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Das Trauma der Grenzkinder

US-Präsident Trump ordnet den Behörden an, Einwanderern ohne Papiere die Kinder beim Grenzübertritt wegzunehmen.

© dpa

Von Thomas J. Spang, SZ-Korrespondent in Washington

Esteban Pastor rechnete mit vielem, als er versuchte, mit seinem 18 Monate alten Sohn die grüne Grenze in New Mexico zu überqueren. Der Guatemalteke hatte die andere Seite schon erreicht, als ihn die Grenzbeamten in der Wüste aufgriffen. Statt nach Feststellung seiner Identität bis zum Abschluss seines Verfahrens auf freien Fuß gesetzt zu werden, überbrachte ihm ein Agent der „Border Patrol“ die Hiobsbotschaft: „Dein Kind kommt ins Lager, Du gehst ins Gefängnis.“

Familie und Kinder
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Das hatte Esteban nicht erwartet. Denn bis auf eine Einreise ohne Papiere 2009 und zwei Strafzettel wegen „Fahren ohne Führerschein“ hatte der 28-jährige Migrant aus Guatemala eine reine Weste. Er musste die USA 2014 verlassen, nachdem er sich bei einer Verkehrskontrolle in Tennessee nicht ausweisen konnte. Sein Arbeitgeber, ein Restaurant, hätte ihn gern behalten.

Zurück in seinem Dorf heiratete Esteban und wurde stolzer Vater. Als Baby Edwards hohes Fieber bekam und aus der Nase blutete, trat die Familie die lange Reise nach Guatemala City ins Krankenhaus an. Der Kleine überlebte, aber seine Eltern waren finanziell am Ende. In der Hoffnung, mit ein paar Monaten Arbeit die Schulden begleichen zu können, machte sich Esteban in seiner Verzweiflung auf den Weg zurück in die USA.

Er nahm Baby Edwards mit, weil er hoffte, im Fall seiner Festnahme nicht wie die anderen jungen Männer behandelt zu werden. Stattdessen bekam Esteban zu spüren, was seit diesem Mai die Regel für Migranten und Flüchtlinge ist: Die von Donald Trump durchgesetzte „Null Toleranz“-Politik an der Grenze.

Systematische Trennung

Die Konsequenz ist eine systematische Trennung der Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern, die bei einem Grenzübertritt ohne Papiere automatisch wie Kriminelle behandelt werden. „Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind von ihnen getrennt wird, bringen Sie es nicht illegal über die Grenze“, erklärte Justizminister Jeff Sessions die neuen Richtlinien. Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen wehrt sich gegen den Vorwurf von Bürgerrechtlern und Einwanderer-Organisationen, die das Auseinanderreißen von Familien durch die Regierung als „unmenschlich“ kritisieren. Bei einer Anhörung im US-Kongress konnte Nielsen die Frage der Senatorin Kamala D. Harris nicht beantworten, ob es Anweisungen gäbe, wie die Kinder „auf einem am wenigsten traumatischen Weg“ getrennt würden und was danach mit ihnen passierte.

Der Fall des kleinen Edwards, den die Zeitung Houston Chronicle im Detail verfolgte, zeigt, wo die Probleme liegen. „Der Junge konnte nicht einmal sprechen“, empört sich Meghan McLoughlin, die Vater Esteban in dem Rechtsverfahren als öffentliche Pflichtverteidigerin vertrat. „Und niemand konnte mir zunächst sagen, was mit dem Kind geschehen war.“

Schließlich entdeckte sie die Spur Edwards und informierte das guatemaltekische Konsulat. Esteban drückte sie einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand, die ihm später helfen sollte, seinen Sohn zu finden.

Wie berechtigt die Sorge McLoughlins war, zeigt eine Statistik, die Empörung auslöst. Laut Regierungsangaben verloren die Behörden den Kontakt zu fast 1 500 Kindern und Jugendlichen, die zur Vermittlung an das zuständige Gesundheitsministerium übergeben wurden. Einige davon landeten, wie die Sendung „Frontline“ nachwies, bei Menschenschmugglern“.

Unter den Hashtags #WhereAreTheChildren und #MissingChildren sorgten die vermissten Kinder für einen Aufschrei des öffentlichen Entsetzens. Wobei es keinen großen Unterschied macht, ob es sich in deren Fall um unbegleitete Minderjährige handelt oder um zwangsweise von ihren Eltern getrennte Kinder und Jugendliche.

Allein in den ersten beiden Mai-Wochen trennten die Behörden 658 Kinder von ihren Eltern. Der texanische Abgeordnete Joaquin Castro sagt, „viele Leute können nicht glauben, dass dies nun das Standardverfahren unserer Regierung ist“. Wie viele andere fordert er ein Ende der staatlichen Familientrennung und Kriminalisierung von Flüchtlingen.

Für Esteban und dessen Frau ging der Nervenkrieg um ihren kleinen Edwards weiter. Die Einwanderungspolizei schob ihn nach dem kurzen Prozess in El Paso ohne sein Kind nach Guatemala ab. Unter Mithilfe des Konsulats wurde der Kleine schließlich gefunden. Kurz vor seinem zweiten Geburtstag traf er bei seinen Eltern wieder ein. Ein Trauma, das die ganze Familie verfolgen wird.