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Das Sterben der Lebensversicherung

Lange Zeit galt die Lebensversicherung als attraktive Anlage für die Altersvorsorge. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die Garantiezinsen sinken - und statt Gewinnen sind damit Verluste garantiert. Die SZ erklärt, warum das so ist.

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Von Friederike Marx und Steffen Weyer

Lange Zeit galt die Lebensversicherung als attraktive Anlage für die Altersvorsorge. Damit scheint es vorbei zu sein: Die Assekuranzen sind wegen der Niedrigzinsen in der Bredouille und kürzen die Gewinnbeteiligung. Nun empfehlen Versicherungsmathematiker auch noch, den Garantiezins für Neuverträge ab 2015 von derzeit 1,75 auf 1,25 Prozent zu senken – in den 1990er-Jahren waren es noch vier Prozent. Die SZ erklärt, was die Entwicklung für die Branche und die Verbraucher bedeutet.

Welche Auswirkungen hätte eine Garantiezins-Senkung?

Kurz gesagt: Lebensversicherungen lohnen sich nicht mehr. Spätestens, wenn Verwaltungs- und Abschlusskosten berücksichtigt werden, würde die Garantie bei neuen Verträgen nach derzeitigem Stand die Inflation nicht mehr ausgleichen. „Die Garantieleistung würde mit einem garantierten Wertverlust einhergehen“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Der Garantiezins ist allerdings nur eine Komponente. Hinzu kommen die Überschussbeteiligung, der Schlussüberschuss und die Beteiligung an den Bewertungsreserven, die der Versicherer bei Vertragsende auszahlt. Aus Sicht des Branchenprimus Allianz Leben ist daher die Gesamtverzinsung entscheidend. Sie lag laut der Ratingagentur Assekurata 2013 für ausgezahlte Verträge bei durchschnittlich 4,65 Prozent. Neue Verträge dürften dieses Niveau nicht mehr erreichen.

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Wie wird die Höhe des Garantiezinses berechnet?

Die Versicherungsmathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung legen für ihre Berechnungen die Rendite von europäischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren und einer sehr guten Bonität zugrunde, also zum Beispiel Bundesanleihen. Der Garantiezins darf höchstens 60 Prozent dieses Werts betragen. Das Problem: Seit Anleger in der Euro-Schuldenkrise in die als sicher geltenden Papiere flüchten und die Europäische Zentralbank im Kampf gegen die Krise die Märkte mit günstigem Geld flutet, ist die Rendite dieser Staatsanleihen kräftig gesunken. Ob der Garantiezins tatsächlich auf 1,25 Prozent gesenkt wird, entscheidet das Bundesfinanzministerium. Der Zeitpunkt steht noch nicht fest.

Was ist das Problem der Versicherungsbranche?

Das Geld der Unternehmen steckt vor allem in festverzinslichen Wertpapieren. Jedes Jahr laufen alte, hochverzinste Anleihen aus. Die neue Papiere werfen wegen der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten kaum noch etwas ab. Die Unternehmen müssen dennoch die versprochenen hohen Renditen aus Altverträgen erwirtschaften. Die Versicherer kürzen daher die freiwillige Gewinnbeteiligung. Die Folgen für die Kunden sind schmerzhaft: 2013 sackte die laufende Verzinsung aus Überschussbeteiligung und Garantiezins deutlich unter die Marke von vier Prozent. Für dieses Jahr haben viele Assekuranzen eine weitere Verringerung der Überschussbeteiligung angekündigt.

Wie reagiert die Branche auf die Zinsfalle?

Als Ausweg aus dem Zinsdilemma haben mehrere Anbieter vor Kurzem Lebensversicherungen ohne Garantiezins auf den Markt gebracht. Zugesichert werden den Kunden dabei nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestrente. Den Rest bestimmt das Umfeld an den Kapitalmärkten: Geht es bergauf, profitieren auch die Kunden; geht es bergab, sieht es für sie mau aus. Dabei sollen die ersparten Kosten für die Zinsgarantie den Versicherten zugute kommen. Branchenprimus Allianz Leben ist mit der Nachfrage nach dem Produkt, das seit Sommer auf dem Markt ist, zufrieden. Allein im Oktober entfielen den Angaben zufolge 16 Prozent des Neugeschäfts auf Verträge ohne Zinsgarantie. Versicherungsanalyst Thorsten Wenzel von der DZ Bank sieht in solchen Verträgen Vorteile für Versicherer und Verbraucher: Die Unternehmen müssten weniger teures Kapital vorhalten. Die Kunden hätten die Chance auf höhere Renditen.

Wie beurteilen Experten Lebensversicherungen aktuell?

„Warum sollte ich einem jungen Anleger empfehlen, Geld in einer Lebensversicherung anzulegen, 1,25 oder 1,75 Prozent bekommt er auch bei anderen Produkten“, sagt Verbraucherschützer Nauhauser. Die Gesamtverzinsung erscheint attraktiv, doch verlassen könnten sich Anleger darauf nicht. Auch aus Sicht von Analyst Wenzel wird die klassische Lebensversicherung für Kunden und Unternehmen immer unattraktiver. Eine weitere Senkung des Garantiezinses verstärke allerdings nur den schon bestehenden Trend.

Was muss ich bei Altverträgen beachten?

Die nominelle Verzinsung ist festgeschrieben. Der Bund der Versicherten hält es allerdings für möglich, dass die Versicherer die Beteiligung ihrer Kunden an den Bewertungsreserven zurückfahren. (dpa)