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Das Spiel um den Trostpreis

Belgien und England trafen schon in der Vorrunde aufeinander. Damals ging es immerhin um den Gruppensieg.

Von Holger Schmidt

Es ist die Partie, die keiner braucht und erst recht keiner spielen will. Wenn am Sonnabend Belgien und England im Spiel um Platz drei aufeinandertreffen, sind die Profis trotz eines verbliebenen Funken sportlichen Ehrgeizes mit den Gedanken längst im Urlaub oder zu Hause bei der Familie. „Auf das Spiel um Platz drei habe ich überhaupt keine Lust“, betonte Philipp Lahm 2010 nach dem Halbfinal-Aus gegen Spanien. Auch sein langjähriger Bayern-Mannschaftskollege Arjen Robben machte 2014 deutlich: „Der dritte Platz kann mir gestohlen bleiben. Dieses Spiel können sie von mir aus abschaffen.“

Mit Frust im Leib, nach rund 50 Tagen in Teamcamps und einem kompletten Spannungsabfall bei Fans und Spielern ist es eben schwierig, noch einmal hochzufahren. Deshalb empfinden auch viele diesjährige Teilnehmer wenig Vorfreude. „Es fällt schwer, dieses Spiel zu spielen, aber wir müssen es ja tun“, erklärte Belgiens Torhüter Thibaut Courtois nach dem 0:1 im Halbfinale gegen Frankreich. Englands Harry Maguire sagte nach dem 1:2 nach Verlängerung gegen Kroatien: „Meine Meinung dazu behalte ich lieber für mich.“

Es ist in der Tat ein absurder Gedanke, zwei Verlierer bei einem Ausscheidungsturnier plötzlich noch mal gegeneinander antreten zu lassen, zumal es genau diese Partie schon in der Vorrunde gab. Da ging es wenigstens noch um den Gruppensieg. Trotzdem ließen die Trainer vor etwa zwei Wochen ihre B-Mannschaften auflaufen. Belgien schoss durch den Ex-Dortmunder Adnan Januzaj aus Versehen ein Tor.

Kleines Finale, größeres Spektakel

Bei Europameisterschaften wurde der dritte Platz zuletzt 1980 ausgespielt und diese Begegnung danach „nicht mehr als attraktiv“ angesehen. Der Weltverband Fifa hält dagegen daran fest, als brauche das Finale ein Vorspiel. Was dafür spricht, den Trostpreis auszuspielen: Das kleine Finale bietet meist das größere Spektakel ohne taktische Zwänge. Beide Mannschaften spielen noch mal munter drauflos. Das kommt bei den Fans gut an. Jedenfalls waren die Einschaltquoten im deutschen Fernsehen zuletzt immer hoch, was auch an der Konstellation gelegen haben dürfte.

Beim Rekord 2006 mit 23,97 Millionen TV-Zuschauern setzte die deutsche Nationalelf mit dem 3:1 gegen Portugal einen emotionalen Schlusspunkt unter das „Sommermärchen“. Ähnlich war es 2010 in Südafrika, als sie mit 3:2 gegen Uruguay gewann und 23,62 Millionen Fußballbegeisterte in der Heimat vor dem Bildschirm saßen. Und 2014? Die Niederlande gewannen mit 3:0 gegen Brasilien. Der angeblich lustlose Robben musste 90 Minuten durchhalten. Sein damaliger Trainer Louis van Gaal erklärte, warum er das Match abartig findet: „Der Verlierer dieses Spiels geht mit zwei Niederlagen nacheinander aus einem eigentlich für ihn sehr erfolgreich verlaufenen Turnier.“ (dpa, mit sid, SZ)