele Arbeitsplätze und weiß schimmernde Berge.

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Von Rochus Görgen

Der Weg zum Rohstoff in der Tiefe ist weit, aber schnell. Mit einem Aufzug für 92 Mann geht es abwärts, acht Meter in der Sekunde. „Pro 100 Meter wird es drei Grad wärmer“, sagt Ulf Hölzl, der Grubenleiter. Wer hier mitkommen will, braucht einen Helm und eine Lampe. Leichte Kleidung ist bei teils deutlich über 30 Grad angesagt, Unterwäsche und darüber ein Overall reichen völlig. Immer mit dabei ist ein Kasten für die Sauerstoffversorgung im Notfall. Man weiß ja nie. In 700 Metern Tiefe steigt der 49-Jährige in seinen Jeep. Fernlicht an, dann geht es rasant durch dunkle Tunnel zu den aktuellen Abbaugebieten. Die aus dem Gestein geschlagenen Straßen sind gewunden. Mal geht es bergauf, mal bergab, immer da lang, wo einst das Kali lagerte. Es ist menschenleer hier, nur ab und an kommen schwere Schaufellader entgegen.

Die Röhren ähneln den Gängen in einem weitverzweigten Maulwurfsbau. Auf 48 Kilometern dehnen sich die unterirdischen Kalifelder von Zielitz nördlich von Magdeburg aus, größer als das gesamte Stadtgebiet von Berlin. Rund 800 Kilometer Straße liegen in bis zu 1 200 Metern Tiefe. In Zielitz steht eines der größten Kaliwerke der Welt. Der Konzern K+S aus Kassel fördert hier den Rohstoff, der als Dünger in der Landwirtschaft das Wachstum der Pflanzen antreibt. Und es wird immer mehr Dünger benötigt – denn der Hunger der Weltbevölkerung wächst.

Hinter einem Abzweig endlich Licht. Hier arbeitet Torsten Mehnert. „Das war mein Wunschberuf“, sagt der 45-Jährige. Früher war der Facharbeiter aus dem thüringischen Artern in einem Baumarkt beschäftigt. Hier hat er mehr Verantwortung. „Die eigenständige Arbeit ist interessant“, sagt Mehnert. „Der Bergmann ist ja heute alleine auf sich gestellt.“

Dass Bergbau ‹auch immer noch gefährlich ist, hat sich erst Ende November gezeigt, als ein 48-jähriger Bergmann von einem herabstürzenden Steinbrocken erschlagen wurde. Er war bereits der zweite Tote in diesem Jahr, nach einem ähnlichen Unglück im März. Doch Unfälle seien bei K+S insgesamt seltener als im produzierenden Gewerbe, betont das Unternehmen. „Die häufigsten Unfälle sind Ausrutschen und Umknicken“, sagt Ulf Hölzl, der in den 80er-Jahren in Moskau Bergbau studiert hat. Denn die Sicherheitsmaßnahmen sind streng. Penibel wird festgehalten, wer sich gerade wo aufhält. Das muss auch so sein, denn: „Wir verbrauchen etwa 20 Tonnen Sprengstoff – pro Tag.“ Geliefert wird aus einer konzerneigenen Fabrik.

Mit einer Fernbedienung steuert Bergmann Torsten Mehnert ein Fahrzeug, das Sprenglöcher ins Gestein bohrt. 120 Löcher mit wenigen Zentimetern Durchmesser, der Computer im Fahrzeug übernimmt die genaue Positionierung der riesigen Bohrmaschine. Fühlt er sich an seinem Arbeitsplatz in der Tiefe nicht eingeengt von den Gesteinsmassen? „Nein, es ist ja genug Raum.“ Immerhin: 15 Meter breit sind hier die Röhren, sieben Meter hoch ist es bis zur Decke. Mehrere Teams sind rund um die Uhr in den Röhren beschäftigt: Löcher bohren, den Sprengstoff einfüllen, die Explosion auslösen, die Sicherung der Decken und der Abtransport des gelösten Gesteins. Nur sonntags ruht die Förderung.

Sebastian Laaß fährt einen riesigen Schaufellader. 17 Tonnen kann das Ungetüm auf die Förderbänder kippen. „Es kommt einem gar nicht so vor, als ob man hier in der Erde ist“, sagt der 21-Jährige. Wie bei vielen Mitarbeitern war auch sein Vater schon im Bergbau tätig. „Er war der Grund, warum ich mich hier beworben habe.“ Und die Aufstiegschancen locken, Laaß will über den Betrieb noch studieren.

Tief unter der Magdeburger Börde, berühmt für ihre fruchtbaren Äcker, ist eine komplette Infrastruktur entstanden. Wie eine kleine Stadt unter Tage. Werkstätten für Wartung und Zusammenbau der rund 530 Fahrzeuge, eine eigene Tankstelle, oder auch ein Simulator für die großen Maschinen, denn die Steuerung ist fast so komplex wie in einem Flugzeug. Selbst eine Grubenverkehrsordnung und spezielle Führerscheine gibt es hier – und Bußgelder, wenn mal eine Lampe defekt ist. Nur geblitzt wird unter Tage nicht. Bei 50 Kilometern pro Stunde werden die Fahrzeuge automatisch abgeregelt.

Das Kaliwerk ist in der strukturschwachen Gegend nördlich von Magdeburg einer der größten Arbeitgeber. Mehr als 1 800 Mitarbeiter hat das Werk – und zahlt schon lange West-Löhne. Die Schächte wurden in den 60er-Jahren angelegt, über die Jahrzehnte wurden die Röhren immer weiter- getrieben. Sie gehen unter Feldern und Wäldern durch, unterqueren Straßen, Gleise und sogar die nahe gelegene Elbe.

Das Werk in Zielitz ist dabei der Ausgangspunkt und das Nadelöhr: Alle Personentransporte erfolgen dort über nur einen Schacht. Über einen anderen Schacht kommen täglich rund 40 000 Tonnen Rohsalz ans Licht. Laut K+S ist er damit der größte einzelne Förderschacht der Welt.

Vor dem Zusammenbruch der DDR hatte der Kaliabbau in Zielitz sogar 3 500 Arbeitsplätze. Über die Treuhand ging das Werk dann auf die Aktiengesellschaft K+S, die frühere Kali und Salz AG, mit Sitz in Kassel über. Während Anfang der 90er im Kaliwerk Bischofferode Hungerstreiks der Kumpel das Ende des Kaliabbaus in Thüringen nicht verhindern konnten, wurde in Zielitz jeder zweite Job gerettet. Heute wird mehr Kali gefördert als zu DDR-Zeiten.

Und die Jobs gelten als sicher. Die Vorräte unter Tage dürften noch für Jahrzehnte reichen. Der Absatz ist seit Beginn der 90er-Jahre ständig gestiegen, doch die Finanzkrise ließ die Nachfrage zuletzt einbrechen. Auch die über Jahre gestiegenen Preise fielen auf unter 350 Euro die Tonne. 2014 sollen in Zielitz wieder die bisherigen Produktionsrekorde erreicht werden mit zwölf Millionen Tonnen Rohmaterial-Förderung. Mehr gibt die Anlage nicht her.

Doch bevor der Rohstoff aus der Erde in bare Münze umgewandelt werden kann, sind noch aufwendige Bearbeitungsschritte notwendig. Das geschieht in einer großen Fabrikhalle über Tage. Hier stehen riesige Kübel Reihe an Reihe über mehrere Etagen. Das Rohsalz wird zunächst in Wasser gelöst. Dann kann das Kaliumchlorid maschinell als Schaum von der Oberfläche abgeschöpft werden, tief unten sammelt sich das Restsalz. In mehreren Schritten steigt die Kaliumchlorid-Konzentration, danach wird das Material zu einem körnigen Dünger getrocknet.

Die Fabrikhalle stammt noch aus den Anfängen der Kaligewinnung in Zielitz, der Rost nagt überall. Denn das Salz greift Bauwerk und Kessel heftig an. Regelmäßig müssen die großen Kübel ausgetauscht werden. Nebenan steht noch eine viel kleinere Fabrik, wo alles blitzblank sauber ist. Hier werden wesentlich kleinere Mengen Kaliumchlorid in Lebensmittelqualität hergestellt. Es kann als Ersatz für Kochsalz in der Lebensmittelindustrie oder für chemische Prozesse genutzt werden, ist aber auch teurer als das Produkt für den Dünger. Anfang November legte das Unternehmen den Grundstein für eine weitere Fabrik, die ein spezielles Kaliumchlorid für die Industrie herstellen soll. 21 Millionen Euro werden investiert.

Wo Kali aus der Erde geholt wird, wachsen überirdisch Berge in den Himmel, es sind die größten Berge zwischen Magdeburg und Ostsee. Die Einheimischen nennen die weiß schimmernden Abraumhalten Kalimandscharo, es gibt regelmäßige Führungen dort hinauf.

Doch aus dem Bergwerk kommt nicht nur viel Material, hier wird auch Müll entsorgt. Jedes Jahr werden rund 11 000 Tonnen Sondermüll in eine Untertagedeponie eingelagert, weitere 55 000 Tonnen Abfälle werden als Füllmaterial unter die Erde gebracht, zum Beispiel giftige Filterstäube aus Kraftwerken. Hochradioaktiver Atommüll, wie etwa in Morsleben, kommt hier aber nicht in die stillgelegten Röhren.

Während die Halden bei Zielitz immer größer werden, wird das Kaliumchlorid rund um den Globus transportiert. Der größte Teil der jährlich rund zwei Millionen Tonnen Dünger geht über den werkseigenen Bahnanschluss zum Hamburger Hafen. Und so treibt der Dünger aus Zielitz rund um den Globus das Pflanzenwachstum auf Feldern und in Gewächshäusern an – und die eine oder andere exotische Frucht von einer mit Zielitzer Kali gedüngten Pflanze landet später vielleicht wieder in Deutschland auf dem Küchentisch. (dpa)